Kommentar des Experten

Adipositas-Chirurgie zielt auf das gefährliche intraabdominale Fett

Eingriffe an Magen und Darm haben günstige metabolische Effekte. Diese sind allerdings gegen die Risiken einer Operation abzuwägen.

Von Prof. Hellmut Mehnert Veröffentlicht: 04.04.2011, 12:13 Uhr

Grundsätzlich gilt, dass die Adipositas-Chirurgie als Therapie-Option eine absolute Ausnahme bleiben sollte. Auch deswegen, weil die Eingriffe für Patienten nicht unproblematisch sind. So ist mit jeder Operation ein Risiko verbunden. Und in Folge der Eingriffe wird unter Umständen die Aufnahme von wichtigen Nahrungsstoffen wie Vitaminen gestört.

Option für Patienten mit extremer Adipositas

Trotzdem kann bei Patienten mit einem Körper-Masse-Index (BMI) von mehr als 40 kg/m2 eine Adipositas-Chirurgie erwogen werden, wenn andere intensive Maßnahmen zur Gewichtsabnahme über längere Zeit nicht gegriffen haben. Nach den Leitlinien ist ein BMI über 40 eine Indikation für den Eingriff. Davon allein sind in Deutschland etwa 1,2 Millionen Menschen betroffen. Eine weitere Indikation ist nach den Leitlinien ein BMI über 35 plus Komorbiditäten wie Diabetes, Bluthochdruck oder Gelenkerkrankungen. Hier wird von metabolischer Chirurgie gesprochen, da durch die Eingriffe Stoffwechselveränderungen offensichtlich auch unabhängig von der Gewichtsreduktion erreicht werden.

Abzugrenzen sind Eingriffe wie Liposuktion, die direkt auf das subkutane Bauch- oder Hüftfett zielen und bei denen mehrere Kilogramm entfernt werden. Diese bieten metabolisch keine Vorteile, denn damit wird ausschließlich subkutanes Fett beseitigt. Das gefährliche intraabdominale Fett bei androider Stammfettsucht wird nicht eliminiert.

Bei der Adipositas-Chirurgie wird - etwa mit Magen-Bypass oder Magenband - der Magen verkleinert, damit die Patienten bei Mahlzeiten schnell ein Sättigungsgefühl bekommen. Die Verkleinerung von Nahrung resorbierenden Flächen durch die Magen- oder Darmoperationen hat erhebliche Auswirkungen auf das Körpergewicht.

Welche metabolischen Folgen sind von einer solchen Operation zu erwarten? Anders als bei einer direkten, Fettgewebe eliminierenden Operation, bei der nur subkutanes Fett beseitigt wird, wird etwa nach einer Magen-Bypass-Operation durch die verminderte Nahrungszufuhr der überwiegende Teil der Fettmengen des Körpers abgebaut - also auch das intraabdominelle Fett.

Bei Diabetikern kann häufig Insulin abgesetzt werden

Das ist natürlich ein erheblicher metabolischer Vorteil, weil nunmehr bei insulinbedürftigen Patienten durch die Reduzierung der Insulinresistenz und der Insulin benötigenden Gewebemast die Stoffwechselsituation sich stark verbessern kann. Das bedeutet, dass Insulin spritzende Patienten häufig auf orale Antidiabetika oder eine alleinige Ernährungstherapie umgestellt werden können. Diabetes-Patienten, die vorher mit oralen Antidiabetika behandelt waren, benötigen jetzt meist gar keine Diabetesmedikamente mehr.

Und für alle Diabetiker gilt, dass mit der Abnahme des Körperfettes auch Risikofaktoren wie Hypertonie und Dyslipoproteinämie günstig beeinflusst werden. Gerade für die Hypertonie hat zu gelten, dass nicht nur - wie manchmal vermutet wird - allein der geringere Umfang des Oberarmes zu niedrigeren Blutdruckmesswerten führt, sondern dass es sich wirklich um eine Minderung des Blutdruckes handelt.

Dass die Dyslipoproteinämie - vor allem die Hypertriglyzeridämie - günstig beeinflusst wird, ist bei der Gemeinsamkeit der "Störungen des Fettstoffwechsels bei Adipositas und Dyslipoproteinämie" nicht verwunderlich. So gesehen kann man bei der Entwicklung der metabolischen Chirurgie von Fortschritten sprechen, die es im Vergleich zu möglichen Nachteilen abzuwägen gilt.

Mehr zum Thema

DDG-Chefin Bitzer zur Zuckerreduktion

Eine Steuer allein reicht auch nicht

Kooperation | In Kooperation mit: AOK-Bundesverband

AOK-Studie

Frühstückscerealien reinste Zuckerbomben

Kooperation | In Kooperation mit: AOK-Bundesverband
Schlagworte
Das könnte Sie auch interessieren
Umstellung auf GLP-1-RA – Welche Rolle spielt der Hausarzt?

Erfahrungen aus der Praxis

Umstellung auf GLP-1-RA – Welche Rolle spielt der Hausarzt?

Anzeige | Lilly Deutschland GmbH
Typ-2-Diabetes: neue G-BA-Nutzenbewertung für GLP-1-RA

Neuer G-BA-Beschluss

Typ-2-Diabetes: neue G-BA-Nutzenbewertung für GLP-1-RA

Anzeige | Lilly Deutschland GmbH
Studienlage im Überblick

GLP-1-RA für Erstverordner

Studienlage im Überblick

Anzeige | Lilly Deutschland GmbH
Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Die EU geht davon aus, dass im Frühjahr zumindest Impfstoff für Risikogruppen und Gesundheitspersonal zur Verfügung stehen könnte.

EU verbreitet Optimismus

Ist der Corona-Impfstoff bald da?

Pflegekräfte versorgen einen Patienten auf der Intensivstation im Operativen Zentrum II des Universitätsklinikums Essen.

COVID-19-Versorgung

Intensivstationen: Das Personal ist der Flaschenhals

Blutgefäß mit Erythrozyten und Sauerstoff-Molekülen: Bei einem kardiogenen Schock kommt es zu einer Schädigung von Endothelzellen, die die innere Gefäßwand auskleiden. Das daraus resultierende „vascular leakage“, also die erhöhte Durchlässigkeit der Gefäße, führt dazu, dass das Gewebe schlechter mit Sauerstoff versorgt wird. Ein neuer molekularer Antikörper soll jetzt die pathophysiologische Kaskade durchbrechen.

Sterberisiko senken

Neuer Therapie-Ansatz bei kardiogenem Schock