Kasuistik

Enger Neoprentauchanzug verursachte Herzstillstand

Ein vollkommen gesunder 73-jähriger Mann erleidet beim Tauchen einen Herzstillstand. Die Ärzte stehen vor einem Rätsel: Dann finden sie ein seltenes Syndrom – und empfehlen jetzt, jeden sportlichen Patienten darauf zu screenen.

Von Veronika Schlimpert Veröffentlicht: 31.01.2019, 11:03 Uhr
Enger Neoprentauchanzug verursachte Herzstillstand

Taucher unter Wasser: In sechs Meter Tiefe erleidet ein Taucher ein Karotissinussyndrom.

© Rostislav Ageev / Fotolia

INNSBRUCK. Dieser Herzstillstand kam völlig unerwartet und in einer sehr ungewöhnlichen Situation: Ein 73-jähriger Mann verliert während eines Tauchganges plötzlich sein Bewusstsein. Der geübte Sporttaucher hatte an einem Rettungstaucherkurs am Gardasee teilgenommen. Der Vorfall passierte in sechs Meter Wassertiefe.

Der Mann überlebte den Herzstillstand ohne neurologische Komplikationen. Zu verdanken hatte er sein Überleben dem beherzten Eingreifen der anderen Kursteilnehmer, die ihn sofort an Land brachten und eine kardiopulmonale Reanimation unter Hinzunahme eines automatisierten externen Defibrillators (AED) einleiteten.

Ein glücklicher Umstand war, dass die Teilnehmer derartige Notfallsituationen im Rahmen des Kurses ausführlich geübt hatten.

Nach Epinephrin-Gabe stellte sich der Spontankreislauf des Patienten ein. Der Mann hatte keine kardio- oder zerebrovaskuläre Vorerkrankungen. Er nahm keine Medikamente ein und litt auch an keinen prodromalen Beschwerden wie Brustschmerz oder Palpitationen.

Ärzte zunächste ratlos

Die Notärzte und auch die Ärzte des regionalen Krankenhauses tappten im Dunkeln, welcher Auslöser für den Herzstillstand verantwortlich war. Das 12-Kanal-EKG zeigte keine Auffälligkeiten, Vitalzeichen wie Herz- und Atemfrequenz, Blutdruck und sO2 waren ebenfalls unauffällig. Die im Krankenhaus durchgeführte Diagnostik mit EKG, Echokardiografie und CT brachte ebenfalls keine Ursache zutage, selbst eine CT-Angiografie blieb ergebnislos.

Der Patient wurde daraufhin in die Universitätsklinik nach Innsbruck überwiesen. Nach Rekonstruktion der Ereignisse schöpften die Ärzte um Dr. Frank Hartig einen Verdacht: Vielleicht hatte der eng am Hals des Patienten anliegende Neoprentauchanzug beim Eintauchen ins Wasser zu einer Irritation der im Karotissinus liegenden Barorezeptoren geführt.

Eine Hyperreagibilität des Karotissinus wird ja als Karotissinussyndrom bezeichnet. In der Folge kann es zu einer Bradykardie, kurzfristigen Asystolie und/oder einem Blutdruckabfall kommen. Das Syndrom ist vor allem bei älteren Menschen recht häufig (bei bis zu 41 Prozent der über 80-Jährigen), es wird allgemeinhin aber als harmlos erachtet.

Allerdings wird das Karotissinussyndrom nach Ansicht der Innsbrucker Ärzte „als Ursache für einen plötzlichen Bewusstseinsverlust womöglich unterschätzt“ (Eur H J – Case Rep 2018; 2(4):1-6). Das Syndrom könne eine Synkope bis hin zu einem Herzstillstand hervorrufen. Ein spezielles Risiko gehe von Sportarten aus, die im Wasser oder in Höhenlagen ausgeübt werden wie Sporttauchen, Schwimmen, Fliegen oder Klettern.

Karotissinusmassage liefert Erklärung

Bestätigen lässt sich die Verdachtsdiagnose durch eine Karotissinusmassage. Dieser Test hatte auch bei dem Mann eine entsprechende Reaktion ausgelöst: Sinusarrest von mehr als sechs Sekunden und einen plötzlich einsetzenden Bewusstseinsverlust, sein Blutdruck blieb aber unverändert.

„Unseres Wissens ist das der erste Fallbericht, in dem ein Patient unter Wasser aufgrund eines Karotissinussyndroms einen Herzstillstand erlitten hat“, berichten die Innsbrucker Ärzte. Sie entschieden sich für die Implantation eines elektrodenlosen Mini-Schrittmachers (MICRA TPS-System), da sie annahmen, dass dieser den Druckverhältnissen unter Wasser besser standhält und bei sportlichen Aktivitäten ein geringeres Komplikationsrisiko birgt als herkömmliche Mehrkammer-Schrittmacher.

Der Mann blieb tatsächlich beschwerdefrei, als man während zweier Tauchtestgänge im warmen und kalten Wasser sowie in fünf und zwölf Meter Tiefe seinen Karotissinus stimuliert hatte. Wie die Herzfrequenz-Aufzeichnungen zeigen, hatte der implantierte Schrittmacher einen Abfall der Herzfrequenz und eine beginnende Asystolie verhindern können.

Der Patient durfte daraufhin wieder Tauchen gehen und erlitt auch danach keine weiteren Komplikationen während der Ausübung seiner zahlreichen sportlichen Aktivitäten.

Wissen unter Wasser

Hier habe man das erste Mal beobachten können, dass ein elektrodenloser Schrittmacher unter Wasser ordnungsgemäß funktioniert und Synkopen beim Sporttauchen verhindern könne, heißt es in dem Fallbericht.

Die Innsbrucker Ärzte weisen aber darauf hin, dass das MICRA TPS-System wie auch die meisten anderen Schrittmacher-Systeme nicht offiziell für den Einsatz beim Sporttauchen zertifiziert sind. Deren Eignung und Sicherheit unter solch hyperbaren Bedingungen müsse daher in künftigen Studien untersucht werden.

Dieser Fallbericht ist aber nicht nur aus medizinischer Sicht interessant, er könnte auch praktische Konsequenzen mit sich ziehen. Bisher empfehlen die ESC-Leitlinien eine Karotissinusmassage nämlich nur bei über 40-jährigen Patienten, die eine unklare Synkope erlitten haben (Klasse 1). Fällt dieser Test positiv aus, kann eine Schrittmacher-Implantation erwogen werden (Klasse IIa).

Hartig und Kollegen sind aber der Meinung, dass ein solcher Test bei Sporttauchern oder anderen Athleten, die Sportarten mit einem entsprechenden Risiko ausüben, als Screening-Maßnahme in Betracht gezogen werden sollte, besonders bei älteren Sportlern.

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