Stigmatisierung

Bevölkerung sucht Distanz zu Schizophrenen

Die Einstellung zu Menschen mit Schizophrenie ist negativer geworden.

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GREIFSWALD. Eine repräsentative bundesweite Erhebung Ende 2011 bei rund 3600 Menschen hat teilweise beunruhigende Ergebnisse gebracht, meldet die Universitätsmedizin Greifswald: Die Bereitschaft, mit Betroffenen in Kontakt zu treten, habe sich in Bezug auf Schizophrenie im Vergleich zu 1990 deutlich verschlechtert (BJPsych 2013; online 20. Juni).

Das Bedürfnis nach sozialer Distanz sei hier deutlich gestiegen: Während es 1990 zum Beispiel 20 Prozent ablehnten, mit einer an Schizophrenie erkrankten Person zusammenzuarbeiten, seien es 2011 schon 31 Prozent gewesen.

Der Anteil derjenigen, die es ablehnten, jemand mit einer Schizophrenie einem Freund vorzustellen, stieg von 39 auf 53 Prozent.Insgesamt wurden sieben verschiedene hypothetische Situationen abgefragt, und in allen Situationen stieg die Ablehnungsquote deutlich.

Positiv: Die Öffentlichkeit weiß mehr über psychische Krankheiten und ist einer psychiatrischen Behandlung gegenüber aufgeschlossener.

"Das Besondere ist, dass wir die Einstellungsentwicklungen zu psychisch Kranken seit 1990 sehr gut nachverfolgen können, weil wir Vergleichsdaten aus den Jahren 1990, 1993 und 2001 haben", wird Privatdozent Georg Schomerus von der Universitätsmedizin Greifswald, Leiter der Studie, zitiert.

In puncto Stigmatisierung gab es unterschiedliche Entwicklungen: Für Betroffene mit Depression konnten tendenziell geringfügige positive Veränderungen beobachtet werden: die Menschen äußerten 2011 etwas mehr Mitleid und Hilfsbereitschaft und etwas weniger Befangenheit als 1990, gleichzeitig aber auch mehr Ärger über den Betroffenen.

Die Bereitschaft, mit einer Person mit Depressionen im Alltag umzugehen, blieb dagegen weitgehend unverändert. Gerade der Kontrast zum Krankheitsbild Depression mache deutlich, dass speziell die Einstellungen zu Menschen mit Schizophrenie in den letzten zwanzig Jahren negativer geworden sind.

Aufklärung und Wissen änderten offenbar nichts am Problem der Stigmatisierung, Schomerus. Bei der Schizophrenie gebe es sogar Hinweise, dass eine einseitige Betonung biologischer Prozesse bei der Darstellung dieser Krankheit in den Medien oder durch Wissenschaftlerden Betroffenen schadet.

"Wir konnten zeigen, dass durch ein rein biologisches Krankheitsverständnis eine vermeintliche Andersartigkeit der Betroffenen betont wird und dadurch die Ablehnung steigt. Wir brauchen also ein differenzierteres, lebendigeres Bild von Menschen mit psychischen Krankheiten. Psychisch kranke Menschen dürfen nicht auf eine Fehlfunktion im Gehirn reduziert werden", so Schomerus.

In den letzten 20 Jahren haben biologische Ursachenvorstellungen zur Schizophrenie deutlich zugenommen, während psychosoziale Ursachenvorstellungen etwas abgenommen haben. 2011 stimmten 62 Prozent der Aussage zu, es handle sich bei dem geschilderten Problem um eine Gehirnkrankheit, 1990 waren es nur 43 Prozent.

Auf der anderen Seite führten 2011 66 Prozent eine Schizophrenie auf ein belastendes Lebensereignis zurück, 1990 waren es noch 71 Prozent.

Bei der Depression verlief die Entwicklung anders, hier scheinen psychosoziale Gründe, insbesondere Stress als Auslöser in den Vordergrund zu rücken: Insbesondere "Stress am Arbeitsplatz" wurde häufiger (2011: 80 Prozent; 1990: 70 Prozent) als mögliche Ursache bezeichnet, während die Zustimmung zu biologischen Ursachen eher gesunken ist.

Bei der Depression zeigt sich damit eine Trendwende: Noch bis 2001 war auch hier eine Zunahme biologischer Krankheitsvorstellungen zu verzeichnen gewesen, mittlerweile treten aber Vorstellungen von Stress und Überlastung zunehmend in den Vordergrund. (eb)

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