Pädiatrie

Darmentzündung nach Antibiotika?

Fördern Antibiotika gegen Anaerobier das Risiko für entzündliche Darmerkrankungen? Studien legen diesen Verdacht nahe. Jetzt haben sich US-Forscher die einzelnen Antibiotika genauer angesehen.

Von Dr. Christine Starostzik Veröffentlicht:
Bekommen Kinder wegen einer Infektion Antibiotika verordnet, könnte das die Darmflora verändern und Entzündungen begünstigen.

Bekommen Kinder wegen einer Infektion Antibiotika verordnet, könnte das die Darmflora verändern und Entzündungen begünstigen.

© DennisNata / fotolia.com

SEATTLE. Mit einer gegen Anaerobier wirksamen Antibiotikatherapie steigt bei Kindern das Risiko für eine chronisch entzündliche Darmerkrankung. Bei welchen Wirkstoffen dies am deutlichsten ist, untersuchte eine amerikanische Kohortenstudie.

Schon in früheren Studien kam der Verdacht auf, dass zwischen der Einnahme von Antibiotika und der Entwicklung chronisch entzündlicher Darmerkrankungen ein Zusammenhang bestehen könnte.

So vermutet man, dass durch die veränderte Darmflora nach Antibiotikatherapie Entzündungen begünstigt werden. Eine populationsbasierte Studie mit über einer Million Probanden sollte jetzt für mehr Klarheit sorgen.

Hierzu wurden alle Kinder bis 17 Jahre, die zwischen 1994 und 2009 eine von 464 britischen Arztpraxen aufgesucht hatten und mindestens zwei Jahre beobachtet werden konnten, in die Studie aufgenommen und ihre weiteren Daten maximal bis zum Alter von 19 Jahren verfolgt (Pediatrics 2012; online 24. September).

64 Prozent aller Patienten erhielten aus unterschiedlichen Gründen mindestens eine Antibiotikatherapie, bei rund 58 Prozent war das Medikament wirksam gegen anaerobe Keime.

Therapie ohne Infektdiagnose

Zu den verschriebenen Wirkstoffen gehörten Penicillin, Amoxicillin, Ampicillin, Penicilin+Beta-Laktamasehemmer, Tetrazykline, Clindamycin, Metronidazol, Cefoxitin, Carbapenem und orales Vancomycin.

Von den insgesamt 1.072.426 zunächst darmgesunden Kindern hatten 748 in dem Gesamtbeobachtungszeitraum von 6,6 Millionen Personenjahren eine entzündliche Darmerkrankung (inflammatory bowel disease, IBD) entwickelt.

Allerdings vergingen im Schnitt rund vier Monate zwischen dem ersten Arztbesuch und der Diagnose. Bei über zwei Drittel der Patienten wurde die Krankheit erst nach frühestens einem Jahr diagnostiziert.

Die 748 Patienten, die eine IBD entwickelt hatten, waren wegen Beschwerden im HNO-Bereich, Infektionen von Haut- und Weichteilen, Urogenitaltrakt, Magen und Darm sowie Lungenentzündungen antibiotisch behandelt worden, 40 Prozent von ihnen ohne Diagnose einer spezifischen Infektion.

Behandlungen wegen gastrointestinaler Beschwerden machten nur 1,6 Prozent aus, ein Ausschluss dieser Daten änderte nichts am Ergebnis.

Der Vergleich mit antibiotikafreien Kindern ergab eine Erhöhung des relativen Risikos für die Entwicklung einer IBD von 84 Prozent (IBD-Inzidenz ohne Antibiotika vs. mit Antibiotikatherapie: 0,83 vs. 1,52/10.000 Patientenjahre), wenn mindestens einmal ein Antibiotikum verschrieben worden war.

Kleine Patienten besonders betroffen

Dabei hing das Ausmaß des Risikos offenbar davon ab, in welchem Alter die Kinder behandelt wurden.

