Kommentar zum neuen Facharzt für Infektiologie

Ein neuer Facharzt – und viele Fragezeichen

In Deutschland wird es eine neue Facharzt-Weiterbildung geben. Was nach einer Lehre aus der Pandemie klingt, wirft erheblich viele Fragezeichen auf.

Von Denis NößlerDenis Nößler Veröffentlicht:

Deutschlands Ärzteschaft bekommt eine neue Gebietsbezeichnung: den Facharzt, oder besser Fach*ärztin für Innere Medizin und Infektiologie. Die Änderung der Musterweiterbildungsordnung kann durchaus als Lehre aus der Pandemie verstanden werden; und wer mag die Relevanz für ein solches Fachgebiet infrage stellen, wo doch seit 14 Monaten eine Seuche die Indexerkrankung schlechthin ist?

Doch cave vor allzu überhöhten Hoffnungen und Erwartungen. Dazumal die einzelnen Landesärztekammern ohnehin schon wieder in guter Übung Alleingänge pflegen – siehe hier die Pioniertat der Kammer in Rheinland-Pfalz, wo das neue Fachgebiet schon Ende April in die Weiterbildungsordnung aufgenommen wurde.

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Enttäuschung könnte sich breitmachen bei all jenen, die nun glauben, der jüngste Ärztetagsbeschluss auf Drucksache Nummero IIIb-01 samt Appendix werde rasch zu einem Heer an internistischen Infektiologen führen. Bis es so weit sein wird, werden Jahre vergehen: Jede Kammer – bis auf Rheinland-Pfalz – muss ihre Weiterbildungsordnung anpassen. Nicht ausgeschlossen, dass es da auch Abweichler geben wird.

Jahre bis zur ersten Anerkennung?

Und dann müssen zunächst sechs Jahre Weiterbildung abgeleistet werden. Klar, wer die schon nachweisen kann und die 201 im neuen Curriculum geforderten Kompetenzen erworben hat, kann sich dann gleich bei der Kammer zur Prüfung anmelden.

Doch droht dann die nächste Enttäuschung: Wenn wir nämlich nach einigen Jahren in der alljährlichen Ärztestatistik feststellen müssen, dass wir bundesweit „nur“, sagen wir 300 Fach*ärztinnen für Innere Medizin und Infektiologie haben. Dann wird die Klage nach einem Ärztemangel wieder laut werden. Mindestens aus diesem Fach.

Zudem könnte das neue Gebiet zu einem solchen Mangel auf anderer Seite führen: nämlich bei den Laborärzten und den Fachärzten für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie. Beide Gebiete sind bekanntlich überwiegend diagnostische Fächer. Nicht auszuschließen, dass angehende Ärzte, die heute eines dieser Gebiete gewählt hätten, dann doch eher zum internistischen Pendant greifen, weil dort Patientennähe und Therapie eine größere Rolle spielen werden. Nur, wenn dann im Labor Ärzte-Ebbe herrscht, wäre uns auch nicht geholfen.

Die anderen Fachgebiete nicht vergessen

Ohnehin ist fraglich, ob durch die Bündelung in einem neuen spezialfachärztlichen Gebiet die gewünschte Stärkung infektiologischer Expertise tatsächlich auch erreicht wird. Gerade die Pandemie ist es, die uns lehrt, dass dieses Wissen curricular sehr viel breiter – und tiefer – verankert sein müsste.

90 Prozent aller COVID-19-Patienten wurden hierzulande von den Hausärzten versorgt. Das sind die Infektiologen an der Frontlinie des Gesundheitswesens.

Und ja, auch Antibiotikaresistenzen sind ein gravierendes Problem, auch vermeidbare Todesfälle durch Sepsis im Übrigen. Die Frage ist nur, ob einige wenige Hundert gebietsärztliche Infektiologen die Resistenzprobleme besser werden lösen können als ein echtes Antibiotic Stewardship, das in der schieren Masse aller niedergelassenen und Klinikärzte ansetzt.

Die Möglichkeit, hier besser zu werden, gibt es mit der Zusatzbezeichnung Infektiologie längst. Aber die hätte der Ärztetag ja attraktiver machen können.

Schreiben Sie dem Autor: denis.noessler@springer.com

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