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Die optimale Ernährung bei Krebs

Tumorpatienten sind oft mangelernährt, die Krankheit selbst und die Therapie verändern Appetit und Geschmacksempfinden. Es gibt jedoch wirksame Maßnahmen zum Gegensteuern. Drei Expertinnen geben Empfehlungen, wie sich Krebskranke ernähren sollten.

Von Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht: 03.02.2020, 17:30 Uhr
Die optimale Ernährung bei Krebs

Eine Patientin klagt über Appetitlosigkeit und Geschmacksveränderungen – Mangelernährung lässt sich vorbeugen.

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Bonn . Eine individuell ausgewogene Ernährung trägt bei Krebspatienten dazu bei, die Körperreserven zu erhalten, die Therapie zu tolerieren sowie den Krankheitsverlauf und die Lebensqualität günstig zu beeinflussen.

Andererseits verschlechtern die Krankheit selbst sowie die notwendigen Therapien den Ernährungszustand derart, dass bei jedem dritten ambulant betreuten Tumorpatienten ein Risiko für Mangelernährung besteht. Inappetenz, vorzeitiges Sättigungsgefühl, Geschmacksveränderungen und Abneigung gegen bestimmte Speisen bis hin zu Übelkeit, Erbrechen und Dysphagie erschweren die Situation.

Fokus weniger auf „gute“ und „böse“ Lebensmittel legen

Gutgemeinte Ratschläge von Freunden und Angehörigen und Informationen zu „Krebsdiäten“ aus Print- und Online-Medien führen zu Verunsicherungen, im schlechtesten Fall gar zu Beeinträchtigungen der laufenden Therapie. Jeder zweite Krebspatient soll Nahrungsergänzungsmittel einnehmen.

Praktische Tipps, die sofort umgesetzt werden können, haben kürzlich die Ernährungswissenschaftlerin Eva Kerschbaum von der Beratungsstelle für Ernährung am Tumorzentrum München und die Diätassistentinnen Claudia Thaler, Oberaudorf, und Lucia Schmitt, Garmisch-Partenkirchen, in einem Fortbildungsbeitrag publiziert (Ernährungs-Umschau 2019; 12: M734-742).

Daraus geht hervor, dass der Fokus weniger auf „gute“ und „böse“ Lebensmittel als auf einen gesunden Lebensstil mit einer bedarfsdeckenden Ernährung gerichtet werden sollte. Orientierung geben die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), des World Cancer Research Fund (WCRF) oder die S3-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Onkologie“.

Schmerzen, Übelkeit, die psychische Belastung – diese und andere Umstände führen bei Krebspatienten häufig zu Inappetenz. „Oftmals ist der Appetit morgens am größten, sodass ein ausgiebiges Frühstück eine gute Grundlage schafft“, raten Kerschbaum und ihre Koautorinnen.

Hilfreich seien viele kleine Mahlzeiten und hochkalorische Snacks, etwa Käsewürfel mit Weintrauben, Oliven oder Nüsse.

Eine weitere Empfehlung: Etwa eine halbe Stunde vor einer Mahlzeit können appetitanregende Getränke wie bitterstoffhaltige Tees (Salbei, Bitterklee, Wermut), Obst- oder Gemüsesäfte getrunken werden. „Ablenkung beim Essen (Fernsehen, Lesen, anregende Gespräche) verbessert die Nahrungsaufnahme.“

Bei der Zubereitung von Mahlzeiten kann mit Kräutern und Gewürzen experimentiert werden – besonders Estragon und Zwiebeln wirken appetitanregend.

Chemo- und Strahlentherapien können zu einer gesteigerten oder verminderten Wahrnehmung von Süß und Bitter führen, seltener treten Veränderungen des salzigen und sauren Geschmacks auf. Bei manchen Patienten helfen milde Speisen wie Kartoffelpüree oder Reis, bei anderen helfen eher geschmacksintensive Lebensmittel wie saure Säfte, gegrilltes oder geschmortes Fleisch oder Kakaoerzeugnisse.

So können Fleisch und Fisch mit Sojasauce, Fruchtsaft oder Wein mariniert werden. Gewürzt wird mit frischen Kräutern, Zwiebel- und Kräutersalz. Obst und Gemüse werden meist gern gegessen.

„Zwischen den Mahlzeiten öfter einen zuckerfreien Kaugummi kauen oder ein saures Bonbon lutschen, um den Speichelfluss anzuregen“, raten die Ernährungsexpertinnen. „Das fördert das Geschmacksempfinden.“ Hitzezubereitete Mahlzeiten sollten probeweise nur zimmerwarm serviert werden.

Ein trockener Mund, wie er besonders unter Strahlentherapie im Mund-Rachenraum auftritt, kann das Kauen und Schlucken erheblich erschweren.

