Soziale Netzwerke

Ausweg aus der Depression - oder ihr Nährboden?

Eine junge Frau macht via Twitter ihre Depressionen öffentlich und wird von den Reaktionen fast überrollt. Die sozialen Netzwerke bieten Betroffenen eine Plattform zum Austausch - bergen aber auch erhebliche Risiken.

Von Pete Smith Veröffentlicht: 26.11.2014, 05:02 Uhr
Ausweg aus der Depression - oder ihr Nährboden?

Soziale Netzwerke bieten Menschen mit Depressionen Austauschmöglichkeiten - können die Krankheit aber auch verstärken.

© LeoGrand / iStock

BERLIN. Als die Berliner Bloggerin Jana Seelig via Twitter ihre Depression öffentlich machte, brachen binnen weniger Stunden alle Dämme: Tausende Menschen setzten Tweets über ihre eigene Erkrankung und die Vorurteile ab, denen sie Tag für Tag ausgesetzt sind. Schon bald war der Hashtag #notjustsad geboren, der zeitweise sogar an die Spitze der deutschen Twitter-Charts schoss.

Das Bekenntnis der Bloggerin führte zu einer breiten Diskussion über die Volkskrankheit Depression, an der sich alle namhaften Medien beteiligten. Doch so rasant, wie sich die Springflut über das Land ergoss, so schnell ebbte sie wieder ab. Hat #notjustsad dennoch etwas gebracht? Können soziale Netzwerke wie Twitter, Facebook oder Google+ Depressiven tatsächlich helfen?

Gar zur Entstigmatisierung Betroffener beitragen? Und umgekehrt: Welche Risiken bergen soziale Medien? Sind sie womöglich selbst ein Nährboden für Depression? Jana Seelig ist überzeugt davon, dass ihr Tweet und die darauf folgende Diskussion viele Menschen ermutigt haben, erstmals über ihre Depression zu reden.

Manch einem sei dadurch sogar erst bewusst geworden, dass seine Trauer in einer Krankheit gründet. Sie selbst sei seit ihrem 16. Lebensjahr depressiv, die Diagnose Depression habe sie aber erst im Alter von 22 erhalten. Warum? "Weil ich mir einreden ließ, ich sei einfach nur schlecht drauf."

Diskussionen werden angeregt

Das ist die eine Seite: Im anonymen Internet trauen sich Betroffene, offen über ihre Krankheit zu reden, und verschaffen sich dadurch - zumindest für den Moment - eine gewisse Erleichterung. Im wirklichen Leben reagiert ihr Umfeld zunehmend genervt auf ihre düstere Stimmung, in der virtuellen Welt dagegen ernten sie Zuspruch und erfahren, dass sie mit ihrer Erkrankung nicht allein sind.

Andererseits birgt das Netz Risiken, derer sich Betroffene bewusst sein müssen: Nicht alle Leser spenden Trost, einige äußern sich auch verletzend. Außerdem nutzt sich der Effekt ab: Soziale Netzwerke können ein Ventil sein, Therapieersatz sind sie nicht.

Nach Information der Stiftung Deutsche Depressionshilfe leiden in Deutschland etwa vier Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression. Jährlich nehmen sich 9000 Bundesbürger - nicht zuletzt einer schweren Depression wegen - das Leben, darunter Prominente wie der ehemalige Fußball-Nationaltorwart Robert Enke.

Dessen Todestag jährte sich am 10. November zum fünften Mal. Auch damals gab es eine breite öffentliche Diskussion über das Stigma Depression. Die Situation der Betroffenen hat sich seither jedoch nicht verbessert. Depressive haben in unserer Leistungsgesellschaft noch immer keinen Platz.

Nur wenn es ihnen gelingt, ihre Erkrankung als "Burnout" in Folge ihrer außerordentlichen Leistungsbereitschaft zu kaschieren, entgehen sie der gesellschaftlichen Ächtung und bewahren sich einen Teil ihrer Selbstachtung.

"Zwischen deprimiert sein und depressiv sein besteht ein sehr großer Unterschied", twitterte Jana Seelig, die es einfach leid ist, dass ihr Leute ständig schlechte Laune vorwerfen oder ihr raten, sich doch gefälligst zusammenzureißen.

Tatsächlich hätten Facebook, Twitter und Co. auch hierzulande das Potenzial, die öffentliche Diskussion über Depressionen anzuregen und damit zur Entstigmatisierung Betroffener beizutragen. Immerhin sind in Deutschland etwa drei Viertel aller Internetnutzer in mindestens einem sozialen Netzwerk angemeldet: gut 90 Prozent der unter 30-Jährigen und jeder Zweite der Generation 50plus.

Zwei Drittel von ihnen nutzen soziale Netzwerke aktiv, 60 Prozent sogar täglich, die meisten um mit anderen zu kommunizieren, rund ein Viertel aber auch um sich zu informieren. Bei Facebook beispielsweise haben sich unter dem Stichwort Depression etliche Gruppen zusammengeschlossen, die zum Teil Zehntausende "Gefällt mir"-Angaben haben.

Organisationen finden sich dagegen nur wenige: Die Deutsche DepressionsLiga kommt auf 704 "Likes", die Stiftung Deutsche Depressionshilfe auf 1973. Das ist ausbaufähig. Und die wenigen Aufklärungskampagnen, die für die Akzeptanz Depressiver werben, sollten dorthin verlegt werden, wo sich das Zielpublikum aufhält: ins digitale Wohnzimmer.

Pädiater warnen vor öffentlichen Schmähungen

Zur Aufklärung trägt schließlich auch eine Versachlichung der Debatten jenseits medialer Inszenierungen bei. Das betrifft sowohl das Thema Depression als auch die sozialen Netzwerke. Über letztere gab es in den vergangenen Jahren vorwiegend beunruhigende Meldungen: Facebook mache dick, eifersüchtig, neidisch, dumm, unglücklich, arm und treibe Jugendliche gar in schwerste Depressionen.

Schnell war das Wort von der Facebook-Depression geboren, das sich im Netz rasant verbreitete. Auch die Warnung von US-Pädiatern, dass Schmähungen über soziale Netzwerke Jugendliche in den Suizid trieben, hallte wochenlang off- und online nach.

Soziale Netzwerke, wie wir sie kennen, gibt es erst seit etwa zehn Jahren, die Erkenntnisse über ihre Wirkung sind also gering. Gewiss bergen sie für Nutzer Risiken, vor allem im datenschutzrechtlichen Bereich. Doch wer für sein Anliegen effektiv werben will, kommt nicht an ihnen vorbei.

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