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Emotionaler Stress triggert Reizdarm-Symptome

Ein Reizdarm ist keine Einbildung hypochondrischer Patienten. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse belegen funktionelle und teils auch strukturelle Besonderheiten bei den Patienten. Diese treffen aber nicht für alle Reizdarm-Geplagten in gleicher Weise zu -"den" Reizdarm schlechthin gibt es also nicht.

Von Simone Reisdorf Veröffentlicht:
Reizdarm kann auch entzündliche Ursachen haben.

Reizdarm kann auch entzündliche Ursachen haben.

© Foto: Marin Conicwww.fotolia.de

Patienten mit Reizdarm-Syndrom (irritable bowel syndrome, IBS) leiden unter unangemessenen Reaktionen ihres Darms auf physiologische Reize. Dies kann sich in Schmerzen, Flatulenz, Diarrhoe oder Obstipation äußern, letztere oft sogar alternierend. Bisher werden die Betroffenen symptomatisch behandelt. Bei einer Veranstaltung in Düsseldorf wurden neueste Theorien zur Pathophysiologie des Reizdarmsyndroms präsentiert. Schnell war klar, dass "der" typische Reizdarm-Patient nicht existiert, sondern mehrere nicht anders klassifizierbare Patientengruppen unter diesem Begriff zusammengefasst werden.

So hat das Team um Professor Michael Schemann aus München-Weihenstephan eine Subgruppe von Patienten definiert, deren Reizdarm wohl entzündlichen Ursprungs ist: In ihrer Darmmukosa finden sich mehr und aktivere Nervenzellen, Mastzellen und T-Zellen, dadurch vermehrt Histamin, Proteasen und Substanz P sowie mehr entzündungsfördernde und weniger entzündungshemmende Zytokine. Dies bewirkt eine veränderte, meist gesteigerte Darmmotilität. Zudem haben die Betroffenen mehr Proteasen und Human-beta-Defensin im Stuhl, mehr pro-inflammatorische Zytokine auch im Blut sowie oft auch Antikörper gegen bakterielles Flagellin im Blut.

Insgesamt geht es bei diesen Patienten also um eine massiv verstärkte Kommunikation zwischen "Bauchhirn" und Immunsystem. Besonders häufig ist diese Form des Reizdarms nach akuter gastrointestinaler Infektion zu finden. Bei den Therapieansätzen steht die Forschung derzeit noch ganz am Anfang. Denkbar sind nach Angaben von Schemann unter anderen Probiotika wie Bifantis® und VSL#3.

Professor Hubert Mönnikes vom Martin-Luther-Krankenhaus Berlin machte auf Patienten aufmerksam, bei deren Reizdarm-Syndrom psychosoziale Aspekte von Bedeutung sind. "Trotzdem sind auch sie keine eingebildeten Kranken", betonte Mönnikes. "Ihre viszerale Sensitivität ist offenbar erhöht."

Manchmal gibt es zu viele Nervenzellen im Darm.

So triggert emotionaler Stress bei 60 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer mit Reizdarm-Syndrom die Beschwerden. Grund scheint eine erhöhte Ausschüttung von Corticotropin Releasing Factor (CRF), adrenocorticotropem Hormon (ACTH) und Noradrenalin zu sein. Das aktiviert wiederum Mastzellen und enterochromaffine Zellen (EC-Zellen) und verändert letztlich die Permeabilität der Darmmukosa und die Darmmotilität. Hier helfen derzeit nur Stressvermeidung und bewusste Entspannung. Die Patienten kennen ihre Triggerfaktoren. Von ihrem Arzt brauchen sie vor allem die (wohlbegründete) beruhigende Aussage, dass sie nicht an weiteren, ernsteren Darmerkrankungen leiden.

Bei Patienten, die außer dem Reizdarm-Syndrom entweder weitere somatische oder zusätzlich psychiatrische Störungen haben, wurden Besonderheiten in der Reizverarbeitung des Gehirns nachgewiesen. So reagierten sie auf Schmerzreize nicht mit Schmerz hemmenden, sondern mit Aufmerksamkeit verstärkenden Hirnaktivitäten. Häufige komorbide Störungen sind Fibromyalgie, Kopf- und / oder Rückenschmerzen, Schlafstörungen, Dysmenorrhoe oder ein Reizmagen sowie Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen.

Die Therapie muss sich an diesen Komorbiditäten ausrichten, oft umfasst sie psychotherapeutische und medikamentöse Maßnahmen. Eine Besonderheit: Von Antidepressiva profitieren auch viele nicht-depressive Reizdarmpatienten, dann genügt schon eine niedrige Dosis. So sind selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer wie Citalopram günstig für Reizdarm-Betroffene mit vorwiegend Schmerz und Obstipation. Patienten, die vor allem an Schmerz und Diarrhoe leiden oder insgesamt mit häufigen und schweren Symptomen zu kämpfen haben, können ein klassisches trizyklisches Antidepressivum bekommen. Laut einer Metaanalyse muss man im Mittel nur 3,2 Reizdarm-Patienten ein Antidepressivum geben, damit es einem besser geht.

Differenzialdiagnosen

Ausschließen sollte man zunächst Nahrungsmittelallergien und -unverträglichkeiten. Bis zu 30 Prozent der Patienten mit chronischen Darmproblemen leiden an einer unerkannten Fruktose- oder Laktose-Intoleranz; sie werden mit dem Wasserstoff-Atemtest entdeckt. Bei mindestens jedem Zehnten mit vorwiegend Obstipation kann man mit einer Fehlfunktion des Beckenbodens rechnen. Für den Ausschluss maligner Neubildungen und chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen wird man auf eine endoskopische Untersuchung nicht verzichten können. "Jeder Patient mit Reizdarm gehört koloskopiert, einschließlich Biopsien", fordert Professor Hubert Mönnikes aus Berlin, "denn oft findet man doch etwas." (sir)

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