Alternativmedizin

Auf dem Rücken der Pferde zurück ins Leben

Der Umgang mit Pferden kann sich positiv auf die körperliche und seelische Gesundung von Patienten auswirken, wie auch Ärzte und Therapeuten vielfach erfahren haben. Doch wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Thema gab es bislang noch nicht. Umso größer ist die Spannung, mit der die Ergebnisse eines weltweit einmaligen Pilotprojekts erwartet werden: der sogenannten KiKa-Studie. Sie ist die erste wissenschaftliche Studie, die die Wirkung von therapeutischem Reiten bei Kindern mit angeborenem Herzfehler untersucht.

Von Christine Lange Veröffentlicht:

"Das macht Spaß!" Lisa strahlt. Gerade ist es ihr gelungen, den Gummiring, den ihr Marc zugeworfen hat, aufzufangen. Gar nicht so einfach, wenn man auf einem trabenden Pferd sitzt. Unbeschwert hüpfen die Kinder durch die Reithalle, laufen im Takt neben dem Pferd, sitzen, knien und stehen sogar schon auf dem Pferderücken.

 

"Sie entwickeln immer mehr Spaß an der Bewegung", lobt die Therapeutin. Die Fortschritte seien bereits nach kurzer Zeit erkennbar. "Und wie hilfsbereit sie bereits nach wenigen Therapieeinheiten miteinander umgehen."

Die Unbeschwertheit der Kinder und ihre Lust am Reiten und Herumtollen sind nicht selbstverständlich. "Sie alle wurden mit einem Herzfehler geboren", berichtet Dr. Sabine Schickendantz, Oberärztin an der Klinik und Poliklinik für Kinderkardiologie der Universität Köln. "Bei einigen fehlen Herzkammern, Herzklappen, Schlagadern, andere erhielten einen Herzklappenersatz oder einen Schrittmacher."

60 000 bis 70 000 Kinder haben einen angeborenen Herzfehler

Dieses Schicksal teilen sie mit 60 000 bis 70 000 anderen Kindern in Deutschland. Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 6000 Kinder mit einem Herzfehler geboren, so der Bundesverband Herzkranker Kinder. "Durch Fortschritte bei Diagnostik, Entwicklung neuer Operationsmethoden und Optimierung der Intensivmedizin ist es möglich, bei 90 Prozent der Betroffenen bereits im Säuglingsalter eine operative Korrektur vorzunehmen", so Schickendantz.

Damit steigen Lebenserwartung und -qualität. Dennoch stellen die Klinikaufenthalte, mögliche Ernährungs- und Wachstumsstörungen und die ungewisse Langzeitprognose eine erhebliche Belastung für die Kinder und ihre Familie dar. Bei jedem zweiten Kind ist die Bewegungskoordination beeinträchtigt. Am Sportunterricht nehmen sie nicht oder nur eingeschränkt teil. "Die meisten werden von ihren Eltern überbehütet und dürfen sich selten frei sportlich betätigen", so die Oberärztin, selbst Pferdesportlerin. "Daher haben auch Kinder mit wenigen Restbeschwerden schwere motorische Defizite und zu wenig Erfahrung im Umgang mit anderen Kindern."

Daß diese Defizite durch Sport ausgeglichen werden können, haben viele Studien belegt. "Die Kinder treiben Sport unter der Leitung qualifizierter Bewegungstherapeuten. Ein Arzt ist immer dabei - das gibt Kindern und Eltern die Sicherheit, daß die Belastung richtig dosiert wird."

Können auch Hippotherapie sowie heilpädagogisches Reiten und Voltigieren Kinder mit angeborenem Herzfehler in ihrer körperlichen und seelischen Entwicklung fördern? Diese Frage soll nun die KiKa-Studie beantworten. KiKa steht für Kinderkardiologie. Im Rahmen des weltweit einmaligen Pilotprojekts werden insgesamt 200 Kinder über ein Jahr in verschiedenen Sportgruppen betreut und gefördert. Am therapeutischen Reiten nehmen 14 Kinder zwischen acht bis zwölf Jahren teil. Alle 200 Kinder werden systematisch auf Leistungsveränderungen untersucht; die medizinischen und psychosozialen Effekte der jeweiligen Sportart werden wissenschaftlich analysiert.

