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Epilepsie-Klassifikation wurde revidiert

Versuche, die Klassifikation von Epilepsien zu aktualisieren, hat es mehrfach gegeben - ohne wesentliche Folgen für die tägliche Praxis. So darf man gespannt sein, wie weit es das neue Konzept einer internationalen Kommission bringen wird.

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
Zur Diagnostik bei Epilepsie gehört das Elektroenzephalogramm.

Zur Diagnostik bei Epilepsie gehört das Elektroenzephalogramm.

© PHANIE / your photo today

WIESBADEN. Führende Epileptologen haben die Fachwelt mit einer neuen Klassifikation beglückt, sagte Professor Bernhard Steinhoff beim Neuro Update 2011 in Wiesbaden.

Was aus seinem Mund zunächst etwas ironisch-despektierlich klang, mündete in eine überwiegend positive Bewertung dessen, was eine Kommission der International League against Epilepsy (ILAE) im vergangenen Jahr vorgelegt hat. Der Vorschlag sei durchaus mutig und biete Stoff für erhebliche Diskussionen, sagte der Experte vom Epilepsiezentrum Kehl-Kork.

Aber: "Manche Aspekte bedürfen wohl der Nachbesserung." Es habe endlich eine neue Klassifikation hergemusst, die dem Zuwachs an pathophysiologischem Wissen gerecht werde und die traditionellen "unangemessen vereinfachenden Vorstellungen" revidiere.

So wurde die pathophysiologische Dichotomie zwischen fokalen und generalisierten Epilepsien verlassen, berichtete der Neurologe. Denn neurophysiologische, bildgebende und molekulargenetische Messungen ergaben, dass Epilepsien kontinuierlich entstehen.

Die individuell recht einmalige Manifestation kommt durch mehrere Bedingungen zustande. Geht es aber um die Beschreibung epileptischer Anfälle, gelten die Begriffe "fokal" und "generalisiert" nach wie vor.

Generalisierte Anfälle werden als das Resultat einer bilateralen Störung aufgefasst, fokale Anfälle als Ergebnis von Vorgängen in einer Hemisphäre.

Als weitere wesentliche Änderungen fasste Steinhoff zusammen:

  • Neonatale Anfälle werden nicht mehr als besondere Entität betrachtet.
  • Die frühere Subklassifikation von Absencen wurde vereinfacht und modifiziert (typisch, atypisch, mit speziellen Merkmalen). Myoklonische Absencen und Lidmyoklonien wurden neu aufgenommen.
  • Neu aufgenommen wurden zudem epileptische Spasmen. Sie werden pathophysiologisch als "unbekannt" eingeordnet.
  • Für fokale Anfälle wird die frühere Unterteilung in einfach und komplex-fokal aufgegeben. Stattdessen erfolgt eine deskriptive Unterteilung, zum Beispiel "mit motorischen Symptomen", "mit psychischen Symptomen" oder "mit dyskognitiven Symptomen". Das entspricht am ehesten dem klassischen komplex-fokalen oder psychomotorischen Anfall.
  • Myoklonisch-atonische (früher astatische) Anfälle werden jetzt berücksichtigt.

Außerdem wurden mehrere ätiologische Begriffe ausgetauscht, zum Beispiel "idiopathisch" gegen "genetisch". Das dürfte Aufklärungsgespräche der Neuropädiater deutlich verlängern, so Steinhoffs lakonischer Kommentar.

Weiter ersetzt "strukturell-metabolisch" den Begriff "symptomatisch", und "ungeklärt" ersetzt "kryptogen".

Die neue Klassifikation gliedert sich einerseits in Syndrome mit eindeutigen elektroklinischen Charakteristika, geordnet nach Manifestationsalter von den Neugeborenen bis zu den Erwachsenen. Und andererseits berücksichtigt sie Konstellationen durch spezifische Läsionen oder etwa durch kortikale Malformationen, Tumoren oder Infektionen.

Von großer Bedeutung sei jetzt der natürliche Verlauf der Erkrankung, erläuterte Steinhoff. So sei der Begriff der epileptischen Enzephalopathie wieder eingeführt worden. Begriffe wie "benigne" oder "katastrophal" werden dagegen aus dem Vokabular verbannt, um nicht allzu apodiktisch auf die Prognose hinzuweisen.

Steinhoffs Fazit: Es sei grundsätzlich begrüßenswert, in einer Epilepsie-Klassifikation die elektroklinische Koinzidenz zu betonen. Dies erfordere eine Beschäftigung mit der Pathogenese von Epilepsien. Aus wissenschaftlicher Sicht jedoch brauche man zum Beispiel für Studien zu neuen Antiepileptika zusammenfassende Begriffe wie "komplex-fokaler Anfall".

Daher bleibe vermutlich die alte Klassifikation teilweise gebräuchlich. Ob sich Begriffe wie "dyskognitiv" durchsetzen, muss sich zeigen. Grundsätzlich möglich ist das schon, zumal es Termini wie "hypermotorisch" ja ebenfalls rasch in den Alltag geschafft haben.

Infos zur neuen Epilepsie-Klassifikation unter: www.ilae-epilepsy.org In deutsch unter: www.ligaepilepsie.org (Link unter "Informationen")

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