Ärzte sehen HIV-Explosion in den neuen Ländern

BERLIN (HL). Die Aufklärungskampagnen gegen AIDS verlieren in den neuen Bundesländern offenbar an Wirkung. Auf HIV spezialisierte Ärzte berichten über eine steigende Zahl von Neuinfektionen vor allem bei sehr jungen Menschen in Ostdeutschland. Der Hauptgrund: Die tödliche Bedrohung durch das Virus wird ignoriert.

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"Wir hören das Gras wachsen, bevor es sich in den epidemiologischen Statistiken des Robert-Koch-Instituts niederschlägt, warnte gestern der Arzt Bernhard Bieniek, Sprecher des Kongresses "HIV im Dialog", der vom 3. bis 5 September in Berlin stattfindet. Auch das jüngste Halbjahres-Bulletin des Robert-Koch-Instituts bestätigt die Sorge Bienieks: Auf niedrigem Niveau könnte sich die Zahl der Neu-Infektionen vor allem durch homosexuelle Kontakte in den neuen Ländern verdoppeln.

Bieniek hat hierfür eine Erklärung: Im Unterschied zu Menschen im Westen haben die Ostdeutschen die "Furcht vor einer Apokalypse durch AIDS" nie erlebt. Vor dem Hintergrund des medizinischen Fortschritts habe diese Angst überall abgenommen - die Folge sei eine geringere Nutzung von Kondomen als einzig sichere Prävention.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt kritisierte in diesem Zusammenhang Werbeaussagen von Arzneimittelherstellern, die den Eindruck erweckten, mit HIV und AIDS sei ein problemloses Leben möglich. Dies werde den von der Industrie selbst gesetzten ethischen Standards nicht gerecht.

Die Konferenz "HIV im Dialog" wird sich auch mit der AIDS-Katastrophe in Osteuropa beschäftigen. Die Tatsache, daß der russische Botschafter in Deutschland die Schirmherrschaft für den Kongreß übernommen hat, wird als Indiz dafür gewertet, daß das Problem allmählich in den betroffenen Ländern ernst genommen wird.

In Rußland, Belarus, der Ukraine und in Estland haben sich allein 2002 rund 280 000 Menschen neu infiziert - vor allem durch HIV-infizierte Drogenbestecke und Geschlechtsverkehr. Die Pandemie wird vom Staat meist ignoriert, die Kranken würden stigmatisiert. Ausreichende Therapie ist nicht verfügbar.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Geld für Prävention könnte Russen helfen

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