Alles andere als ausgerottet

Bei der Frambösie verfehlt die WHO ihr Ziel

2012 startete die Weltgesundheitsorganisation WHO eine ehrgeizige Kampagne. Das Ziel: die sich in tropischen Gebieten ausbreitende Infektionskrankheit Frambösie auszurotten. Nun hat eine Studie ergeben, dass die Strategie ins Leere läuft. Das Problem ist sogar noch größer geworden.

Von Anne BäurleAnne Bäurle Veröffentlicht:
Himbeerartige Hautgeschwüre (Französisch Himbeere: „framboise“) gaben der Frambösie ihren Namen.

Himbeerartige Hautgeschwüre (Französisch Himbeere: „framboise“) gaben der Frambösie ihren Namen.

© CDC

Die Frambösie (Yaws) ist eine Infektionskrankheit, die überwiegend in tropischen Gebieten Afrikas, Asiens und Südamerikas vorkommt. Benannt ist sie nach den himbeerfarbenen (Französisch "framboise") Hautwucherungen, deren Ursache eine Infektion mit dem Bakterium Treponema pallidum pertenue ist.

Seit den 1970er Jahren – nachdem die syphilis-ähnliche Erkrankung nach einer weltweiten Impfkampagne schon beinahe als ausgerottet galt –, breitet sich die Frambösie wieder aus. Wissenschaftler schätzen, dass derzeit weltweit 89 Millionen Menschen in Endemie-Gebieten leben.

Pro Jahr werden 100.000 Fälle von chronischen Ulzera und Papillomen gemeldet, deren Ursache eine Infektion mit dem Treponema-Erreger ist. Im späten Stadium kann die Infektion Knochenveränderungen auslösen, die zu schweren Gesichts- und Extremitätenentstellungen führen.

Ehrgeizige WHO-Kampagne

2012 begann die WHO daher mit einer groß angelegten Kampagne, mit dem Ziel, die Frambösie bis zum Jahr 2020 vollständig zu eliminieren. In Kamerun, der Elfenbeinküste, Ghana, Papua-Neuguinea, den Salomoninseln sowie Vanuatu sollten wenigstens 90 Prozent der Bevölkerung mit einer einzelnen Azithromycin-Tablette, die sich in früheren Studien bereits als effektiv erwiesen hatte, behandelt werden. Daran anschließend sollten WHO-Mitarbeiter alle drei bis sechs Monate die Infektionsfälle sowie deren Kontaktpersonen überwachen.

Nun hat eine Studie ergeben: Die WHO-Kampagne läuft ins Leere (Lancet 2018; online 7. Februar). Denn als Wissenschaftler den Erfolg der Strategie auf der kleinen papua-neuguineischen Insel Lihir überprüften, stellten sie fest, dass die Prävalenz der Frambösie anfänglich zwar abnahm – nach einigen Monaten aber wieder stieg. Und nicht nur das: Im Kampagnenzeitraum entwickelten sich sogar resistente Bakterien.

"Die Studie zeigt, dass eine einmalige Gabe von Azithromycin nicht ausreicht, um Frambösie in Endemiegebieten zu eliminieren. Die Strategie der WHO sollte überdacht werden", lautet daher auch das Resümee von Professor David Šmajs und Dr. Petra Pospíšilová von der Masaryk Universität in Brno in einem Kommentar zur Studie.

Einzelne Massenbehandlung reicht nicht aus

Das Forschungsteam um Dr. Oriol Mitjà vom Universitätsklinikum Barcelona hatte auf Lihir eine über 3,5 Jahre dauernde Langzeitbeobachtung gestartet. Nur rund 16.000 Menschen leben dort, die Frambösie ist endemisch. Nach der einmaligen Behandlung von 84 Prozent der Bevölkerung mit Azithromycin (beziehungsweise mit Benzathin-Benzylpenicillin bei Kontraindikation) verringerte sich innerhalb von 18 Monaten die Prävalenz der Frambösie von 1,8 auf 0,1 Prozent. Allerdings stellten die Forscher fest, dass die Prävalenz nach 24 Monaten wieder stieg und nach 42 Monaten bereits bei 0,4 Prozent lag.

Zwischen 36 und 61 Prozent der neu aufgetretenen Infektionsfälle entfielen bei den Überprüfungen auf Personen, die bei der einmaligen Behandlung mit Azithromycin nicht teilgenommen hatten und sich nachweislich nicht neu infiziert hatten. Der Wiederanstieg der Erkrankungszahlen beruhe daher wohl maßgeblich auf latenten Infektionen, vermuten Mitjà und seine Kollegen.

Zudem wiesen die Wissenschaftler bei fünf Kindern Treponema-Erreger nach, die durch die Punktmutation A2059G gegen das verwendete Antibiotikum Azithromycin resistent waren. Alle Kinder lebten im selben Dorf und waren miteinander verwandt oder standen in engem Kontakt zueinander. Vermutlich seien sie daher von demselben resistenten Erregertyp infiziert worden, berichten die Wissenschaftler.

WHO-Kampagne ändern? Das könnte getan werden

"Unsere Ergebnisse lassen vermuten, dass eine einmalige Massenbehandlung mit Azithromycin keine wirksame Maßnahme ist, um Frambösie zu eliminieren", schreiben die Studienautoren. Die WHO-Kampagne sollte daher um folgende Punkte erweitert werden:

  • Der Deckungsgrad der Antibiotika-Behandlung in der Bevölkerung sollte unbedingt bei mehr als 90 Prozent liegen,
  • Mehrere aufeinanderfolgende Behandlungen mit Antibiotika statt eine einmalige,
  • Ein größerer geografischer Raum, in dem die Menschen behandelt werden,
  • Das Monitoring sollte deutlich verbessert werden, um eine Verbreitung Antibiotika-resistenter Erreger zu verhindern.

Die Autoren betonen allerdings, dass ihre Erkenntnisse nicht generell auf andere Länder übertragbar seien, in denen Frambösie endemisch ist. Schließlich unterschieden sich die Länder hinsichtlich Umweltbedingungen und den jeweiligen kulturellen Gegebenheiten.

Wenn die Eliminierung aber schon auf einer kleinen Insel nicht erreicht werden kann, stehen die Chancen auch für andere Endemiegebiete schlecht.

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