Immuntherapie im Kommen

Abwehr gegen Krebs wird scharfgemacht

Im Kampf gegen Krebs setzen Onkologen nicht mehr nur auf Chemo und Bestrahlung - zunehmend versuchen sie, die gezügelte Immunabwehr wieder flottzumachen. Der Weg ist erfolgsversprechend.

Von Peter LeinerPeter Leiner Veröffentlicht:
Es zeichnet sich ab, dass sich gegen Krebszellen eine personalisierte Immuntherapie entwickeln wird, die helfen kann, wo Standardtherapien versagen.

Es zeichnet sich ab, dass sich gegen Krebszellen eine personalisierte Immuntherapie entwickeln wird, die helfen kann, wo Standardtherapien versagen.

© Juan Gärtner/fotolia.com

NEU-ISENBURG. Immer stärker rückt in der Onkologie die Immuntherapie in den Fokus von Wissenschaftlern und Ärzten. Das wird unter anderem in der Fortbildung deutlich, zum Beispiel bei aktuellen Veranstaltungen wie "Die Renaissance der Immuntherapie" oder in Mitteilungen von Fachgesellschaften mit der Überschrift "Immuntherapie: Auf dem Weg in eine neue Ära?"

Tatsächlich wurde der Immuntherapie von Tumoren einer der beiden Schwerpunkte bei derdiesjährigen DGHO-Jahrestagung in Hamburg zugewiesen - zu Recht.

Oder wie es ein Sitzungsmoderator plakativ formulierte: "Die Veranstaltung zur Immuntherapie bei Krebs ist die wohl interessanteste des gesamten Krebskongresses."

Die am längsten genutzte Immuntherapie im Zusammenhang mit Krebs ist die Mitte der 1970er-Jahre erstmals erfolgreich angewandte BCG-Immuntherapie mit dem Bacillus-Calmette-Guérin-Impfstoff beim oberflächlichen Harnblasenkarzinom.

Viel bekannter und breiter einsetzbar ist aber inzwischen die Behandlung mit monoklonalen Antikörpern, allein oder in Kombination mit einer Chemotherapie. Viele neue Entwicklungen werden vor allem in der Lymphomtherapie und beim Mammakarzinom bereits erfolgreich genutzt.

"Aber die Immuntherapie hat sich weiterentwickelt zu Eingriffen in die spezifische Regulation des Immunsystems, vor allem in die Aktivität der Abwehr-T-Zellen", betonte Kongresspräsident Professor Carsten Bokemeyer vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Checkpoint-Inhibitoren lösen Bremsen

Zum Schlagwort geworden sind hier die "Checkpoint-Inhibitoren", mit denen es gelingt, gewissermaßen die Bremsen, die dem Immunsystem bei der Abwehr von Tumoren auferlegt sind, zu lösen.

Erstmals ist das beim Melanom gelungen, und zwar mit dem bereits im Dezember 2013 zugelassenen Antikörper Ipilimumab, der an das Antigen CTLA-4 auf der Oberfläche von T-Lymphozyten bindet und es blockiert.

Ein zweiter Hemmstoff dieser Klasse ist Nivolumab. Bokemeyer: "Es setzt an einem etwas anderen Kontrollpunkt an, dem PD1-/PD1-Liganden-System, und ist vielleicht sogar noch vielversprechender."

Mitte 2014 ist der Antikörper in Japan - ebenfalls beim Melanom - zugelassen worden. Zwei Beispiele dafür, wie rasch immunpathologische Erkenntnisse in pharmazeutische Innovationen umgesetzt werden.

Und diese beiden Präparate sind erst der Anfang. Außer beim Melanom gibt es auch zu anderen Krebsentitäten wie Lungen- und Brustkrebs ermutigende erste Studienergebnisse.

Noch spannender sind die Studienergebnisse zur zellulären Immuntherapie, denn mit ihr lassen sich Patienten erfolgreich behandeln, bei denen bisherige Therapieoptionen, etwa mit Chemotherapeutika, versagt hatten.

Am meisten Aufsehen erregt hat dabei die Behandlung von Patienten mit hämatologischen Malignomen, die ihre eigenen T-Lymphozyten reinfundiert bekommen haben. Die Zellen werden dabei außerhalb des Körpers mithilfe der Gentechnik so verändert, dass sie die Fähigkeit erlangen, Krebszellen ganz spezifisch zu attackieren - ganz nach dem Willen desjenigen, der die T-Zellen manipuliert hat.

Solche ersten Erfolge leben natürlich von Fallbeispielen, bei denen die Therapie ganz besonders gut gelungen ist. Eindrucksvoll ist die Behandlung der US-Amerikanerin Emily Whitehead: Im Alter von sechs Jahren hatte sie die zelluläre Immuntherapie an der Klinik in Philadelphia wegen einer therapierefraktären akuten lymphatischen Leukämie erhalten.

Heute ist sie acht Jahre alt und seit zwei Jahren ohne weitere Behandlung krebsfrei.

Kampf mit den eigenen veränderten Abwehrzellen

Aber nicht bei jedem Patienten verläuft die Behandlung problemlos. Zu kämpfen haben viele, die mit ihren eigenen veränderten Abwehrzellen behandelt werden, zum Beispiel mit einer massenhaften Freisetzung von Zytokinen, dem "cytokine-release"- Syndrom.

Zwar ist das meist selbstlimitierend und Zeichen der erfolgreichen zellulären Attacke. Doch einer aktuellen Studie zufolge sind die Nebenwirkungen bei fast jedem dritten Patienten so schwerwiegend, dass sie etwa wegen Hypotonie oder Atemwegsinsuffizienz intensivmedizinisch versorgt werden müssen.

Doch man kann zuversichtlich sein, dass die Forscher auf dem Gebiet der Immunpathologie schon bald auch dagegen ein passendes Rezept finden werden.

Die modernen Therapien gegen Krebs auf der Grundlage der immunologischen Erkenntnisse werden nicht einfacher werden. Es zeichnet sich aber ab, dass sich eine personalisierte Immuntherapie entwickeln wird, die helfen kann, wo die Standardtherapien versagen.

Fortschritte, die zuvor undenkbar schienen. Die grundlegenden Erkenntnisse vor allem zur zellulären Immuntherapie gegen Krebs, die zu dieser Entwicklung geführt haben, wären durchaus den Medizinnobelpreis wert.

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