Ärzte Zeitung online, 06.12.2017
 

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Harmloser Witz oder rassistisches Statement?

Der Grat zwischen übertrieben-zwanghafter Political Correctness und Fremdenfeindlichkeit ist offenbar auch in der Medizin schmaler als gedacht. Damit setzt sich PJlerin Andia Mirbagheri in ihrem ersten Blogbeitrag für die "Ärzte Zeitung" auseinander.

Harmloser Witz oder rassistisches Statement?

Im angelsächsischen Sprachraum haben viele Unis offizielle Leitlinien, die Studierende vor Diskriminierung schützen sollen.

© Franz Pfluegl / fotolia

Vor einigen Tagen wurde ein von vielen Studierenden rassistisch empfundener Beitrag auf den sozialen Netzwerken von Seite des Lernzentrums, einer offiziellen Institution, die studentische Kurse und Weiterbildungsmöglichkeiten an meiner Universität anbietet, geteilt. Konkret ging es darum, dass orientalisch-asiatische Namen als Grundlage für einen Witz zur Weihnachtszeit verwendet wurden, indem sie in den Songtext von „Last Christmas“ eingefügt wurden.

Der Post wurde mittlerweile gelöscht und die Tutoren des Lernzentrums wollen den Vorfall intern beraten. Was mich aufgewühlt hat, ist die Aktualität dieses Themas und es hat Diskussionen sowohl in den sozialen Medien als auch innerhalb meines eigenen Freundeskreises angeheizt.

An vielen Universitäten im angelsächsischen Sprachraum gibt es offizielle Leitlinien, die Studierende und andere Beschäftigte vor Diskriminierung schützen sollen. Darunter fallen beispielsweise die Anti-Racism Policy der University of South Australia sowie Policies on Discrimination and Harassement der Columbia University; Leitlinien, die ein klares Bekenntnis seitens der Hochschulen gegenüber jeglicher Art von Diskriminierung darstellen. Davon gibt es jede Menge Beispiele, sobald man die Kombination "racism policy uni" in die Suchmaschine eintippt.

Andia Mirbagheri

Harmloser Witz oder rassistisches Statement?

© privat

Andia Mirbagheri ist 25 Jahre alt, studiert an der Charité Humanmedizin und ist aktuell im PJ am Charité Campus Mitte auf der Neurochirurgie. Sie hat sich noch nicht für eine Fachrichtung entschieden.

An deutschen Universitäten sieht die Situation (noch?) anders aus. Ich bin auf ethische Statements gestoßen: So gibt es ein offizielles Diversity Mission Statement seitens der Charité von Anfang diesen Jahres, in der sich die Universitätsmedizin betont, dass die Exzellenz medizinischer Wissenschaft und der Gesundheitsberufe ungeachtet von Geschlecht, ethnischer Herkunft, sexueller Identität (...) ihre volle Entfaltung finden könne . Ebenfalls haben dieses Jahr einige Universitäten der Rhein-Main-Region die so genannte "Charta des Willkommens" unterzeichnet, eine ethische Leitlinie, die die Willkommenskultur stärken solle.

Kann nicht mehr getan werden?

Natürlich sind diese Meldungen begrüßenswert, doch frage ich mich in solchen Situationen, ob nicht noch mehr getan werden kann. Wie kann es sein, dass ein kleiner und, ich möchte dem Veröffentlichenden jetzt gerne unterstellen, wahrscheinlich im Ursprung harmlos gemeinter Beitrag, ein unüberlegt gemeinter Witz, einen Diskurs dieser Art auslösen kann? Und wie zieht man in kontroversen Debatten die Linie, ob es sich um einen harmlosen Spruch oder einen Akt der Beleidigung handelt?

Laut der Berliner Antidiskriminierungsstellen spricht man "von Diskriminierung, wenn eine Person in einer vergleichbaren Situation, ohne sachlich rechtfertigenden Grund, aufgrund eines der im AGG genannten Merkmale eine weniger günstige Behandlung als eine andere Person erhält".

Genau dies trifft doch zu, wenn Mahat, Gavit und Sumwuns Namen als Joke missbraucht werden? Andere mögen es anders interpretieren und schließlich leben wir in einer Gesellschaft, in der jeder seine Meinung kundtun kann.

Redaktionen erschrecken mich

Im digitalen Zeitalter ist es einfacher denn je, etwas der Welt mitzuteilen und gleichwohl direkt zu kommentieren; selbstverständlich unter dem "sicheren" Deckmantel der Anonymität des Internets. Trolle gibt es überall, doch hat mich sehr erschreckt, wie die Reaktionen meiner eigenen Kommilitonen zu solch einem Beitrag ausfallen und wie verschieden sie sind. Es hat mich erschreckt, wie offenkundig verschieden die Wahrnehmung von rassistischen und verletzenden Äußerungen ist, nämlich von sehr betroffen sein bis hin zu einer Attitüde, die den moralischen Zeigefinger denunziert und als übertrieben in dieser Situation wahrnimmt.

Es geht mir persönlich nun mit diesem Beitrag weniger darum, einen Moralapostel zu spielen und zu diskutieren, ob jemand sich einen geschmacklosen Witz auf Kosten anderer Menschen erlaubt, die sich dadurch verletzt fühlen könnten, sondern vielmehr darum kommentieren zu können, dass solange so etwas toleriert und unkommentiert bleibt, Strukturen entstehen, die zu einem Milieu führen können, in dem Menschen schlussendlich nicht gleich behandelt werden.

Empathie wichtig für Ärzte

Wie eine Freundin von mir formuliert hat, war das Wort "Empathie" eines der ersten, die einst in unserem Hörsaal fielen, aber sie habe im Zuge dieser Diskussion um den vermeintlichen studentischen Witz nicht den Eindruck, dass die Leute davon viel mitgenommen hätten. Und genau diese Empathie ist eine bedeutsame Eigenschaftes eines Arztes, der die Gedanken und Empfindungen seiner Patienten doch verstehen möchte, um sie schlussendlich am besten behandeln zu können. Sie ist es auch, die uns als werdenden Ärzten hilft, den Eid des Hippokrates einzuhalten, um Patienten unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft, ihres Geschlechts und ihrer Nationalität zu behandeln.

Nachtrag zur Vollständigkeit: Die Tutoren des Lernzentrums haben einen zweiten Post mit einer Entschuldigung nachgesetzt, in dem sie angeben, dass das Meme Menschen wegen ihrer Herkunft beleidigen und damit als rassistisch aufgefasst werden könne. Die Veröffentlichung sei auf fehlende Reflektion und nicht auf bewusste Provokation zurückzuführen, aber dadurch nicht weniger bedauerlich.

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