Interview mit Prof. Jürgen Riemann

„Der Zugang zu den Darmkrebs-Tests muss einfacher werden“

Das Einladungsverfahren zum Darmkrebs-Screening hat bis zum Ausbruch der Pandemie zu einer zunehmenden Inanspruchnahme von Vorsorgekoloskopien geführt. Doch es gibt noch deutliches Verbesserungspotenzial, sagt Professor Jürgen Riemann von der Stiftung LebensBlicke.

Von Dr. Thomas MeißnerDr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
Darmkrebsvorsorge: Wendepunkt war das Jahr 2002, als es gelang, sowohl die Vorsorge-Darmspiegelung als auch den Stuhltest in ein offizielles Krebsfrüherkennungsprogramm einzubringen.

Wendepunkt in der Darmkrebsvorsorge war das Jahr 2002, als es gelang, sowohl die Vorsorge-Darmspiegelung als auch den Stuhltest in ein offizielles Krebsfrüherkennungsprogramm einzubringen.

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Ärzte Zeitung: Herr Professor Riemann, nachdem im Zuge der Neuregelungen zur Krebsfrüherkennung im Jahr 2019 die Zahl der Vorsorge-Darmspiegelungen deutlich angestiegen war, meldete das Robert Koch-Institut bereits in der letzten Märzwoche 2020 einen Einbruch um 40 Prozent. Wissen Sie Näheres zum Verlauf des Screenings im Pandemiejahr 2020?

Professor Jürgen F. Riemann: Die Daten treffen sicher für die erste Welle im letzten Frühjahr zu, was derzeit passiert, wird noch erarbeitet. Zurzeit gibt es keine langen Wartezeiten auf die Vorsorgekoloskopie. Die Teilnehmerrate ist zwar insgesamt reduziert, aber dennoch nehmen die Menschen die Vorsorge in Anspruch.

In einer 2014 veröffentlichten Analyse ging man in zwei Szenarien von einem Anstieg der Darmkrebsfallzahlen bis 2020 um bis zu 24 Prozent bei Männern und bis zu 16 Prozent bei Frauen aus. Tatsächlich sehen wir seit vielen Jahren einen kontinuierlichen Rückgang der absoluten Neuerkrankungsraten. Worauf führen Sie das zurück?

„Der Zugang zu den Darmkrebs-Tests muss einfacher werden“

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Der entscheidende Wendepunkt war das Jahr 2002, als es gelang, sowohl die Vorsorge-Darmspiegelung als auch den Stuhltest in ein offizielles Krebsfrüherkennungsprogramm einzubringen. Die erste Auswertung nach zehn Jahren hatte bereits gezeigt, dass allein mit der Vorsorgekoloskopie über 200.000 Darmkrebs-Neuerkrankungen verhindert werden konnten, weil dabei entdeckte Vorstufen rechtzeitig entfernt wurden. Tumoren, die in einem viel früheren Stadium entdeckt wurden, waren heilbar, ohne dass der chirurgischen Entfernung immer notwendiger Weise eine Chemo- oder Strahlentherapie gefolgt wäre. Das damals eingeführte opportunistische Krebsfrüherkennungsprogramm hat also deutliche Spuren hinterlassen.

Professor Jürgen F. Riemann

  • Vorsitzender der Stiftung LebensBlicke Mitglied des Kuratoriums der Deutschen Krebsstiftung
  • Werdegang: Medizinstudium in Tübingen und Innsbruck, Facharztausbildung zum Internisten und Gastroenterologen am Bundeswehrkrankenhaus sowie I. Med. Universitätsklinik Hamburg und an der Universitätsklinik Erlangen, dort 1979 Habilitation. 1985 bis 2008 Direktor der Medizinischen Klinik C des Klinikums Ludwigshafen

Im Moment liegt das mittlere Erkrankungsalter bei über 70 Jahren. Ist es sinnvoll, mit der Werbung für die Vorsorge noch spezifischer in bestimmte Altersgruppen hineinzugehen?

