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Spazierengehen ist anstrengend bei Übergewicht. Bei schwerer Krankheit dagegen sind ein paar Pölsterchen durchaus von Vorteil. © Sheila Eames / fotolia.de

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Auf der Intensivstation lebt sich's dick länger

"Adipositas ist ungesund." Diese Aussage trifft nicht immer zu. Vor allem nach operativen Eingriffen ist Dicksein eher günstig für die Prognose.

Von Philipp Grätzel von Grätz

"Dieses so genannte Adipositas-Paradoxon wird mittlerweile durch eine ganze Reihe von Untersuchungen bei den unterschiedlichsten Erkrankungen belegt", betonte Professor Johannes Georg Wechsler vom Krankenhaus Barmherzige Brüder München. Die Aussage der Studien ist stets ähnlich: Die These, wonach übergewichtige Menschen mehr Komplikationen hätten oder aufgrund von Begleiterkrankungen eine höhere Morbidität und Mortalität aufwiesen, ist zumindest für Patienten, die auf Intensivstationen versorgt werden, falsch.

Wechsler präsentierte unter anderem Daten von Patienten mit Knieprothesen-Op. Wie zu erwarten, waren adipöse Menschen in diesem Kollektiv etwas überrepräsentiert. Auf den Langzeitverlauf hatte das Gewicht aber keinen Einfluss: Es gab weder mehr perioperative Komplikationen noch einen Unterschied in der Mortalität im 5-Jahres-Follow up.

Noch eindrucksvoller waren die Daten einer amerikanischen Kohortenstudie mit 200 000 operierten Patienten unterschiedlichster Fachrichtungen, bei denen die Letalität mit dem BMI in Beziehung gesetzt wurde. Das Ergebnis: Je schwerer die Patienten, umso geringer war die Letalität. Eine japanische Studie mit mehreren hundert Patienten, die wegen eines hepatozellulären Karzinoms operiert worden waren, fand zwischen schlanken HCC-Patienten und adipösen HCC-Patienten keinen Unterschied im Outcome.

Auch aus der Anästhesie gebe es Daten mit ähnlichem Tenor, so Wechsler. Hier wurden Patienten untersucht, die eine Propofol-Sedierung erhalten hatten. Erneut fand sich kein Unterschied bei anästhesierelevanten Endpunkten wie dem Verbrauch von Muskelrelaxanzien. Das stelle die These, wonach dicke Menschen massiv Anästhetika im Fettgewebe anreicherten und deswegen problematischer zu narkotisieren seien, zumindest in Frage.

Die Gründe für das vergleichsweise gute Abschneiden der Adipösen bei schweren Erkrankungen und Operationen sind noch nicht endgültig geklärt. Es könnte ein gewisser Selektionseffekt sein. "Denkbar wäre aber auch eine höhere Team-Vigilanz", so Wechsler. Soll heißen: Wenn das Personal mit Problemen rechnet, wird der Patient besser überwacht. Eine Rolle spielen dürften schließlich auch die größeren metabolischen Reserven bei Adipösen, ein Effekt, der auch aus der Onkologie bekannt ist: "Patienten mit Kolonkarzinom und Bronchialkarzinom haben bei einem BMI zwischen 25 und 30 ein besserePrognose als leichtere Patienten."

Wechsler warnte allerdings davor, angesichts all dieser Daten die Adipositas pauschal für unproblematisch zu erklären. Denn wenn nicht schwerkranke Kollektive untersucht werden, sondern die breite Bevölkerung, dann sehen die Zahlen anders aus. So gab es in der internationalen "Collaborative Study" mit 900 000 unselektierten Erwachsenen über einen Zeitraum von zehn Jahren eine klare Korrelation zwischen BMI und Sterberate: "Das Optimum lag bei einem BMI von 22 bis 25", so Wechsler. Wer einen BMI von 30 bis 35 hatte, lebte zwei bis vier Jahre kürzer. Und wer einen BMI zwischen 40 und 45 hatte, war acht bis zehn Jahre früher tot. "An diesen Zahlen ändert sich durch die Daten aus den Akutkliniken genauso wenig wie an der deutlich geringeren Lebensqualität von adipösen Menschen", so der Experte.

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