Depressive Kinder

Angst und Reizbarkeit als Vorboten

Bei Kindern eines depressiven Elternteils sollte man verstärkt auf psychische Auffälligkeiten achten. Diese waren in einer Longitudinalstudie signifikant mit der Entwicklung einer Depression im Teenageralter verknüpft.

Von Dr. Elke Oberhofer Veröffentlicht:
Angst und Reizbarkeit als Vorboten

© panco971 / iStock / Thinkstock

CARDIFF. Depressionen bei Mutter oder Vater gelten als wichtiger Risikofaktor für die (spätere) Entwicklung einer Depression bei Kindern und Jugendlichen. Im Sinne einer frühzeitigen Prävention wäre es hilfreich zu wissen, ob es klinische Vorboten gibt, die sich bereits im Kindesalter manifestieren.

Um solchen Prädiktoren auf die Spur zu kommen, haben Dr. Frances Rice von der Universität Cardiff und ihr Team eine Longitudinalstudie mit 337 Familien durchgeführt (JAMA Psychiatry 2016; online 7. Dezember). Einschlusskriterium war eine manifeste Depression, definiert als mindestens zwei Episoden einer MDD (Major Depressive Disorder) nach DSM-IV beim Indexelternteil; in 315 Fällen war die Mutter betroffen, in 22 Fällen der Vater. Jeweils das jüngste Kind der Familie aus der Altersgruppe zwischen neun und 17 wurde über vier Jahre beobachtet; dabei handelte es sich um 197 Mädchen und 140 Jungen, die alle biologisch vom Indexelternteil abstammten und mit diesem zusammenlebten. Ausgewertet wurden letztlich die Daten von 279 Teilnehmern.

MDD im Alter von 14 Jahren

Primärer Endpunkt war das erstmalige Auftreten einer klinisch manifesten MDD beim Nachwuchs. Eine solche fand sich bei 20 Kindern – sechs Jungen und 14 Mädchen –, die zum Diagnosezeitpunkt im Schnitt 14,4 Jahre alt waren.

Eine MDD beim Kind lag definitionsgemäß dann vor, wenn mittels CAPA (Child Adolescent Psychiatric Assessment) mindestens fünf depressive Symptome erfasst wurden, darunter in jedem Fall entweder gedrückte Stimmung, Reizbarkeit oder Verlust von Interesse sowie zusätzlich eine depressionsbedingte Beeinträchtigung. Zur Diagnosestellung hatte man die Kinder dreimal in semistrukturierten Interviews befragt, einmal zu Studienbeginn, das zweite Mal nach im Schnitt 16,2 Monaten und das dritte Mal nach weiteren 12,5 Monaten.

Von den klinischen Vorboten, die man im Verdacht hatte, waren zwei signifikant mit dem späteren Auftreten einer MDD verknüpft: Reizbarkeit (p = 0,03) und Ängste/Ängstlichkeit (p < 0,001). Im Reizbarkeits-Score wurde abgefragt, ob die Kinder empfindlich oder leicht zu verärgern, zornig oder gereizt waren und/oder Wutausbrüche hatten. Ängste wurden mit dem "Screen for Child Anxiety Related Emotional Disorders" festgestellt. Er umfasst unter anderem Fragen zu Schul- und Trennungsängsten, sozialen Ängsten, körperlichen Symptomen und Paniksymptomen.

Wie die Forscher berichten, waren weder Störverhalten noch Stimmungstiefs bei den Kindern mit der Entwicklung von Depressionen assoziiert. Folgende äußere Einflüsse erwiesen sich nach Rice und Kollegen als unabhängige, signifikante Risikofaktoren: ein niedriges Einkommen der Eltern sowie belastende Ereignisse, die das Kind innerhalb des letzten Jahres durchgemacht hatte, zum Beispiel der Tod eines Freundes, eine schwere Erkrankung, Mobbing oder heftige Streitereien zwischen den Eltern. Das Erkrankungsrisiko beim Kind hing zudem deutlich vom Schweregrad der elterlichen Depression ab. Eine signifikante Assoziation ergab sich außerdem für eine nachweisbare familiäre Belastung über den Indexelternteil hinaus.

Präventive Strategien

Wenn Mutter oder Vater an Depressionen leiden, sollte man beim Kind verstärkt darauf achten, ob es besonders reizbar oder ängstlich sei, so das Fazit der Forscher. Diese Merkmale müsse man als potenzielle Vorboten einer Depression werten und nach Möglichkeit im Rahmen von präventiven Strategien angehen. Da die Studie gezeigt habe, dass sich auch psychosoziale Risikofaktoren direkt auf das Depressionsrisiko auswirkten, gehörten zu einer effektiven Prävention auf Gesellschaftsebene auch Hilfsangebote bei Problemen in Schule und Elternhaus sowie nicht zuletzt Strategien zur Armutsbekämpfung.

Risikofaktoren

Bei Kindern depressiver Eltern wiesen Forscher folgende äußere Einflüsse als unabhängige Risikofaktoren für eine Depression nach:

Niedriges Einkommen der Eltern

Belastende Ereignisse innerhalb des letzten Jahres

Schweregrad der elterlichen Depression

Familiäre Belastung über den Indexelternteil hinaus

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