Etwa 75 Prozent der Darmkrebse entstehen sporadisch, aber etwa 25 Prozent haben ein familiäres Risiko. Wenn zum Beispiel der Vater mit 50 Jahren an Darmkrebs erkrankt war, dann sollten seine leiblichen Nachfahren im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung mindestens zehn Jahre früher einer Vorsorgeuntersuchung zugeführt werden. Gleiches gilt unter Umständen auch für Patienten mit dem Risikofaktor Diabetes mellitus. Wir sind deshalb sehr froh darüber, dass der Gesetzgeber die Flexibilisierung der Altersgrenzen ermöglicht hat.

Wir sollten die Menschen da abholen, wo sie gerade tätig sind. Damit wecke ich auch mehr Bereitschaft, mitzuwirken.

Inzwischen gibt es das Einladungsverfahren zum Screening und es gibt den immunologischen Stuhltest auf okkultes Blut. Wird das die Teilnahmeraten substanziell steigern?

Wir haben nach Einführung der Regelung in der zweiten Jahreshälfte 2019 vor allem steigende Teilnahmeraten an der Darmspiegelung gesehen. Andererseits hatte die Umstellung vom alten Guajak-basierten Test auf den immunologischen Stuhltest bisher nicht die gewünschte Steigerung zur Folge. Das liegt unter Umständen daran, dass es sehr umständlich ist, sich zunächst in der Arztpraxis den Test abzuholen, den Test zu Hause vorzunehmen, dann wieder zurück zum Arzt zu bringen, um womöglich bei einem dritten Praxisbesuch das Ergebnis zu erfahren.

Was müsste noch besser laufen beim Darmkrebs-Screening?

Die Einladung der Versicherten erfolgt per Brief durch die Krankenkassen. Nachteilig ist, dass die beigelegte Aufklärungsbroschüre sehr umfangreich und für den Laien wenig verständlich ist. Diese Broschüre muss verbessert und gekürzt werden. Was zweitens fehlt, ist ein Recall-System, also eine Erinnerung nach einigen Wochen, ob man diese Einladung erhalten hat und sie wahrnehmen möchte.

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Verbesserungswürdig ist weiterhin der Zugang zum Stuhltest respektive zur Darmspiegelung. Es sollte bei zunehmender Forderung nach Digitalisierung möglich sein, online bei meiner Krankenkasse nachzufragen, ob ich mir einen Stuhltest abholen oder zuschicken lassen kann oder ob ich zu einer Darmspiegelung gehen kann. Wir sollten die Menschen da abholen, wo sie gerade tätig sind. Und damit wecke ich auch mehr Bereitschaft, mitzuwirken.

Was mir insgesamt gefehlt hat bei der Umwandlung des opportunistischen Screenings in ein Einladungsverfahren, ist, dass dies nicht von einer nationalen Kampagne begleitet war. Die Aufmerksamkeit muss auf diese Verbesserungen gelenkt werden. Das ist leider Gottes fast nur bei den Stiftungen und Fachorganisationen hängen geblieben.

Welche qualitativen Mindestanforderungen stellen Sie an Endoskopiker und an die zu verwendende Endoskopie-Technik?

Die Qualitätsvoraussetzungen in Deutschland sind sehr gut, etwa was den Facharztstandard, Hygienestandards, Mindestzahlen an Untersuchungen pro Jahr und die Dokumentation angeht. Da sind wir in Europa sicher in der Spitzengruppe. Endoskopie-Standard ist heute die HD (high definition)-Qualität. Sinnvoll sind digitale Filter, die es ermöglichen, Läsionen besser als früher zu kontrastieren. Die nächste Endoskop-Generation wird per künstlicher Intelligenz Polypen qualifizieren können: Enthält der Polyp Adenomstrukturen oder ist das nur eine hyperplastische Wucherung?

Es geht ja nicht nur um das Erkennen von Vorstufen. Die vielen kleinen Darmpolypen, die wahrscheinlich im Laufe des Lebens keine Rolle spielen, müssen so qualifiziert werden, dass kein Nachsorge-Überangebot erzeugt wird.

Das Interview zum Hören

Hören Sie das vollständige Gespräch mit Prof. Jürgen Riemann zum Darmkrebsmonat März hier.

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