Ärzte Zeitung, 23.05.2014
 

Porträt

Neustart mit Fokus auf Salutogenese

Hausarztleben adé: Der Allgemeinarzt Dr. Ulrich Sappok schließt seine Praxis, um sich künftig in einem eigenen Zentrum den Gesunden zu widmen - im Sinne der Salutogenese.

Von Katrin Berkenkopf

Neustart mit Fokus auf Salutogenese

Das einstige Praxisschild hat er schon abmontiert: Der Düsseldorfer Hausarzt Dr. Ulrich Sappok widmet sich jetzt der Gesunderhaltung.

© Katrin Berkenkopf

DÜSSELDORF. Das Schild am Eingang ist bereits abmontiert, Umzugskartons stehen parat, Schreibtisch und Ultraschallgerät warten auf ihren Abtransport in eine Obdachlosenpraxis.

Seit Anfang März ist die Praxis des Hausarztes Dr. Ulrich Sappok in Düsseldorf geschlossen.

Der 54-Jährige will einen Neustart wagen, weg von der kurativen Medizin und hin zu einer, die auf die Erhaltung und Entstehung von Gesundheit setzt. "Nicht nur mit Krankheit, auch mit Gesundheit kann man sein Geld verdienen, und das mit einem viel besseren Gefühl", ist Sappok überzeugt.

Auf dem Terrain der Heilpraktiker

Fast in Sichtweite der bisherigen Praxis will er am Dominikus-Krankenhaus Ende des kommenden Jahres ein "Zentrum für emotions- und achtsamkeitsbasierte Gesundheitsförderung/Gesundheitsbildung" eröffnen. "Gesundheitsbildung ist doch eine ur-ärztliche Aufgabe", sagt der Mediziner.

Die Zeit sei reif für das Thema, ist er überzeugt, es sei aus der esoterischen Ecke in die Mitte der Gesellschaft gerückt und wissenschaftlich untermauert. Und deshalb dürften die Ärzte diesen Komplex nicht Heilpraktikern und anderen überlassen.

Bis Sappok zu diesem Entschluss kam, dauerte es viele Jahre. Dass er kein bequemer Mitläufer im Gesundheitssystem ist, war dagegen schon früh klar. Als jüngstes von drei Kindern und einziger Sohn war Sappok quasi von Kindesbeinen an als Nachfolger für die Düsseldorfer Hausarztpraxis seines Vaters im dörflichen Stadtteil Heerdt, unweit des Rheins, vorgesehen.

Doch der junge Sappok opponierte dagegen. Zwar bewarb er sich Semester für Semester erneut um einen Studienplatz in Medizin.

Die Wartezeit aber verbrachte er mit seinen Freunden aus der Künstlerszene, gründete in den 1980er Jahren die Performance-Gruppe "Anarchistische Gummizelle" und erhielt Preise als Kurzfilmemacher. Er arbeitete ein Jahr in der Krankenpflege. Als endlich die Zusage für den Studienplatz kam, hätte er am liebsten abgelehnt.

Irgendwie schaffte er alle Prüfungen, hin und wieder fiel er mit außergewöhnlichen Aktionen auf. So erschien er zu einer Prüfung aus Protest gegen die frühe Uhrzeit in Schlafanzug und Bademantel.

Kaum hatte er das Examen hinter sich, wandte er sich wieder der Kunst zu. Er drehte einen Spielfilm, für den seine Gruppe Fördergelder erhalten hatte.

"Ich bin der Arzt für Gesunde, du für die Kranken"

Doch irgendwann stand eine Entscheidung an. Zu einer Zeit, als häufig von der "Ärzteschwemme" die Rede war, war es für Sappok nicht leicht, eine Assistenzarztstelle zu finden. Es half der gute Draht zu den Ordensschwestern des örtlichen Dominikus-Krankenhauses, in das er nun viele Jahre später zurückkehren will.

1993 erhielt er seinen eigenen Kassensitz, stieg damit in die Praxis des Vaters ein und machte ihm gleich eine klare Ansage: "Ich bin der Arzt für Gesunde, du für die Kranken." So stand es später auch auf seinem Praxisschild - "der Arzt für(s) Gesunde".

Aber der Vater zog sich altersbedingt immer weiter aus der Praxis zurück, die Patienten wollten zum jungen Sappok. Und so rutschte er immer weiter in einen normalen Hausarzt-Alltag.

"Ich konnte damit auch ganz gut umgehen", erinnert sich der Arzt - bis er vor gut zehn Jahren das Prinzip der Salutogenese von Aaron Antonovsky kennen lernte, ein Konzept zur Entstehung und Erhaltung von Gesundheit. Das hat er mittlerweile so verinnerlicht, dass er die Salutogenese mit Beginn des neuen Semesters als Wahlkurs für Medizinstudierende an der Heinrich-Heine-Universität anbietet.

Sappok selbst versucht es bei seinen Patienten seitdem mit einem anderen Ansatz: Was könnte hinter einer Krankheit stecken, wofür könnte die Erkrankung gut sein? "Die Sichtweise änderte sich." Die Resonanz vieler Patienten, gerade der jüngeren, sei gut gewesen.

"Die freuten sich, dass jemand auch mal anders nachfragte, und sich Zeit für sie nahm." Doch auf Dauer war das nicht genug. Für ihn gab es nach wie vor zu viel althergebrachte Verwaltung von Krankheit.

"Ich bekam Post von der KV und musste so codieren, dass ich möglichst viel Krankheit erzeuge, um auch ein entsprechendes Honorar zu bekommen." Die Mitarbeit, die er nun von seinen Patienten erwartete, wollten nicht alle erbringen. "Es blieb bei den Ritualen, manche wollen eben einfach ihre vier Medikamente gegen Bluthochdruck und nicht weiter an dem Thema arbeiten. Das nehme ich ihnen auch nicht übel."

Patienten geben Zuspruch

Er begann, immer mehr nach Alternativen zu seiner Praxis zu suchen, lernte vieles über den Bereich der Achtsamkeit, Gesundheitsbildung, Mind-Body-Medizin. Gleichzeitig erfuhr er, dass am Dominikus-Krankenhaus ein großer Umbau anstand. Dort fand seine Idee eines Zentrums zur Gesundheitsförderung offene Ohren.

Irgendwann stand der Entschluss fest: Die Praxis mit rund 600 Scheinen wird geschlossen. Seine Entscheidung erläuterte Sappok auf großen Tafeln im Wartezimmer und im Web.

Die Patienten hätten sie verstanden, er habe viel Zuspruch erfahren. "Ich habe oft gehört: ,Machen Sie das, das passt zu Ihnen.‘"Sein Abschied von der Praxis soll aber kein Abschied aus dem System sein. Selbstzahlerleistungen sollen in seinem Zentrum die Ausnahme bleiben.

Die Rentenversicherungsträger, Arbeitgeber, die in betriebliche Gesundheitsförderung investieren, und die Krankenkassen sieht er als potenzielle Kostenträger für seine künftigen Angebote. Das genaue Konzept von "emotionaler Kompetenz durch Achtsamkeit" und sein Team will er in den kommenden Monaten aufbauen.

Sein Kassensitz ruht bis September 2015 wegen Elternzeit. "Das ist mein gefühltes Sicherheitsnetz", sagt er mit einem Lächeln.

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