Glutamat unter Verdacht

Der Chop-Suey-Schwindel

Wenn es einem nach dem Verzehr von chinesischem Essen schwindelig wird, muss das nicht am Pflaumenwein liegen: Geschmacksverstärker rücken in den Fokus.

Von Thomas Müller Veröffentlicht: 29.04.2016, 05:02 Uhr
Der Chop-Suey-Schwindel

Schwindel nach chinesischem Essen? Es könnte an Glutamat liegen.

© ArTo / panthermedia

DÜSSELDORF. Der 53-jährige Mann wurde mit ausgeprägtem Schwindel in die Notaufnahme eingeliefert, berichten Ärzte um Professor Bernd Kieseier von der Universität in Düsseldorf.

Er war aufgrund seiner Ganginstabilität nicht mehr in der Lage, selbstständig zu gehen. Die Symptome traten 30 Minuten nach dem Verzehr scharfer chinesischer Würstchen auf.

Kein Tumor, kein Infarkt, kein Morbus Menière

Um einen Tumor sowie einen Hirninfarkt auszuschließen, veranlasste das Team um Kieseier eine ausführliche Diagnostik inklusive kranieller MRT und diffusionsgewichteter Bildgebung. Gegen einen Morbus Menière sprachen die klinischen Zeichen.

Laborwerte einschließlich der Elektrolyte waren unauffällig, das Hörvermögen zeigte keine Defizite.

Aus diesen Gründen gingen die Ärzte zunächst von einer Neuronitis vestibularis aus und waren völlig überrascht, als der Schwindel nach einer Stunde komplett verschwand. Eine mögliche Erklärung: das China-Restaurant-Syndrom.

Hohe Dichte von Glutamatrezeptoren im Corti-Organ

Ein chinesischstämmiger US-Arzt hat das Syndrom erstmals 1968 beschrieben - nach Besuchen in Chinarestaurants klagte er regelmäßig über diverse Beschwerden.

Vermutet wird seither ein Zusammenhang mit den häufig bei chinesischen Speisen verwendeten Glutamat-Geschmacksverstärkern.

Allerdings konnte Glutamat als Ursache der Beschwerden nie eindeutig überführt werden, viele Experten gehen von einem Noceboeffekt aus: In Studien bekamen Probanden mit vermeintlicher Glutamat-Unverträglichkeit bereits entsprechende Symptome, wenn sie nur glaubten, glutamathaltige Speisen verzehrt zu haben.

Nichtsdestotrotz kann es natürlich sein, dass manche Menschen besonders empfindlich auf den Geschmacksverstärker reagieren.

Natriumglutamat wirkt auf vestibuläres System

Kieseier und Mitarbeiter verweisen auf die hohe Dichte von Delta-1-Glutamatrezeptoren im Corti-Organ, vor allem im Bereich der inneren Haarzellen.

"Es wäre daher durchaus plausibel, wenn Natriumglutamat direkt auf das vestibuläre System einwirkt und Schwindel verursacht", erläutern die Neurologen.

Als Geschmacksverstärker ist Glutamat in den meisten EU-Ländern praktisch uneingeschränkt zugelassen, Tageshöchstdosen existieren in der Regel nicht.

Deutschland hat Natriumglutamat lediglich in Babynahrung verboten. Der Geschmacksverstärker ist an den E-Nummern E 620 bis E 625 erkennbar.

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Kommentare
Dr. Wolfgang P. Bayerl

Vielleicht sollte man bei Aminosäuren grundsätzlich daran erinnern,

dass es dafür, ebenso wie auch für das aus diesen Bausteinen bestehende lebenswichtige Eiweiß, keine Speicher gibt, wie wir das für das viele Fett bestens kennen und für das eher mikrig wenige Glycogen bei Zucker.
Der sog. frei AS-Pool auch im Serum, zu dem besonders die aktive Glutaminsäure gehört, ist viel mehr ein Ausdruck des obligatorischen permanenten Umbaus im Organismus, das kann netto sowohl Abbau bei unzureichender Zufuhr von außen (Katabolismus), wie Aufbau (Anabolismus) sein, wobei man letzteren leider durch vermehrte Nahrungszufuhr nicht erzwingen kann, sondern nur begünstigen.
Permanente Zufuhr mit Nahrung ist allerdings erforderlich um Katabolismus zu vermeiden, genannt tägliches Eiweißminimum, wichtig für den Dialysepatient.
Die (logische) Besonderheit des Bedarfes bei fehlender Speichermöglichkeit liegt dabei immer in einem kompletten gleichzeitig angebotenem AS-Ensemble insbes. bei den essentiellen AS. Das zuviel bei einer AS kann nicht durch ein zuwenig bei einer anderen "ausgeglichen" werden, im Gegenteil.
Man hat dafür auch vor wirklich langer Zeit Rattenversuche unternommen und das getestete tägliche Eiweißminimum/Tag gezielt in zwei Portionen aufgeteilt, die jeweils nur die Hälfte der notwendigen Mischung enthielt. Und es reichte bei diesen Tieren bereits die Zeitdifferenz zwischen Morgen- und Abendmahlzeit um einen Katabolismus (Gewichtsabnahme) des Stoffwechsels auszulösen, weil jeweils immer eine Hälfte fehlte.
Wer jetzt mitgedacht hat, versteht warum man zur Verhinderung von Katabolismus weniger tierisches Eiweiß benötigt als pflanzliches. Und zurück zum Glutamin, dass besonders viel von einer einzigen Aminosäure den ganzen Stoffwechsel (etwas) durcheinander bringen muss.
Deshalb lieber Fleisch als ominöse und teure Eiweißnahrugsergänzungpräparate (z.B. für Sport)
Bei Vit. und Spurenelement sieht das wieder ganz anders aus.

Dr. Wolfgang P. Bayerl

Auch hier ist es eine Dosisfrage, da auch als Neurotransmitter aktiv.

Sogar für den Menschen essentielle Aminosäuren haben alle bei Überdosierung eine spezifische Toxizität.
Das "Cinarestaurant-Syndrom" ist nichts neues. Glutamin ist normal dosiert nicht toxisch und hat sogar eine wichtige Schlüsselrolle als universeller Aminogruppen-Donor, es muss aber eine Höchstgrenze her!


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