Risiko Vitiligo

Erst die Hand, dann die Schilddrüse

Auf Patienten mit Vitiligo sollten Kollegen ein genaues Auge werfen: Denn sie haben ein deutlich erhöhtes Risiko für eine Erkrankungen der Schilddrüse. Helfen soll jetzt eine europäische Leitlinie.

Von Peter LeinerPeter Leiner Veröffentlicht:
Typisch für Vitiligo sind Pigmentstörungen, die sich langsam ausweiten können. Die Prävalenz beträgt 0,5 bis 2 Prozent.

Typisch für Vitiligo sind Pigmentstörungen, die sich langsam ausweiten können. Die Prävalenz beträgt 0,5 bis 2 Prozent.

© nadine / Fotolia.com

AMSTERDAM. Wer in der Praxis auch Patienten mit Vitiligo versorgt, muss damit rechnen, dass sie eine Schilddrüsenerkrankung entwickeln.

Einer aktuellen Metaanalyse zufolge ist die Wahrscheinlichkeit dafür im Vergleich zu Patienten ohne diese Hauterkrankung um das Zweifache erhöht, das Risiko für eine Autoimmunkrankheit ist sogar um das 2,5-Fache erhöht.

In den vergangenen Jahren wurde eine Reihe von Studien veröffentlicht, in denen der Zusammenhang zwischen Vitiligo und Schilddrüsenerkrankungen analysiert wurde. Allerdings sind die Ergebnisse sehr uneinheitlich.

Ein Grund für Dr. Charlotte Vrijman von der Universität von Amsterdam und ihren Kollegen, alle verfügbaren Publikationen zu durchforsten (Brit J Dermatol 2012; online 5. Oktober).

Insgesamt 39 von 48 Studien zwischen 1968 und 2012 konnten für die Abschätzung der Prävalenz von Schilddrüsenerkrankungen - auch von Autoimmunkrankheiten - genutzt werden.

Der Auswertung zufolge fanden sich mit 20,8 Prozent am häufigsten Antikörper gegen Schilddrüsenkomponenten, gefolgt von Schilddrüsenerkrankungen allgemein mit einer Prävalenz von 15,1 Prozent und von autoimmunen Schilddrüsenerkrankungen mit einer Prävalenz von 14,3 Prozent.

Wie es zu erwarten gewesen war, kamen Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse bei Kindern mit Vitiligo nur ein Drittel so häufig vor wie bei Erwachsenen (6,89 Prozent versus 18,6 Prozent). Das ist damit zu erklären, dass die Prävalenz mit dem Alter zunimmt.

Antikörper waren sehr verbreitet

Das relative Risiko (RR) für eine Schilddrüsenerkrankung betrug bei Patienten mit Vitiligo im Vergleich zu Patienten ohne den Melanozytenverlust 1,90 (95-prozentiges Konfidenzintervall zwischen 1,22 und 2,93).

Für eine autoimmune Schilddrüsenerkrankung lag der RR-Wert bei 2,52 (95-prozentiges Konfidenzintervall zwischen 1,49 und 4,25).

Deutlich größer war der RR-Wert schließlich für die Entwicklung von Antikörpern gegen verschiedene Schilddrüsenkomponenten. Er lag bei 5,24 (95-prozentiges Konfidenzintervall zwischen 3,35 und 8,19).

Anders als in Deutschland wird in britischen Leitlinien das Screening von Patienten mit Vitiligo auf Schilddrüsenerkrankungen empfohlen. Vrijman und ihre Kollegen sind der Ansicht, dass diese Empfehlung von den Ergebnissen der Metaanalyse gestützt wird.

Aufgrund der geschätzten Prävalenz müssten zum Beispiel 15 Kinder mit Vitiligo untersucht werden, um ein Kind mit einer autoimmunen Schilddrüsenerkrankung zu entdecken. Bei Erwachsenen wären das sechs Patienten, die man untersuchen müsste.

Für ein Screening könnten sich Antikörper gegen das schilddrüsenspezifische Antigen TPO (Thyreoperoxidase) eignen. Allerdings wurden in den analysierten Studien keine genaueren Angaben zu der Spezifität der nachgewiesenen Schilddrüsenantikörper gemacht.

Bald gibt's eine europäische Leitlinie

Zudem gibt es keine Informationen über die entstehenden Kosten eines Screenings, weshalb die niederländischen Dermatologen zunächst keine Empfehlung für ein routinemäßiges Screening auf Schilddrüsenerkrankungen bei Patienten mit Vitiligo abgeben.

Denn für eine Empfehlung sei noch mehr Forschung zur Prävalenz von Schilddrüsenerkrankungen bei diesen Patienten, zur Kosteneffektivität eines Screenings und zur Belastung der Patienten durch eine solche Maßnahme erforderlich.

Bisher existiert außer der britischen Leitlinie unter anderen auch eine europäische Vitiligo-Leitlinie.

Für Deutschland gibt es eine entsprechende Leitlinieninitiative unter dem Vorsitz von Professor Markus Böhm vom Universitätshautklinikum in Münster, die das Papier derzeit erarbeitet.

Die Leitlinie soll bis zur nächsten Tagung der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft in Dresden im Frühjahr 2013 fertiggestellt sein.

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