Ärzte Zeitung online, 13.06.2018

Aus Angst vor Regress?

Zahl der Hausbesuche im Sinkflug

Ärzte gehen in Deutschland immer seltener auf Hausbesuch. Die Zahl dieser Visiten sank drastisch. Sind drohende Regresse der Grund?

Von Christoph Winnat und Hauke Gerlof

Zahl der Hausbesuche im Sinkflug

Eine Ärztin auf Hausbesuch. Offenbar findet das in Deutschland immer seltener statt.

© Gina Sanders / stock.adobe.com

BERLIN. Die Zahl der Hausbesuche von Ärzten ist in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen.

Hatte es nach Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) im Jahr 2009 noch 30,3 Millionen Hausarztbesuche bundesweit gegeben, waren es 2016 nur noch 25,1 Millionen - und im vergangenen Jahr nunmehr 24,6 Millionen (siehe nachfolgende Grafik). Im Schnitt also 484 Besuche je Arzt.

Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken zu Regressforderungen der KVen anlässlich Hausbesuchen hervor.

Zur eigentlichen Fragestellung konnte die Regierung wenig sagen, da der einschlägige Datenbestand mehr als lückenhaft ausfällt.

Lediglich vier KVen (Hessen, Schleswig-Holstein, Nordrhein und Bayern) teilten konkrete Regresssummen jüngeren Datums mit.

An der Spitze lag danach 2016 Hessen mit rund 95.000 Euro Rückforderung für insgesamt 16 Fälle, in denen Ärzten angekreidet wurde, zu viele Hausbesuche erbracht zu haben.

Kessler fordert einheitliche Rahmenbedingungen

„Es sollte selbstverständlich sein, dass medizinisch notwendige Hausbesuche ohne Angst vor Rückzahlungsforderungen der Krankenkassen möglich sind“, äußerte sich der Obmann der Linken im Bundestags-Gesundheitsausschuss, Dr. Achim Kessler, auf Anfrage der „Ärzte Zeitung“.

Die sinkende Zahl an Hausbesuchen lege nahe, dass Ärztinnen und Ärzte auch aus Angst vor Rückzahlungsforderungen zunehmend vorsichtig mit Hausbesuchen umgehen.

Kessler kritisiert auch den „wilden Flickenteppich“ und die „desaströse Datenlage“ zu Wirtschaftlichkeitsprüfungen von Hausbesuchen.

Die Bundesregierung müsse endlich für eine bundesweit gute Versorgung mit Hausbesuchen sorgen – durch einheitliche Rahmenbedingungen, „mit denen Ärzte rechnen können“, so Kessler.

Regionale Unterschiede bei der Anzahl der Hausbesuche

In der Antwort der Bundesregierung fallen unter anderem die starken Unterschiede bei der Zahl der Hausbesuche je Arzt und Jahr auf: Ganz am Ende liegt der Stadtstaat Bremen mit 342 Hausbesuchen je Arzt im vergangenen Jahr, sehr niedrig liegen aber auch die Flächen-KVen Westfalen-Lippe (349 Hausbesuche je Arzt) und Baden-Württemberg (379).

Mit Abstand an der Spitze liegt das Saarland. Hier hat sich die Anzahl der Hausbesuche je Arzt seit 2009 gegen den Trend von 552 auf 894 Hausbesuche je Arzt massiv erhöht. Thüringen liegt auf Platz 2 mit 654 Hausbesuchen je Arzt (siehe nachfolgende Grafik).

Nicht erfasst werden mit der Statistik die Hausbesuche, die im Rahmen der Hausarztzentrierten Versorgung erbracht werden. Das könnte zum Beispiel den niedrigen Wert von Baden-Württemberg erklären.

Auch Hausbesuche von VERAH und NäPA sind nicht Teil der Statistik. Die Versorgung durch Hausbesuche hat sich also wahrscheinlich nicht ganz so stark verringert, wie es auf den ersten Blick aussieht.

