Aus Angst vor Regress?

Zahl der Hausbesuche im Sinkflug

Ärzte gehen in Deutschland immer seltener auf Hausbesuch. Die Zahl dieser Visiten sank drastisch. Sind drohende Regresse der Grund?

Christoph WinnatVon Christoph Winnat und Hauke GerlofHauke Gerlof Veröffentlicht:
Eine Ärztin auf Hausbesuch. Offenbar findet das in Deutschland immer seltener statt.

Eine Ärztin auf Hausbesuch. Offenbar findet das in Deutschland immer seltener statt.

© Gina Sanders / stock.adobe.com

BERLIN. Die Zahl der Hausbesuche von Ärzten ist in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen.

Hatte es nach Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) im Jahr 2009 noch 30,3 Millionen Hausarztbesuche bundesweit gegeben, waren es 2016 nur noch 25,1 Millionen - und im vergangenen Jahr nunmehr 24,6 Millionen (siehe nachfolgende Grafik). Im Schnitt also 484 Besuche je Arzt.

Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken zu Regressforderungen der KVen anlässlich Hausbesuchen hervor.

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Zur eigentlichen Fragestellung konnte die Regierung wenig sagen, da der einschlägige Datenbestand mehr als lückenhaft ausfällt.

Lediglich vier KVen (Hessen, Schleswig-Holstein, Nordrhein und Bayern) teilten konkrete Regresssummen jüngeren Datums mit.

An der Spitze lag danach 2016 Hessen mit rund 95.000 Euro Rückforderung für insgesamt 16 Fälle, in denen Ärzten angekreidet wurde, zu viele Hausbesuche erbracht zu haben.

Kessler fordert einheitliche Rahmenbedingungen

„Es sollte selbstverständlich sein, dass medizinisch notwendige Hausbesuche ohne Angst vor Rückzahlungsforderungen der Krankenkassen möglich sind“, äußerte sich der Obmann der Linken im Bundestags-Gesundheitsausschuss, Dr. Achim Kessler, auf Anfrage der „Ärzte Zeitung“.

Die sinkende Zahl an Hausbesuchen lege nahe, dass Ärztinnen und Ärzte auch aus Angst vor Rückzahlungsforderungen zunehmend vorsichtig mit Hausbesuchen umgehen.

Kessler kritisiert auch den „wilden Flickenteppich“ und die „desaströse Datenlage“ zu Wirtschaftlichkeitsprüfungen von Hausbesuchen.

Die Bundesregierung müsse endlich für eine bundesweit gute Versorgung mit Hausbesuchen sorgen – durch einheitliche Rahmenbedingungen, „mit denen Ärzte rechnen können“, so Kessler.

Regionale Unterschiede bei der Anzahl der Hausbesuche

In der Antwort der Bundesregierung fallen unter anderem die starken Unterschiede bei der Zahl der Hausbesuche je Arzt und Jahr auf: Ganz am Ende liegt der Stadtstaat Bremen mit 342 Hausbesuchen je Arzt im vergangenen Jahr, sehr niedrig liegen aber auch die Flächen-KVen Westfalen-Lippe (349 Hausbesuche je Arzt) und Baden-Württemberg (379).

Mit Abstand an der Spitze liegt das Saarland. Hier hat sich die Anzahl der Hausbesuche je Arzt seit 2009 gegen den Trend von 552 auf 894 Hausbesuche je Arzt massiv erhöht. Thüringen liegt auf Platz 2 mit 654 Hausbesuchen je Arzt (siehe nachfolgende Grafik).

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Nicht erfasst werden mit der Statistik die Hausbesuche, die im Rahmen der Hausarztzentrierten Versorgung erbracht werden. Das könnte zum Beispiel den niedrigen Wert von Baden-Württemberg erklären.

Auch Hausbesuche von VERAH und NäPA sind nicht Teil der Statistik. Die Versorgung durch Hausbesuche hat sich also wahrscheinlich nicht ganz so stark verringert, wie es auf den ersten Blick aussieht.

Massive Investitionen in Hausbesuche gefordert

Der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, nimmt die Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage der Linken zum Anlass, Forderungen an Politik und Selbstverwaltung zu stellen.

„Die neuen Zahlen müssen für die Politik, die Krankenkassen und die ärztliche Selbstverwaltung der Startschuss sein, endlich die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren“, wird Weigeldt in einer Pressemitteilung des Verbands zitiert.

Statt den Hausärztinnen und Hausärzten bei der Versorgung dieser Patienten Knüppel zwischen die Beine zu werfen, brauche es vielmehr massive Investitionen in die Hausbesuche, so der Verbandsvorsitzende weiter. Hausbesuche seien, „auch im Vergleich zu anderen technischen Leistungen massiv unterbewertet“.

Leider zählten Hausbesuche nicht als Sprechstundenzeit, die in die Mindestsprechstundenzeit eingehe, bedauert Weigeldt.

Sollen Hausbesuche zu den Mindestsprechzeiten zählen?

Genau das könnte sich allerdings ändern, wenn man die Antwort der Bundesregierung bis zum Schluss liest.

Dort heißt es in der letzten Antwort: „So werden zum Beispiel von der geplanten Anhebung des Mindestsprechstundenangebots der Vertragsärztinnen und –ärzte von 20 auf 25 Stunden auch Hausbesuche erfasst, so dass diese Maßnahme zur Stärkung der aufsuchenden Versorgung beiträgt.“

Darauf die Reaktion des Hausärzteverbandes: „Wenn dies nun offensichtlich korrigiert wird, dann ist das natürlich ausdrücklich zu begrüßen.“

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Frappierender Rückgang

Lesen Sie dazu auch: Intransparenz: Bei Hausbesuchen kocht jede KV ihr eigenes Süppchen KVWL: Zahlen über Hausbesuche richtig interpretieren!

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