Neuroprotektion

Antidepressivum hilft Mäusen gegen progrediente MS

Forscher aus Bochum und Calgary in Kanada haben Arzneiwirkstoffe auf ihre neuroprotektive Wirkung hin untersucht. Dabei schnitt ein Antidepressivum in Mausversuchen in der Therapie von progredienter MS gut ab.

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Illustration einer Nervenzelle

Illustration einer Nervenzelle

© Leigh Prather / Fotolia

BOCHUM. Das Antidepressivum Clomipramin könnte auch gegen die Symptome der Multiplen Sklerose (MS) helfen, speziell gegen die progrediente Form, die ohne Schübe verläuft, teilt die Universität Bochum mit. Gegen diesen MS-Typ gebe es bislang kaum Medikamente. Wissenschaftler um Professor Wee Yong von der University of Calgary und Dr. Simon Faissner von der Universität Bochum hätten 1040 generisch erhältliche Medikamente untersucht und fanden darunter eines, das basierend auf präklinischen Untersuchungen für die Multiple-Sklerose-Therapie infrage komme (Nat Comm 2017, online 19. Dezember 2017).

Mittlerweile seien zwölf Medikamente für die schubförmige Phase der Multiplen Sklerose zugelassen, für progrediente Formen gebe es hingegen nur wenige Therapieansätze. "Die Mechanismen, die bei progredienter MS zu Schädigungen führen, sind teils andere als bei der schubförmigen MS. Daher brauchen wir dafür auch andere therapeutische Ansätze", wird Faissner in der Mitteilung zitiert. Der Postdoktorand von der Neurologischen Universitätsklinik am Bochumer St. Josef-Hospital führte seine Arbeiten für die Studie bei einem Forschungsaufenthalt an der kanadischen University of Calgary durch.

Mögliche Nebenwirkungen bekannt

Das Team arbeitete der Mitteilung zufolge mit zugelassenen Medikamenten, für die potenzielle Nebenwirkungen bereits dokumentiert seien. Aus diesen wählten die Forscher 249 gut verträgliche Arzneimittel aus, die sicher ins Zentralnervensystem gelangen, um die Wirkung auf die dortige chronische Entzündung bei progredienter MS zu prüfen.

An Zellkulturen testeten sie, welche der 249 Substanzen Nervenzellen vor dem schädigenden Einfluss von Eisen bewahren können. Denn durch Zellschäden wird bei Multipler Sklerose ja Eisen freigesetzt, das wiederum Nervenzellen schädigt.

Nach diesen Tests seien 35 Kandidaten übrig geblieben, die die Forscher auf weitere Eigenschaften hin analysierten, etwa ob sie Schäden an den Mitochondrien reduzierten oder die Aktivität von weißen Blutkörperchen senkten, die bei der MS ja die Isolierung der Nervenzellen angreifen. Das Medikament Clomipramin habe sich dabei als vielversprechend erwiesen.

Die Substanz untersuchten die Wissenschaftler dann an Mäusen mit einer Krankheit, welche ähnlich ist wie die schubförmige Multiple Sklerose bei Menschen. Die Behandlung habe die neurologischen Ausfälle komplett unterdrückt, es seien weniger Nervenzellschäden und Entzündungen aufgetreten.

In einem weiteren Test behandelten sie Mäuse mit einer Krankheit, die der progredienten MS bei Menschen ähnlich ist. Auch hier ergab sich eine Wirkung, wenn die Forscher die Therapie sofort beim Auftreten der ersten klinischen Anzeichen für die Krankheit begannen. Anders als bei Tieren, die mit einem Placebo behandelt wurden, kam es zu verminderten Symptomen, zum Beispiel Lähmungserscheinungen.

Klinische Studien geplant

Das Ziel sei es nun, weitere potenziell vor MS schützende Medikamente zu identifizieren und die Mechanismen hinter dem progredienten Verlauf besser zu verstehen.

"Basierend auf den vielversprechenden präklinischen Daten ist es unser langfristiges Ziel, Clomipramin und weitere Medikamente aus dem Screening in klinischen Studien an Patienten zu untersuchen", so Faissner in der Mitteilung. "Ein Vorteil von generisch erhältlichen Medikamenten ist, dass es hinreichend klinische Erfahrung hinsichtlich des Nebenwirkungspotenzials gibt." Phase-1-Studien, also Untersuchungen der Verträglichkeit an gesunden Probanden, müssen daher nicht durchgeführt werden. "Gleichzeitig liegt eine große Herausforderung in der Finanzierung derartiger Studien." (eb)

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