Massive Investitionen in Hausbesuche gefordert

Der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, nimmt die Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage der Linken zum Anlass, Forderungen an Politik und Selbstverwaltung zu stellen.

„Die neuen Zahlen müssen für die Politik, die Krankenkassen und die ärztliche Selbstverwaltung der Startschuss sein, endlich die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren“, wird Weigeldt in einer Pressemitteilung des Verbands zitiert.

Statt den Hausärztinnen und Hausärzten bei der Versorgung dieser Patienten Knüppel zwischen die Beine zu werfen, brauche es vielmehr massive Investitionen in die Hausbesuche, so der Verbandsvorsitzende weiter. Hausbesuche seien, „auch im Vergleich zu anderen technischen Leistungen massiv unterbewertet“.

Leider zählten Hausbesuche nicht als Sprechstundenzeit, die in die Mindestsprechstundenzeit eingehe, bedauert Weigeldt.

Sollen Hausbesuche zu den Mindestsprechzeiten zählen?

Genau das könnte sich allerdings ändern, wenn man die Antwort der Bundesregierung bis zum Schluss liest.

Dort heißt es in der letzten Antwort: „So werden zum Beispiel von der geplanten Anhebung des Mindestsprechstundenangebots der Vertragsärztinnen und –ärzte von 20 auf 25 Stunden auch Hausbesuche erfasst, so dass diese Maßnahme zur Stärkung der aufsuchenden Versorgung beiträgt.“

Darauf die Reaktion des Hausärzteverbandes: „Wenn dies nun offensichtlich korrigiert wird, dann ist das natürlich ausdrücklich zu begrüßen.“

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Frappierender Rückgang

Lesen Sie dazu auch:
Intransparenz: Bei Hausbesuchen kocht jede KV ihr eigenes Süppchen
KVWL: Zahlen über Hausbesuche richtig interpretieren!

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[14.06.2018, 16:47:47]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Vertragsärztliche Hausbesuche in Deutschland: Nur 1/3 sind aktiv - 2/3 bleiben passiv!
Dass die Zahl der Hausbesuche aller Vertrags-Ärztinnen und -Ärzte in den vergangenen Jahren insgesamt deutlich zurückgegangen ist, stimmt im Detail so nicht: Immer weniger der insgesamt in der Akut- und Notfallmedizin stark belasteten Haus- und Familienärzte müssen immer häufiger die notwendigen Hausbesuche machen, um die ambulante Versorgung in Praxis und zentralem vertragsärztlichen Notdienst (ZND) überhaupt sicherstellen zu können. Immer weniger in Praxis und MVZ angestellte Kolleginnen und Kollegen wollen überhaupt noch Hausbesuche machen.

Dagegen können und wollen die fach- und spezialärztlichen Kolleginnen und Kollegen am liebsten ohne jegliche Hausbesuchs-Verpflichtungen in den Feierabend gehen, indem sie die ungeliebte Hausbesuchs-Tätigkeit an Haus- und Familienärzte delegieren. Bei unseren zahnärztlichen Kolleginnen und Kollegen gibt es bis heute übrigens gar keine geregelte Versorgung durch Hausbesuche für bettlägerige und immobile Patienten, wenn man von wenigen Privatinitiativen absieht (einen dieser Zahnärzte kenne ich übrigens persönlich).

Die in der Ärzte Zeitung dargelegten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 24,6 Millionen Hausbesuche im Jahr 2017 entsprachen im Schnitt 484 Besuchen pro Arzt. Das ging aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken zu Regressforderungen der KVen anlässlich von Hausbesuchen hervor. Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) wurden im Jahr 2009 noch 30,3 Millionen Hausarztbesuche bundesweit durchgeführt.

