Frieren mal anders

Eine "kalte" Wunderwaffe zum Abspecken?

Weg mit den Pfunden! Eine niederländische Forschergruppe will dafür einen Weg gefunden haben - zumindest hypothetisch. Sie fordern: Friert endlich mal!

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Hier hat die Kälte nicht geholfen: Das Federvieh ist immer noch fett.

Hier hat die Kälte nicht geholfen: Das Federvieh ist immer noch fett.

© staphy / fotolia.com

MAASTRICHT. Ein bisschen die Umwelt schützen und nebenbei ganz leicht auch noch etwas für die Figur tun: Das zumindest ist die Idee einer niederländischen Forschergruppe. Erreichen will das das Team um den Biologen Professor Wouter van Marken Lichtenbelt aus Maastricht mit etwas mehr Kälte im Leben der Menschen.

Hin und wieder die Heizung herunterdrehen schone nicht nur die Umwelt, sondern kurbele gleichzeitig den Stoffwechsel an - mit ungeahnten Folgen für den Bauchumfang, vermuten sie. Ihre Hypothese haben Lichtenbelt und sein Team jetzt in den "Trends in Endocrinology and Metabolism" vorgestellt (TEM 2014; online 22. Januar).

Der Gedanke ist leicht erklärt: Wenn es kühl ist und Menschen sogar frieren, erhöht sich der Muskeltonus - der Körper zittert. Die muskuläre Thermogenese ist die direkte Antwort auf Kälte, der "Ofen" wird quasi angeheizt.

Doch Lichtenbelt und seine Kollegen wollen nicht, dass die ganze Welt zittern muss: Sie denken eher an den biochemischen Ofen, also die Erzeugung von Wärme durch die Verbrennung von Fettsäuren.

Und die soll am besten im braunen Fettgewebe stattfinden, das zugeführte Energie nicht in seinen Zellen speichert, sondern direkt in Wärme umsetzt (Nat Med 2013; 19(10): 1252). Dass auch Erwachsene - zumindest noch etwas - braunes Fettgewebe besitzen, ist seit spätestens vier Jahren bekannt (N Engl J Med 2009; 360: 1509). Zuvor wurde dies nur Babys zugeschrieben.

Deutsche Forscher hatten vor wenigen Jahren sogar gezeigt, wie ein Defekt im Gen Tbc1d1 zumindest Mäusen ein wahres Schlankheitswunder bescheren kann: Die Tiere konnten fettreich essen so viel sie wollten, sie wurden einfach nicht dick.

Seit einigen Jahren ist außerdem bekannt, dass die Thermogenese im braunen Fett sogar durch Kälte angekurbelt werden kann. Im Jahr 2009 konnte ein anderes Team um den Niederländer Lichtenbelt zeigen, dass die Aktivität dieses Fettgewebes ansteigt, wenn der Körper einer Temperatur von 16 °C ausgesetzt wird.

Chronische Kälte reduziert das Zittern

Ein Wermutstropfen blieb jedoch in diesem Versuch mit Freiwilligen, denn einen direkten Zusammenhang konnten die Forscher zumindest nicht signifikant nachweisen (N Engl J Med 2009; 360: 1500).

Bekannt ist allerdings auch, dass es einen metabolischen Signalweg von der Kältewahrnehmung des Körpers hin zur Aktivität des braunen Fettgewebes gibt. Maßgeblich dafür ist laut einer Studie von texanischen Forschern das sogenannte "entkoppelte Protein 1" (UCP1), das nur in diesem Gewebe vorkommt. UCP1 wird durch den Koaktivator PGC-1a aktiviert, der wiederum durch Kälte stimuliert wird (Adv Physiol Educ 2006; 30(4): 145).

Diese Annahmen hat Lichtenbelts Team nun zu der Hypothese gebündelt, dass ein bisschen mehr Kälte zu einem bisschen weniger Fett führen könnte.

"Wir vermuten, dass häufiger Kontakt mit leichter Kälte den Energieverbrauch beeinflussen kann." Der Effekt würde nach seinen Worten sogar signifikant sein können, würden die Menschen sich regelmäßig immer wieder kühleren Temperaturen aussetzen. Als "Idealtemperatur" schätzen die Niederländer Biologen 18 bis 19 °C.

Vor gut einem Jahr hatten sie bereits ein Experiment mit Freiwilligen veröffentlicht, in dem sie den Beweis für ihre Hypothese antreten wollten. Damals ließen sie 17 Probanden zehn Tage lang jeweils sechs Stunden am Tag bei 15 bis 16 °C frieren (J Clin Invest 2013; 123(8): 3395).

Damals konnten sie zeigen, dass sowohl das Volumen des braunen Fettgewebes deutlich als auch dessen Aktivität zumindest minimal durch den "Kälteschock" zugenommen haben.

Und sie konnten außerdem zeigen, dass mit "chronischer Kälte" langsam der Anteil der biochemischen Thermogenese stieg, das Zittern also immer ein bisschen weniger wurde. Das reichte den Forschern schon als Indizien, dass ihre Hypothese womöglich etwas taugen kann.

Lichtenbelts Team glaubt sogar, dass die nicht-muskuläre Thermogenese für bis zu 30 Prozent des Energiehaushalts eines Körpers verantwortlich sein kann - zumindest bei jungen Menschen.

Übersetzt würde das bedeuten, dass niedrige Temperaturen, so sie denn braunes Fettgewebe zum "Heizen" anstacheln können, für einen erheblichen Energieumsatz sorgen könnten.

Der Biologe fordert deswegen: "Wenn wir unser Raumklima überdenken und auch niedrigere Temperaturen erlauben würden, könnte das unsere Gesundheit schützen - und unser Bankkonto." (nös)

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