Ärzte Zeitung online, 21.04.2019

Aufklärung mit Bildern

Wenn Comics die Op erklären

Alles andere als Kinderkram: Ärzte an der Charité setzen für eine Studie auf Patientencomics zur Aufklärung über die Herzkatheteruntersuchung. Und siehe da: Die Patienten können sich mehr Details merken als bei der reinen mündlichen Aufklärung.

Von Matthias Wallenfels

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Der Patientencomic zur Aufklärung über den Eingriff folgt dem Drehbuch eines konventionellen Comics.

© Stangl/Charité

BERLIN. Für Patienten sind Information und Kommunikation die Grundvoraussetzungen zur Teilnahme am medizinischen Entscheidungsprozess. Sie sind Basis individueller Gesundheitskompetenz, der Health Literacy.

Und um die steht es – wie Erhebungen in jüngster Zeit immer wieder zeigten – bei den Deutschen nicht zum Besten. So hat fast jeder zweite Bundesbürger Probleme damit, gesundheitsbezogene Informationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und auf die eigene Lebenssituation anzuwenden.

Folgen dieser Umfrageergebnisse der Universität Bielefeld von vor drei Jahren sind die Allianz für Gesundheitskompetenz unter Federführung des Bundesgesundheitsministeriums sowie der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz einer privaten Initiative.

Mehr Verständnis, weniger Angst

Getrieben von der Frage, wie die Aufklärung der Patienten in einer konkreten Krankenhaussituation – gerade bei komplexen Eingriffen wie der Herzkatheteruntersuchung – nachhaltig zufriedenstellend gelingen könne, kam Professor Verena Stangl von der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Kardiologie und Angiologie am Campus Charité Mitte die Idee zu Aufklärungscomics für Patienten.

„Nach dem Grundsatz ‚ein Bild sagt mehr als Tausend Worte‘ wollten wir diesen Patientinnen und Patienten mithilfe einer bildlichen Darstellung das Begreifen der Aufklärungsinhalte erleichtern“, verdeutlicht Stangl.

Die ärztliche Mission ist unmissverständlich: Die – gesetzlich vorgeschrieben – Aufklärung soll Patienten bei der selbstbestimmten Entscheidung für oder gegen eine Behandlung unterstützen. Zudem wird über den medizinischen Nutzen und potenzielle Risiken gesprochen.

Nach Erfahrung der Kardiologen an der Charité hat sich aber beispielsweise bei Menschen mit koronarer Herzkrankheit gezeigt, dass diese das Grundprinzip einer anstehenden Herzkatheteruntersuchung trotz Aufklärung oft nicht vollständig erfassen können – und somit den Nutzen dieser Maßnahme falsch einschätzen.

Zusammen mit ihrer Kollegin Dr. Anna Brand, ebenfalls Kardiologin, entwickelte Stangl einen 15-seitigen Comic, der den häufigsten Eingriff in der Kardiologie veranschaulicht: die Herzkatheteruntersuchung und eine sich gegebenenfalls anschließende Implantation eines Stents.

Zufriedenheit mit Pilotstudie

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Ausschnitt aus dem Comic.

© Stangl/Charité

„Wie wir in unserer Pilotstudie jetzt zeigen konnten, eignet sich dieser Comic tatsächlich dazu, die Betroffenen besser auf den Eingriff vorzubereiten“, resümiert Stangl. Die Studie wurde jetzt in der Fachzeitschrift „Annals of Internal Medicine“ (doi: 10.7326/M18-2976) veröffentlicht.

Das Team um die beiden Kardiologinnen hatte insgesamt 121 Patienten vor der Herzkatheteruntersuchung entweder wie bisher üblich in einem ärztlichen Gespräch anhand des offiziellen Aufklärungsbogens informiert oder ihnen anschließend zusätzlich den Comic zur Verfügung gestellt.

Über verschiedene Fragebogen vor und nach dem Gespräch werteten die Forscher aus, wie gut die Betroffenen den Eingriff verstanden hatten, wie stark ihr Angstgefühl ausgeprägt war und ob sie mit der Aufklärung zufrieden waren.

Dabei erwies sich der Comic in allen Bereichen als hilfreich: Patienten, die zusätzlich die bebilderte Broschüre bekommen hatten, konnten im Schnitt knapp 12 von 13 Fragen zur Vorgehensweise, den Risiken und Verhaltensregeln nach dem Eingriff korrekt beantworten. Nach der klassischen Aufklärung lag der Wert nur bei etwa neun von 13 Fragen.

Zudem gaben die Befragten nach der Comic-Lektüre an, weniger besorgt zu sein als vor dem Aufklärungsgespräch. Insgesamt zeigten sich rund 72 Prozent der Teilnehmer mit der Comic-Aufklärung zufrieden und fühlten sich gut auf die Herzkatheteruntersuchung vorbereitet – nach der Standard-Aufklärung waren es nur 41 Prozent.

Viel Zeit, Inhalte zu verarbeiten

„Ein Comic ermöglicht, komplexe Inhalte sowohl textlich als auch visuell zu erfassen und dies verbessert erwiesenermaßen das Verstehen bei den verschiedenen Lerntypen“, sagt Dr. Brand. „Außerdem lässt ein Comic – im Gegensatz zu einem Video – der Leserin oder dem Leser so viel Zeit zum Erfassen der Inhalte wie individuell nötig“, fügt sie hinzu.

Brand weiter: „Unsere Studie konnte jetzt erstmals nachweisen, dass medizinische Comics als ergänzendes Aufklärungsmaterial sehr wirkungsvoll sind. In Zukunft wollen wir untersuchen, ob sich diese positiven Effekte auch auf andere medizinische Eingriffe übertragen lassen.“

Auch Forscher der Jacobs University in Bremen beschäftigen sich mit Comics in der Patientenaufklärung. Vor Kurzem rieten sie Praxisteams mit Blick auf das gesundheitsbezogene Informationsmanagement, zumindest bei älteren Patienten eher auf traditionelle, an Comics angelehnte Papierformate zu setzen als auf moderne Kommunikationstechniken wie Videos. Dies fördere das Patientenverständnis und die Compliance.

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