Ein schlichter Dreisatz bringt es an den Tag: Wenn bei 24,6 Millionen Hausbesuchen im Jahr 2017 im Schnitt pro Arzt 484 Besuche absolviert wurden, ruhte diese Hausbesuchs-Last auf den Schultern von nur 50.826 Vertragsärzten!
Laut KBV und Bundesarzt-Register lag die Zahl der ambulant tätigen Vertrags-Ärztinnen und -Ärzte im Jahre 2017 zum Stichtag jedoch bei 154.369 Ärztinnen und Ärzten.
http://www.bundesaerztekammer.de/ueber-uns/aerztestatistik/aerztestatistik-2017/ambulant-taetige-aerzte/
Die Zahl der selbstständig freiberuflich Niedergelassenen, also ohne angestellte Kollegen/-innen, lag zum 31.12.2017 bei 118.356.
http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/Statistik2017/Stat17Tab08.pdf

Nur zum Vergleich: Ohne die 120.865 nicht ärztlich Tätigen waren im Jahre 2017 im Bundesgebiet 385.149 Ärztinnen und Ärzte ärztlich tätig.

Im Klartext: Weniger als ein Drittel (50.826) aller ambulant tätigen Vertrags-Ärztinnen und -Ärzte (154.369) machten im Jahre 2017 noch die zur Sicherstellung der ambulanten ärztlichen Versorgung notwendigen Hausbesuche.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[14.06.2018, 09:21:32]
Dr. Rainer Didier 
Hippokratischer Eid
Ich kann nicht verstehen wie Berufskollegen sich in ein System hineinbegeben haben in denen ihr Handeln durch Regresse beeinflusst wird. Haben wir nicht alle geschworen unser Handeln nur zum Wohle des Patienten auszurichten und uns nicht durch irgendwelche Gesetze hierin beeinflussen zu lassen.  zum Beitrag »
[14.06.2018, 08:02:56]
Lilia Renner 
Ausreichend
Viele Hausbesuche sind auch unnötig, und es ist unbefriedigend alle 4-6 Wo einen beschwerdefreien zwar geheingeschränkten Patient mal so zu besuchen, „Hallo“ zu sagen-dafür muß man nicht Medizin studieren, evtl. reicht auch Soz. Arbeiter.
Wie weit wollen wir die Bevölkerung weiter unselbstständig auf Kosten der jüngeren Generation erziehen.Siehe auch die Zahl Arzt-Patient-Kontakte-Durchschnitt in Deutschland an.
Mehr Hausbesuche bei jedem ungewohnlichen Aufstößen. Manche Regresse sind auch berechtigt-manche Ärzte verdienen ihr Geld damit, wird man auch so beraten.
 zum Beitrag »
[13.06.2018, 20:26:07]
Dr.med. Henning Fischer 
Hausbesuch im Budget 22 Euro, danach etwas über 5 Euro

und da wird noch gerätselt, warum immer weniger gemacht werden?

Wie dumm, blind oder unwissend sind denn die Leute?
 zum Beitrag »
[13.06.2018, 16:06:21]
Dieter Döring 
Zahl der Hausbesuche im Sinkflug
Bei der Bezahlung und Regressangst für die Hausbesuche ist es doch wohl nicht verwunderlich, dass immer weniger Hausbesuche gemacht werden.
Man sollte sich doch vielleicht mal überlegen, ob Hausbesuche nicht Krankenhaustage einsparen.

Dieter Döring
Facharzt für Allgemeinmedizin

 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Honorar-Einigung erzielt!

18:30Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der GKV-Spitzenverband haben sich nach siebenstündigen Verhandlungen auf das Honorar für 2019 geeinigt. mehr »

App sorgt für weniger Tage mit Migräne

Bei Einsatz einer Migräne-App lassen sich Kopfschmerztage merklich reduzieren – und zwar um 25 Prozent. Das geht aus einer Studie der Schmerzklinik Kiel und der TK hervor. mehr »

Die Zukunft gehört der sensorischen Zuckermessung

Die Zeiten, in denen sich Diabetiker zur Blutzuckermessung in den Finger stechen müssen, sind wohl bald vorbei. Sensor-Messsysteme bringen neue Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen. mehr »