Masern auslöschen

Bessere Aufklärung nötig

Nach wie vor werden in Deutschland deutlich weniger Menschen gegen Masern geimpft, als zur Elimination der Krankheit nötig wäre. Die Impflücken ließen sich durch bessere Aufklärung und Impfkampagnen schließen.

Von Beate Schumacher Veröffentlicht:
Wann sind die Masern ausgerottet?

Wann sind die Masern ausgerottet?

© Stacy Barnett / Fotolia

Die Zahlen, die das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) im Oktober veröffentlicht hat, sind deprimierend: Von den fast 570.000 Kindern des Geburtsjahres 2012 haben nur 63 Prozent wie empfohlen bis zum zweiten Geburtstag beide Masernimpfungen erhalten. Etwa 220.000 waren in diesem Alter unvollständig oder gar nicht geschützt.

Um das WHO-Ziel der Masernelimination zu erreichen, muss eine Durchimpfung von mindestens 95 Prozent erreicht werden.

Die jetzt präsentierten Zahlen sind (erneut) so weit davon entfernt, dass die Verfasser des ZiBerichtes davon ausgehen, dass "das Erreichen der Zielvorgaben auch bis zum Jahr 2020 unwahrscheinlich ist". Damit müsste dann nach 2010 und 2015 zum dritten Mal der Termin verschoben werden.

Befürworter einer Impfpflicht mögen sich durch die neuen Daten bestätigt sehen. Wenn man die Impfsituation jedoch genauer betrachtet, wird deutlich, dass Zwang keine angemessene Antwort ist.

Leichter Anstieg der Schutzraten

Der Zi-Bericht enthält durchaus auch positive Nachrichten: So ist die Rate der Masern-Komplettimpfungen über die Geburtsjahrgänge 2009 bis 2012 leicht und kontinuierlich gestiegen, von 61,1 auf 63,3 Prozent. Weitere 17 Prozent der Kleinkinder sind immerhin einmal geimpft worden.

Das spricht dafür, dass die meisten Eltern die Impfung befürworten. Durch Aufklärung und Recall-Systeme könnten Kinderärzte die Quote der Zweitimpfung also vermutlich deutlich erhöhen.

Dass die Impfung oft keine Frage des Prinzips, sondern nur des Zeitpunktes ist, zeigen auch die Ergebnisse von Schuleingangsuntersuchungen. Im Jahr 2014 waren laut Zi immerhin 92,8 Prozent der Schulanfänger vollständig gegen Masern geimpft.

Süden Deutschlands ist Schlusslicht

Dabei gibt es aber große Unterschiede zwischen Regionen und Bundesländern; Schlusslichter sind Bayern und Baden-Württemberg. Nachforschungen, warum etwa in Rosenheim 36 Prozent und in Zweibrücken 80 Prozent der Zweijährigen beide Impfungen haben, könnten vielleicht weitere Erkenntnisse liefern, um die Impfraten zu steigern.

Die größten Impflücken bestehen derzeit übrigens gar nicht bei Kindern, sondern bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die meisten Masernfälle bei dem Berliner Ausbruch 2015 gab es bei 18- bis 44-Jährigen.

In dieser Altersgruppe ist nach Untersuchungen die Impfbereitschaft hoch. So bewerteten 77 Prozent der nach 1970 geborenen Erwachsenen die Masernimpfung als "besonders wichtig" oder "wichtig", ergab eine Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

74 Prozent wussten aber gar nichts von der STIKO-Empfehlung zur Masernimpfung bei fehlender oder unvollständiger Grundimmunisierung in ihren Jahrgängen. Von den Befragten mit unvollständigem oder unklarem Impfschutz gaben 70 Prozent an, nicht auf die Impfung hingewiesen worden zu sein.

Totale Impfverweigerer sind selten

Ähnliche Widersprüche ergab eine Studie in Dresden: Trotz hoher Akzeptanz der Masernimpfung waren nur 66 Prozent der Medizinstudenten nach ihren Angaben und nur 25 bis 39 Prozent der Studenten insgesamt vollständig dagegen geimpft. 13 bis 45 Prozent der Studenten kannten ihren Impfstatus nicht.

Mit Impfangeboten an Hochschulen und Impfkampagnen ließe sich hier nachbessern. An Ärzte ist zu appellieren, die Impfung bei jedem Kontakt zu einem jungen Menschen anzusprechen.

Allerdings: Explizite Impfgegner ändern nach Studienergebnissen ihre Einstellung selbst dann nicht, wenn eine falsche Annahme – etwa, dass die Masernimpfung Autismus fördert – korrigiert werden kann.

Dass bewusste Impfverweigerer das Ziel der Masernelimination sabotieren, ist trotzdem unwahrscheinlich. Dazu müssten 5 Prozent die Impfung kategorisch ablehnen. Tatsächlich schätzt das Bundesministerium für Gesundheit den Anteil an Impfgegnern auf etwa 1 Prozent.

Es lohnt sich also, auf Information und Überzeugungsarbeit zu setzen, wenn man die Masernelimination vorantreiben will. Dazu wären auch Impfkampagnen wünschenswert. Bei der Aufklärung über die Folgen der Masernerkrankung darf die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) nicht vergessen werden.

Die SSPE, die vier bis zehn Jahre nach überstandener Infektion auftritt und unweigerlich zum Tod in Demenz führt, galt lange als extrem seltene Komplikation. Nach Daten aus Deutschland könnte sie aber nach bis zu einer von 1700 Infektionen, nach aktuellen Zahlen aus den USA sogar nach einer von 600 auftreten.

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