Ärzte Zeitung online, 16.01.2019

Projekt "Share to Care"

Uniklinik bindet Patienten in Therapieentscheidungen ein

Am Universitätsklinikum Schleswig Holstein wird erprobt, inwieweit Patienten stärker in Therapieentscheidung eingebunden werden können. Dafür müssen Ärzte geschult werden – aber auch Patienten umdenken. Projektleiter Friedemann Geiger erklärt das Konzept.

Von Dirk Schnack

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Professor Friedemann Geiger ist Projektleiter von „Share to Care“ am UKSH: Patienten sollen lernen, im Gespräch die richtigen Fragen zu stellen.

© Dirk Schnack

KIEL. Das vom Innovationsfonds geförderte Projekt „Share to Care“ erprobt, wie Patienten stärker in Therapieentscheidungen einbezogen werden können. Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) erhält dafür in den kommenden Jahren insgesamt 14 Millionen Euro.

Wie notwendig die Einbeziehung von Patienten aus deren Sicht ist, zeigte die Auftaktveranstaltung für das Projekt jüngst in Kiel. Von Mediziner und Moderator Dr. Eckart von Hirschhausen ermuntert, berichteten Patienten von negativen Erfahrungen. „Ohne Gesundheitscoach sind ältere Patienten verloren“, hieß es aus den Reihen der Zuschauer, oder: „Mein Arzt hört nicht gut zu, ist schlecht vorbereitet und bezieht mich nicht ein“.

Nach Beobachtung von Hirschhausen sind dies keine Einzelmeinungen. „Informierte Patienten werden von uns Ärzten oft als lästig empfunden“, sagte er und kritisierte in diesem Zusammenhang falsche Vergütungsanreize, etwa die Belohnung für möglichst hohe Op-Zahlen.

Persönliche Prioritäten wichtig

Gelingen könnte eine Umkehr nach seiner Ansicht mit besser informierten Patienten, die eine gemeinsame Entscheidungsfindung anstreben. Wie das „Shared Decision Making“ (SDM) am besten umgesetzt werden kann, wird derzeit am UKSH erprobt.

Projektleiter Professor Friedemann Geiger zeigt sich überzeugt, dass die gemeinsame Entscheidung von Arzt und Patient angebracht ist, wenn sich mehrere Behandlungsmöglichkeiten medizinisch gleichermaßen gut begründen lassen. Außer dem medizinischen Wissen des Experten ist für den Psychologen wichtig, dass persönliche Präferenzen und Prioritäten des Patienten in medizinische Entscheidungen einfließen.

Patienten sollen im Verlauf des Projektes lernen, im Gespräch mit dem Arzt die richtigen Fragen zu stellen: Geiger empfiehlt folgende Fragen:

  • Welche Möglichkeiten habe ich? (inklusive Abwarten und Beobachten)
  • Was sind die Vorteile und die Nachteile jeder dieser Möglichkeiten?
  • Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Vorteile und Nachteile bei mir auftreten?

Eintägige Intensivkurse für Ärzte

Damit diese Fragen beim Patienten auch im entscheidenden Moment präsent sind, werden sie über verschiedene Medien verbreitet. Im UKSH sind Karten erhältlich, auf denen Patienten vor dem Arztgespräch noch einmal auf diese Fragen hingewiesen werden. Ärzte und medizinisches Personal in den Kliniken des UKSH werden in eintägigen Intensivkursen geschult, damit die Patienteneinbeziehung gelingt.

Im Laufe des Projektes sollen alle Kliniken erreicht werden. Geiger hat bislang beobachtet, dass die Ärzte aufgeschlossen für SDM sind. UKSH-Vorstandschef Professor Jens Scholz räumte ein, dass die Freistellung des Personals für die Schulungen ohne die Förderung durch den Innovationsfonds wirtschaftlich für ein Krankenhaus kaum zu leisten sei.

Für die gemeinsame Entscheidungsfindung hält er ein Umdenken für erforderlich: Patienten müssten lernen, sich in die Entscheidungsprozesse einzubringen und Ärzte, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Scholz forderte aber auch eine bessere Honorierung von Gesprächsleistungen.

Auf positive Resonanz stößt das Projekt bei den Krankenkassen. Dr. Johann Brunkhorst, Leiter der TK-Landesvertretung in Schleswig-Holstein, sieht in den eingeleiteten Schritten eine „Systemrevolution.“ Hardy Müller, Generalsekretär des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, hält die stärkere Einbeziehung der Patienten für mindestens so wichtig wie die Digitalisierung, wenn es um Versorgungsverbesserungen geht: „Die Einbeziehung der Patienten führt zu einer neuen Dimension der Versorgung“ – und nach seiner Ansicht zu mehr Patientensicherheit.

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