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Die Schlaganfallgefahr bei Kindern und Jugendlichen wird unterschätzt

Schlaganfälle bei Kindern und Jugendlichen gelten noch immer als exotisch. Doch ihre Häufigkeit nimmt zu. Eine frühe Diagnose ist mindestens genauso wichtig wie bei Erwachsenen.

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:

Zahlen zur Inzidenz von Schlaganfällen im Kindesalter variieren in der Literatur stark. Sie liegen zwischen 2 und 20 pro 100 000 Kinder pro Jahr. Die Quote hängt zum einen davon ab, was gezählt wird: Werden Schlaganfälle durch Kindesmisshandlungen und Verkehrsunfälle berücksichtigt, steigen die Zahlen.

"Ein weiterer Faktor ist eine unklare Nomenklatur. Wenn zum Beispiel der Begriff kindliche oder infantile Hemiplegie verwendet wird, taucht das in vielen Statistiken nicht als Schlaganfall auf", betont Professor Marcus Hörmann von der Abteilung für Radiologie und Kinderradiologie an der Medizinischen Universität Wien.

Klare Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern gibt es bei der Ätiologie des Schlaganfalls. Arteriosklerotische Läsionen stehen bei Schlaganfällen bei Kindern naturgemäß nicht im Vordergrund. Trotzdem sind Ischämien eine ganz wesentliche Schlaganfallursache - auch im Kindesalter (Radiologe 48, 2008, 488).

Oft sind diese Ischämien Folge einer Grunderkrankung. Vor allem die Sichelzellanämie ist hier zu nennen. "Sie gehört mit einem 200-fach erhöhten Risiko zu den weltweit häufigsten Ursachen des ischämischen Schlaganfalls bei Kindern", so Hörmann. Nicht selten finden sich bei diesen Kindern in der Bildgebung auch ältere Schlaganfälle, die klinisch unauffällig waren.

Vor allem in Asien und speziell in Japan wichtig ist ferner die Moyamoya-Erkrankung, eine entzündliche Erkrankung des Circulus arteriosus Willisii. Vor allem bei rezidivierenden transienten Ischämien und prolongierten reversiblen neurologischen Defiziten sei daran zu denken, so Hörmann in seinem Beitrag.

Weil gehäuft Aneurysmen auftreten, kann Moyamoya außer zu ischämischen auch zu hämorrhagischen Schlaganfällen führen. Der erste von zwei Erkrankungsgipfeln liegt im Kindesalter.

Zu ischämischen Schlaganfällen führen auch angeborene Koagulopathien, die es bei jedem Kind mit entsprechendem Ereignis abzuklären gilt. Außerdem sind Kinder mit angeborenen Herzfehlern eine Risikogruppe: Hier kann es während und nach der Operation zu Ereignissen kommen, aber auch später noch, etwa aufgrund von Embolien durch ein offenes Foramen ovale.

Als Ursache eines ischämischen Schlaganfalls wesentlich bedeutender als bei Erwachsenen sind bei Kindern Traumata des Halses. Sie können zu einer Dissektion der Arteria vertebralis führen und entsprechend eine vertebrobasilare Schlaganfallsymptomatik mit Ataxie und Hirnstammsymptomen verursachen. Daran sollte vor allem dann gedacht werden, wenn die Kinder bei Sportunfällen mit dem Schädel aufschlagen, etwa beim Snowboarden oder beim Skateboardfahren, aber auch bei Kampfsportarten.

Wie beim Erwachsenen muss auch bei Kindern mit Schlaganfall möglichst schnell eine Diagnose erfolgen. Denn wenn die Therapie verzögert wird, drohen Spätschäden, mit denen die Betroffenen nicht selten den Rest ihres Lebens zu kämpfen haben. Auf keinen Fall sollten schlaganfalltypische Symptome bagatellisiert werden: "Kinder stecken kurzfristig mehr weg. Langfristig drohen aber deutliche Einschränkungen der körperlichen und intellektuellen Fähigkeiten", so Hörmann.

Für die bildgebende Diagnostik infrage kommen wie beim Erwachsenen in erster Linie die Computertomografie und die Magnetresonanztomografie. Wenn Infrastruktur und Expertise vorhanden sind, kann die MRT Vorteile haben, um die Schlaganfallätiologie abzuklären.

Zwar gibt es bei Kindern keine durch Studien abgesicherten Fristen, innerhalb derer eine Bildgebung zu erfolgen hätte. Es gibt auch keine definitiven Zeitfenster für eine Lysetherapie. Aber klar ist: Wenn es im Gehirn Nervengewebe zu retten gilt, dann sind die Chancen dafür in den ersten Stunden nach dem Ereignis größer als später - auch bei Kindern.

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