Während eine Therapie im ersten Lebensjahr das adjustierte Risiko mehr als verfünffachte, war es bei den Fünfjährigen nur noch um das 2,6-Fache und bei den 15-Jährigen 1,6-fach erhöht. Gleichzeitig stieg das IBD-Risiko dosisabhängig mit jeder Behandlung um 6 Prozent.

In der Einzelbetrachtung zeigten sich deutliche Risikounterschiede zwischen den Substanzen: Während sich nach Einnahme von Penicillinen, Cephalosporinen, Fluorchinolonen und ganz besonders von Metronidazol gehäuft eine IBD entwickelte, konnte dies nach Therapien mit Makroliden, Sulfonamiden und Tetrazyklinen nicht festgestellt werden.

Alle Antibiotikatherapien bei Kindern zusammen würden, hochgerechnet am Verbrauch für die USA, zu 1700 zusätzlichen IBD-Fällen pro Jahr führen.

Einschränkung bei der Verschreibung anaerobier-wirksamer Antibiotika könnte sich also nicht nur in Anbetracht zunehmender Resistenzen, sondern auch wegen der steigenden Zahl chronischer Darmerkrankungen bei Kindern lohnen.

Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Alarmierender Anstieg: Hautpilz aus dem Barbershop

© David Pereiras | iStock (Symboldbild mit Fotomodell)

Dermatomykosen

Alarmierender Anstieg: Hautpilz aus dem Barbershop

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Effektive Therapie von Nagelpilz: Canesten® EXTRA Nagelset

© Irina Tiumentseva | iStock

Onychomykosen

Effektive Therapie von Nagelpilz: Canesten® EXTRA Nagelset

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Für Menschen ab 60 Jahren sind die Impfungen gegen Influenza, Corona, Pneumokokken und Herpes zoster (beide nicht im Bild) Standard-Impfungen. Für Menschen ab 75 Jahren kommt die RSV-Impfung hinzu.

© angellodeco / stock.adobe.com

Respiratorisches Synzytial Virus

STIKO: Alle Menschen ab 75 gegen RSV impfen!

Blickdiagnose: klinisches Bild mit typischen Effloreszenzen bei Herpes zoster.

© Mumemories / Getty Images / iStock

Zoster-Impfung

Schutz vor Herpes zoster und Rezidiven

Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 2: Infusionsschema der REGENCY-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Neue Therapieoption bei Lupus-Nephritis verfügbar

Obinutuzumab verbessert Nierenoutcomes bei Lupus-Nephritis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Pharma AG, Grenzach-Wyhlen
Abb. 1-- Zeit bis zum ersten Ereignis (Tod durch jegliche Ursache oder kardiovaskuläres Ereignisb) in der Gesamtpopulation (a) bzw. in der Monotherapie-Population (b).

© Springer Medizin Verlag

Mit Vutrisiran früh kausal behandeln

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alnylam Germany GmbH, München
Abb. 1: Rückgang der generalisierten tonisch-klonischen Anfälle unter Cannabidiol + Clobazam

© Springer Medizin Verlag , modifiziert nach [1]

Real-World-Daten aus Deutschland zum Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom

Cannabidiol in der klinischen Praxis: vergleichbare Wirksamkeit bei Kindern und Erwachsenen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Jazz Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Analyse des Trinkverhaltens

Wie lebenslanger Alkoholkonsum das Darmkrebsrisiko steigert

Lesetipps
Das Zusammenspiel zwischen Vermögensverwalter und Anlegerin oder Anleger läuft am besten, wenn die Schritte der Geldanlage anschaulich erklärt werden.

© M+Isolation+Photo / stock.adobe.com

Geldanlage

Was einen guten Vermögensverwalter ausmacht

Adipostas und deren Folgen sind zu einer der häufigsten Todesursachen geworden.

© Christian Delbert / stock.adobe.com

Leopoldina

Adipositas-Epidemie: Diese Strategien braucht es jetzt

Plaque im Gefäß

© Dr_Kateryna / Fotolia

Metaanalyse

Keine Evidenz für die meisten Statin-Nebenwirkungen