Schlaganfall

Eine Lehrmeinung wankt

Ein ganzes Thesengebäude zur Neuropathologie des ischämischen Schlaganfalls haben Wissenschaftler jetzt zum Einsturz gebracht. Demnach sind vermeintlich schädliche Leukozyten wohl nicht für das Absterben von Nervenzellen im Gehirn verantwortlich.

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
MRT-Untersuchung bei einem Patienten mit Verdacht auf Schlaganfall: Neue Erkenntnisse haben Folgen für die Suche nach neuen Ansätzen für die Behandlung bei ischämischen Schlaganfällen.

MRT-Untersuchung bei einem Patienten mit Verdacht auf Schlaganfall: Neue Erkenntnisse haben Folgen für die Suche nach neuen Ansätzen für die Behandlung bei ischämischen Schlaganfällen.

© C. Pueschner/Zeitenspiegel

BERN. Eine neue Studie zeigt: Offenbar sind absterbende Leukozyten bei einem Schlaganfall nicht für den Niedergang der Nervenzellen verantwortlich.

Die Erkenntnisse haben Folgen für die Suche nach neuen Ansätzen für die Behandlung von Patienten mit ischämischen Schlaganfällen.

Denn seit Jahren war man auf der Suche nach Möglichkeiten, die massive Einwanderung neutrophiler Granulozyten ins Hirngewebe nach einem Hirninfarkt oder deren Funktion zu verhindern. Allerdings waren diese Versuche erfolglos.

Jetzt scheint klar zu sein, warum: Die angeblich so schädlichen Granulozyten gelangen gar nicht ins Hirngewebe, so Dr. Gaby Enzmann von der Universität Bern und ihr multidisziplinäres Team aus Grundlagen- und klinischen Wissenschaftlern mehrerer deutscher Universitäten (Acta Neuropathol 2012; online first).

Erkenntnis galt als gesichert

Die Migration neutrophiler Granulozyten ins Hirnparenchym, um dort mit ihren Proteasen Gewebeschäden und Nervenzelltod hervorzurufen, galt als gesicherte Erkenntnis und hat Eingang in die Lehrbücher der Neurologie und Neuropathologie gefunden.

Enzmann und Kollegen kritisieren in ihrer Publikation, dass diese Behauptung aus methodischen Gründen gar nicht hätte aufgestellt werden dürfen.

Denn unter anderem war es mit gängigen Färbemethoden nicht möglich, sterbende Nervenzellen, neutrophile Granulozyten und andere Fresszellen voneinander zu unterscheiden.

Blut-Hirn-Schranke nicht passiert

Die Forscher haben mit neuen immunhistologischen Verfahren an einem Mausmodell festgestellt, dass die Granulozyten die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren können. Sie bleiben in den Blutgefäßen oder perivaskulär hängen.

Bestätigt haben sie diese In-vivo-Resultate aus Tierversuchen durch Experimente an 25 humanen Hirngewebeproben von Schlaganfallpatienten. Damit muss die Bedeutung neutrophiler Granulozyten beim Schlaganfall neu bewertet werden.

Bislang ist unklar, welche Vorgänge zur Akkumulation der Entzündungszellen in den Gefäßen führen und ob eine lokale Störung der Blut-Hirn-Schranke stattfindet.

Dies und anderes mehr müsse geklärt werden, bevor der bislang offenbar überschätzte Vorgang überhaupt als mögliches Therapieziel weiter in Betracht gezogen werden könne, heißt es in der Publikation.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Schlaganfall in Revision

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

© Oleh / stock.adobe.com

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Lilly Deutschland GmbH, Bad Homburg v.d.H.
Abb. 2: ADA und nAb unter AVT05 und Referenz-Golimumab bis Woche 16

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Colitis ulcerosa

Das erste Golimumab-Biosimilar erweitert die Therapieoption bei entzündlichen Erkrankungen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Advanz Pharma GmbH, München
Abb. 2: Infusionsschema der REGENCY-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Neue Therapieoption bei Lupus-Nephritis verfügbar

Obinutuzumab verbessert Nierenoutcomes bei Lupus-Nephritis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Pharma AG, Grenzach-Wyhlen
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

S2e-Leitlinie aktualisiert

Auto fahren mit Diabetes: Auf diese Punkte sollten Ärzte hinweisen

Lesetipps
Ein Mann im Krankenhaus beim Essen.

© fresnel6 / stock.adobe.com

Neue S3-Leitllinie

Ernährungs-Screening bei Menschen mit Krebs sollte Routine werden

Kooperation | In Kooperation mit: Deutscher Krebsgesellschaft und Stiftung Deutsche Krebshilfe
Pipetten mit Flüssigkeiten im Labor.

© Alican/stock.adobe.com

Hoffnung durch KI & Co?

Drei neue Strategien gegen Pankreaskrebs

Kooperation | In Kooperation mit: Deutscher Krebsgesellschaft und Stiftung Deutsche Krebshilfe