Ergebnisse verschiedener Therapien werden verglichen

Beurteilt werden die Körperwahrnehmung, die Koordinationsfähigkeit, die Haltung, die Lebensqualität, das Selbstwertgefühl und die Aufmerksamkeit vor und nach der Reittherapie. Im Anschluß werden die Ergebnisse mit den Effekten der anderen Therapien verglichen. Am KiKa-Projekt wirken mehrere Institutionen mit: das Zentrum für Therapeutisches Reiten Johannisberg e.V., die Klinik und Poliklinik für Kinderkardiologie sowie das Psychologische Institut der Universität Köln und die Deutsche Sporthochschule Köln.

"Daß die Wahl auf das Zentrum für Therapeutisches Reiten Johannisberg gefallen ist, ist für uns natürlich ein großes Kompliment", freut sich Marion Drache. Die Kommunikationswissenschaftlerin ist die Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins, der - als Kooperationspartner des Kuratoriums für Therapeutisches Reiten - das therapeutische Reiten auf einer Anlage bei Bonn betreibt.

Auf Hilfe von Sponsoren dringend angewiesen

"Für die Finanzierung der Therapie sind wir auf die Unterstützung von Sponsoren angewiesen", so Drache. Über die Hälfte der Gesamtkosten von 12 000 Euro sind bereits von Unternehmen und Privatleuten gespendet worden. "Wir wünschen uns natürlich, daß therapeutisches Reiten als Behandlungsmethode durch den Bundesausschuß der Ärzte und Krankenkassen zugelassen wird, der dies wegen fehlender wissenschaftlicher Studien bisher abgelehnt hat", ergänzt Sabine Schickendantz. "Denn es wäre von großem Vorteil, wenn die Kinder auch nach Beendigung der Studie hier weiter gefördert würden."

Weitere Infos: Zentrum für Therapeutisches Reiten Johannisberg e.V., Marion Drache, Johannisberg 1, 53578 Windhagen, Telefon 02645 / 970775, Fax 02645 / 970789, Email info@johannisberg.net, Internet: www.johannisberg.net

Therapeutisches Reiten ist vielfältig

Therapeutisches Reiten nutzt die wohltuende Wirkung des Reitens zur Linderung und Heilung psychosozialer Störungen sowie körperlicher Erkrankungen und wird in drei Fachbereichen angeboten:

  • In der Hippotherapie behandelt ein Physiotherapeut mit Zusatzausbildung die Patienten auf dem geführten Pferd in der Gangart Schritt. Vom Pferderücken aus werden dreidimensionale Schwingungen auf die Patienten übertragen. Die Impulse ermöglichen ein Training der Haltungs-, Gleichgewichts- und Stützreaktionen sowie die Regulierung des Muskeltonus.
  • Heilpädagogisches Voltigieren und Reiten (HPV/R) umfaßt Behandlungen, die in Heilpädagogik, Psychotherapie und Psychiatrie ihren Platz gefunden haben. Die individuelle und soziale Entwicklung von verhaltensauffälligen, lern- oder geistig behinderten sowie psychisch kranken Menschen wird günstig beeinflußt und gefördert.
  • Der Behindertenreitsport macht Pferdesport mit speziellen Hilfsmitteln und geschulten Pferden auch Schwerbehinderten zugänglich und stellt ein ausgezeichnetes sportliches Lern- und Übungsfeld auch mit der Möglichkeit zu sozialen Kontakten dar. Zusätzlich bietet sich ein Ausgleich zu behinderungsbedingter Bewegungsarmut. Behinderte betrieben diesen Sport auch als Leistungssport. (chl) 
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