Ganz allgemein gilt: Reichlich trinken und wasserreiche Lebensmittel wie Obst, Suppen und Cremespeisen verwenden. Fleischgerichte, Fisch und andere Gerichte sollten mit viel Sauce zubereitet, Obst und Gemüse können als Smoothie aufgenommen werden. Brot rutscht besser mit viel Butter oder Aufstrich, eine andere Möglichkeit ist das Dippen in Milch, Kaffee, Kakao oder Tee. Saures regt den Speichelfluss an, das können Bonbons sein, Zitronen-, Orangen- oder Ananasscheiben.

Ebenso hilfreich sind Zitronentee oder Zitronenlimonade in kleinen Schlucken. Bei zähem Speichel helfen Mundspülungen, etwa mit einem Aufguss aus Salbeiblättern. Wichtig ist bei unzureichendem Speichelfluss die Zahnhygiene: Nach möglichst jeder Mahlzeit sollten die Zähne geputzt werden.

Übelkeit und Erbrechen führen häufig zu einer Abneigung gegen zuvor verzehrte Speisen. Fasten während einer Chemotherapie könne allerdings nicht uneingeschränkt empfohlen werden, so Kerschbaum und ihre Koautorinnen.

Sie raten, einige Stunden vor der Therapie nichts zu essen. Hat der Patient erbrochen, gilt es den Mund auszuspülen, die Zähne zu putzen und zur Magenberuhigung etwas Kamillen- oder Pfefferminztee zu trinken.

Erst zwei bis drei Stunden nach dem Erbrechen kann mit Salzgebäck gestartet und Flüssigkeit in kleinen Schlucken getrunken werden. Kalte und lauwarme Speisen sind weniger geruchsintensiv und werden daher bevorzugt.

Kleine Portionen, die sorgfältig gekaut und langsam gegessen werden sowie reichlich und bevorzugt kalte Getränke sind hilfreich. Eventuell muss auf feste Nahrung verzichtet werden.

Nimmt ein Tumorpatient innerhalb von drei Monaten um mehr als fünf Prozent des Ausgangsgewichts ab, ist die Zufuhr von energie- und proteinoptimierter Kost angezeigt. Fettreiche Lebensmittel wie Sahne, Butter, Pflanzenöle oder fettreiche Käse- und Wurstsorten besitzen eine hohe Energiedichte.

Bei krankheitsbedingt eingeschränkter Fettassimilation muss auf proteinreiche Lebensmittel oder Snacks zurückgegriffen werden. Das geschmacksneutrale und hitzestabile Kohlenhydratpulver Maltodextrin kann zur Energieanreicherung von zum Beispiel Puddings, Suppen, Gebäck und Getränken genutzt werden – ein Esslöffel enthält etwa 40 kcal.

Eine weitere Möglichkeit ist das Einrühren von Magermilchpulver oder Eiweißkonzentratpulver aus der Apotheke in warme und kalte Speisen. Gelingt es damit nicht, das Gewicht zu halten oder zu steigern, können energiereiche Trinknahrungen probiert werden.

Kerschbaum: „Eine Verordnung ist normalerweise bei gesetzlichen Krankenkassen problemlos möglich.“

Kritik an Krebsdiäten

Für sogenannte „Krebsdiäten“ wie die Alkaline-Diät, Breuß-Kur oder makrobiotische Kost lägen keine wissenschaftlich ausreichenden Wirksamkeitsbelege vor, schreiben die Ernährungsexpertinnen.

Besonders häufig würden in der Beratung kohlenhydratreduzierte und vegane Kost sowie Diäten zum „Aushungern“ des Tumors angefragt. All dies könne die Entwicklung einer Mangelernährung und den fortschreitenden Gewichtsverlust begünstigen, warnen sie.

Andererseits verleite unter Umständen der Versuch, einen Patienten von einer Krebsdiät abzubringen, auf die viel Hoffnung gesetzt wird, erst recht dazu, diese Diät zu verteidigen. Es gelte, mit Fingerspitzengefühl zu kommunizieren, alles zu dokumentieren sowie den Ernährungsstatus, Laborparameter und Nebenwirkungen engmaschig zu überwachen.

Die optimale Ernährung bei Krebs

Oft ist der Appetit bei Krebspatienten morgens am größten, sodass ein ausgiebiges Frühstück eine gute Grundlage schafft.

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Auch Nahrungsergänzungsmittel sind ein häufiges Thema in der onkologischen Ernährungsberatung. Aus Sorge vor negativen Reaktionen erwähnen manche Patienten dieses Thema im Gespräch mit ihrem Arzt allerdings nicht oder halten dies für irrelevant.

In der S3-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Onkologie“ raten maßgebliche Fachgesellschaften davon ab, Vitamine oder Mineralstoffe im Vergleich zu üblichen Referenzwerten in hohen Dosen einzunehmen.

Denn es sind Interaktionen mit medikamentösen Therapien möglich. Je nach Bezugsquelle der Mittel können die Wirkstoffe in variablen Konzentrationen enthalten sein oder die Präparate sind mit unbekannten Substanzen kontaminiert.

Weitere Tipps zur Ernährung für Krebspatienten finden Sie online unter: www.ernaehrung-krebs-tzm.de

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