Studie

Die sechs Stufen der Depression

In einer neuen Studie hat das Rheingold Institut untersucht, welcher inneren Logik die "Volkskrankheit Depression" folgt. Das Ergebnis: Betroffene durchlaufen einen Prozess, der sich aus sechs Komponenten zusammensetzt.

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BERLIN. Das Erkennen und Heilen einer Depression scheitert oft am Stigma der Schwäche und des Scheiterns, das der Krankheit noch immer anhaftet.

Betroffene schämen sich und verschweigen ihr Leiden. Angehörige, Freunde, aber auch Ärzte wiederum fühlen sich aus demselben Grund in vielen Fällen unangenehm berührt, wenn sie mit der Krankheit konfrontiert werden.

Welcher inneren Logik die "Volkskrankheit Depression" mit geschätzt 4 Millionen Betroffenen in Deutschland folgt, hat das Marktforschungsinstitut Rheingold in einer aktuellen tiefenpsychologischen Studie untersucht.

80 Personen wurden jeweils zwei Stunden befragt, 40 von ihnen litten unter depressiven Verstimmungen. Außerdem interviewten die Institutsmitarbeiter 22 Ärzte, zehn Apotheker und acht pharmazeutisch-technische Assistenten.

Auftraggeber war der Hersteller von Naturheilmedizin Pascoe. Über die ausführliche Auswertung der Interviews wollte Rheingold das Muster herausarbeiten, dem eine Depression folgt.

Das Ergebnis: Betroffene durchlaufen einen Prozess, der sich aus sechs Komponenten zusammensetzt.

Streben nach Perfektion

Gewissermaßen der Nährboden solcher Erkrankungen sei laut der Studie ein ausgeprägtes Streben nach Perfektion, sagte Stephan Grünewald, Diplompsychologe vom Rheingold Institut, bei der Vorstellung der Studienergebnisse in Berlin.

„Wenn Betroffene sich öffnen, zeigen sich hohe Ansprüche, Ideale oder ein Perfektionsstreben“, sagte er. Insofern weise die Depression eine Entsprechung zur westlichen Kultur mit ihrem Machbarkeitsstreben.

Wenn sie dann notwendigerweise nicht immer und überall ihrem überhöhten Anspruch an sich entsprechen, nehmen die betroffenen Menschen das als allumfassendes Scheitern wahr, so Grünewald.

In der Folge führe das anstatt zu einer produktiven Auseinandersetzung mit der Problematik des Scheiterns in einem dritten Schritt zur „Stilllegung“, berichtete der Psychologe.

Betroffene würden gleichgültig gegenüber allen ihren Aufgaben, Pflicht oder Freuden.

„Es findet keine Priorisierung mehr statt“, sagt Grünewald. Auf dieser Stufe angelangt, entwickeln Menschen mit depressiven Verstimmungen starke innere Aktivität, so der Forscher. Ihre Gedanken kreisen um die eigene Person, die Welt wird ausgeblendet.

Schließlich erreichen Betroffene das, was die Forscher „resignativ-verbitterte Symptombehandlung“ nennen.

In diesem Stadium suchen sie Hilfe etwa in der Apotheke, um die Symptome ihrer Erkrankung wie Schlaflosigkeit zu lindern – oft mit einem gewissen Erfolg, erläuterte Grünewald.

Ob sie aber die eigentliche Wurzel angehen, den Widerspruch zwischen ihren hohen Erwartungen und den kleinen Niederlagen im Alltag, hängt davon ab, ob sie sich der Problematik stellen. (tau)

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