Neuro-psychiatrische Krankheiten

Demenz durch Normaldruck-Hydrocephalus

Hinter einer Demenz kann ein Normaldruck-Hydrocephalus stecken. Therapie der Wahl ist ein Shunt.

Von Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht: 03.06.2009, 05:00 Uhr

Bei Patienten mit Demenzsymptomen lautet die Differenzialdiagnose meist Morbus Alzheimer oder Multiinfarktdemenz. Gibt es Zusatzsymptome, kann sich aber auch ein Normaldruck-Hydrocephalus dahinter verbergen. Und das ist häufiger als viele denken.

"Die ersten epidemiologischen Daten zum Normaldruck-Hydrocephalus wurden schon vor vielen Jahren in Süddeutschland erhoben", berichtet Professor Uwe Kehler von der Asklepios-Klinik Hamburg Altona. Danach liegt die Prävalenz bei über 60-Jährigen bei 0,6 Prozent. "Das sind die etwa 60 000 Patienten, von denen oft in der Literatur die Rede ist", so Kehler, der in dem Asklepiosjournal "Medtropole" einen Übersichtsartikel verfasst hat.

Die Inzidenz in Altenheimen könnte 10 Prozent betragen

Tatsächlich könnten es aber weit mehr sein: Zumindest kommt eine US-Untersuchung in Alten- und Pflegeheimen auf eine Inzidenz von etwa zehn Prozent. Stimmt diese Quote, dann geht die Zahl in Deutschland in die Hunderttausende.

Die Symptomtrias beim Normaldruck-Hydrocephalus besteht aus Inkontinenz, Gang- und Gedächtnisstörungen. Vor allem die Gangstörung ist typisch und gilt als frühes Symptom. Sie dürfe allerdings nicht mit anderen alterstypischen Gangstörungen bei Knie- oder Hüftgelenksproblemen, pAVK, Polyneuropathie oder auch Parkinson verwechselt werden. "Es handelt sich um eine Ataxie mit einer starken Unsicherheit beim Gehen, bei der die Füße nicht mehr richtig angehoben werden." Im Extremfall bewegen sich die Patienten im ‚Bügeleisengang‘ vorwärts, bei dem die Füße fast ständig am Boden bleiben. Liegen zwei der drei Symptome vor, sollte ein NormaldruckHydrocephalus in Erwägung gezogen werden.

Für die Diagnostik bedeutet das: Außer einem MRT ist eine Lumbalpunktion erforderlich. Kehler: "Erweiterte Liquorräume sind ein Signal in Richtung Normaldruck-Hydrocephalus. Aber Liquorräume, die nur grenzwertig vergrößert sind, schließen die Diagnose nicht aus."

Symptome sind Inkontinenz, Gang- und Gedächtnisstörungen.

Der Lumbalpunktion kommt die Schlüsselrolle zu: Hier wird zunächst im Liegen der Liquordruck gemessen. Danach werden für den Spinal-Tap-Test 40 Milliliter abgelassen. Bessern sich die Symptome dadurch wesentlich, dann gelte die Diagnose Normaldruck-Hydrocephalus als hinreichend sicher, so Kehler. Umstritten ist dagegen der Stellenwert der Druckmessung und der Langzeitmessungen des Liquorabflusswiderstands. Der Liquordruck sei ja beim Normaldruck-Hydrocephalus oft normal oder nicht ständig erhöht. Trotzdem stimme die Liquordynamik nicht.

Warum der Normaldruck-Hydrocephalus selten diagnostiziert wird, dürfte an der Scheu vor der Liquorpunktion oder vor der Therapie liegen, die als aufwendig empfunden wird, obwohl sie aus neurochirurgischer Sicht ein kleiner Eingriff ist. "Die Therapie der Wahl ist die Anlage eines ventrikuloperitonealen Shunts, der einen zusätzlichen Abflussweg für den Liquor schafft", berichtet Kehler. Dieser Shunt, ein Kunststoffschlauch, verbindet das Ventrikelsystem mit dem Peritoneum auf Höhe des Bauchnabels. Er wird in Vollnarkose im Bereich der rechten Stirn, hinter der Haarlinie, durch die Schädeldecke geführt und dann mit Hilfe einiger kleiner Hilfsschnitte subkutan bis zur Bauchdecke geschoben.

Die Erfolgsraten des Shunts liegen bei fast 90 Prozent

"Dieser Eingriff hat hohe Erfolgsraten: Bei 80 bis 90 Prozent der Patienten bessert sich die Symptomatik spürbar", so Kehler. Vor allem die Gangstörungen lassen deutlich nach. Weniger ausgeprägt ist der Effekt bei der Inkontinenz. "Und auch bei der Demenz finden wir zumindest bei einem Teil der Patienten erstaunliche Verbesserungen", schreibt Kehler.

Lesen Sie dazu auch: Ventile, die an der Schwerkraft die senkrechte Position "merken"

Mehr zum Thema

Report der Uni Frankfurt

„Chronisch krank“ ist kein definierter Begriff

„ÄrzteTag“-Podcast

Das harte Ringen um die „Nationale Demenzstrategie“

COVID-19-Splitter

Schwangere sind besonders gefährdet

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Viele Menschen leiden unter chronischen Rückenschmerzen. Aber ab wann gilt eine Krankheit als chronisch? Frankfurter Wissenschaftler wollen Licht ins Dunkel bringen.

Report der Uni Frankfurt

„Chronisch krank“ ist kein definierter Begriff

Gesichtsmasken können dazu beitragen, dass die Träger die Abstandsregeln missachten,

COVID-19-Splitter

Schwangere sind besonders gefährdet

Muster auf Basis des Maschinellen Lernens erkennen, ist eine Stärke, die Künstliche Intelligenz zum Beispiel bei der Diagnostik einbringen könnte.

Enquete-Kommission

Der Arzt steht über der Künstlichen Intelligenz