Interview

Darmkrebs - "Screening lohnt sich besonders für Männer"

Männern schon ab 45 Jahre einen Stuhltest und ab 50 eine Koloskopie anzubieten - das fordert Professor Jürgen F. Riemann, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Stiftung LebensBlicke, zum Darmkrebsmonat März.

Veröffentlicht: 02.03.2012, 05:00 Uhr

Professor Dr. Jürgen Riemann

© privat

Aktuelle Position: Im Vorstand der Stiftung LebensBlicke und des BDI

Karriere: Bis 2009 Klinik-Direktor in Ludwigshafen

Privates: Im Februar 2009 empfing er das Bundes verdienstkreuz am Bande

Ärzte Zeitung: Warum zielen Sie in diesem Jahr speziell auf die Männer?

Professor Jürgen F. Riemann: Männer erkranken häufiger und früher an Darmkrebs als Frauen.

So hat jüngst wieder eine Studie aus Österreich gezeigt, dass das Erkrankungsalter bei Männern um fünf bis zehn Jahre vorverlagert ist.

Zudem sind die Tumore bei Diagnose schon weiter fortgeschritten als bei Frauen.

Vermutlich liegt das zum einen an der immer noch deutlich niedrigeren Akzeptanz regelmäßiger Vorsorgeuntersuchungen, zum anderen am oft ungesünderen Lebensstil der Männer mit Überernährung und Bewegungsmangel.

In besagter Studie wurde auch gezeigt, dass bei Männern 17 Darmspiegelungen nötig sind, um ein Karzinom zu entdecken. Bei Frauen ist es fast die doppelte Anzahl. Also das Screening lohnt sich besonders bei Männern.

Ärzte Zeitung: Gilt die jüngst geübte Kritik an der Effizienz der Vorsorge- und Früherkennungsmaßnahmen auch für den Darmkrebs?

Riemann: Durch die neuesten Statistiken des Robert Koch-Instituts wissen wir, dass die Zahl der Darmkrebstoten deutlich rückläufig ist und im letzten Jahr erstmals unter 26 000 lag. Das ist nicht allein auf die Früherkennung, sondern auch auf die bessere Diagnostik und Therapie zurückzuführen.

Dennoch darf man davon ausgehen, dass die sinkende Sterblichkeit ein guter Indikator dafür ist, dass die Darmkrebsfrüh erkennung Sinn macht - und sich übrigens auch rechnet. Um jedoch zu einer einheitlichen Bewertung der Vorsorgemaßnahmen zu kommen, brauchen wir endlich bundesweite Krebsregister.

Hier sind wir auf einem guten Weg. Doch wird es noch Jahre dauern, ehe wir sagen können, was es uns hinsichtlich der Mortalität gebracht hat.

Ärzte Zeitung: Wie wollen Sie die Männer für die Vorsorge gewinnen?

Riemann: Ein Weg ist die betriebliche Darmkrebsvorsorge wie sie in der Firma BASF beispielhaft praktiziert wird. Durch innerbetriebliche Thematisierung und Aufklärung der Mitarbeiter konnte die Teilnahmequote an der Darmkrebsfrüherkennung bei Männern auf mehr als 30 Prozent gesteigert werden, außerhalb sind es gerade mal 17 Prozent.

Am meisten verspreche ich mir vom organisierten persönlichen Einladungsverfahren nach dem Beispiel des Brustkrebs-Screenings, das noch in diesem Jahr auf den Weg gebracht werden soll. Schließlich - und das gilt nicht nur für Männer - brauchen wir ein differenziertes und innovatives Vorsorgeangebot.

Ärzte Zeitung: Was heißt das konkret ?

Riemann: Wir brauchen Filter, um diejenigen Menschen herauszufinden, die eine Koloskopie überhaupt brauchen. Als ein niederschwelliges nicht-invasives Angebot müsste hierfür der immunologische Stuhltest baldmöglichst flächendeckend eingeführt werden.

Denn die Sensitivität ist mit 40 bis 60 Prozent weit höher als die des alten Stuhltests. Die Bewertung des IQWiG steht hier noch aus. Fällt sie positiv aus, hat auch der Spitzenverband der Krankenkassen Zustimmung für die Einführung signalisiert.

Letztlich müssen wir dahin kommen, insgesamt mehr nicht invasive Vorsorgemaßnahmen anzubieten. Die Videokapseln haben eine sehr hohe Spezifität und Sensitivität. Doch fehlt noch die ausreichende Evidenz für hohe Screening-Fall zahlen.

Außerdem sind sie noch zu teuer. In einer Teststudie zusammen mit der BKK 24 in Niedersachsen haben wir aber gesehen, dass gerade Männer auf die neue Technik mittels Videokapsel anspringen. Das würde die Vorsorgeteilnahme sicher er höhen.

Die Fragen stellte Ingeborg Bördlein.

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