Vogelgrippe in China

Experten über H7N9 beunruhigt

Weniger Infektionen aber keine Entwarnung bei H7N9: In China infizieren sich deutlich weniger Menschen mit dem Vogelgrippevirus als noch vor einigen Wochen. Doch Experten mahnen zur Vorsicht - denn das Virus trägt "beunruhigende Merkmale".

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Geflügelmarkt in China: Enger Kontakt zu Vögeln gilt weiterhin als wahrscheinlichste Quelle der H7N9-Infektionen.

Geflügelmarkt in China: Enger Kontakt zu Vögeln gilt weiterhin als wahrscheinlichste Quelle der H7N9-Infektionen.

© dpa

PEKING. Knapp über 130 Erkrankungen mit H7N9-Influenza wurden bis zum 10. Mai bei Menschen registriert, etwa ein Viertel der Betroffenen ist gestorben, berichtet die WHO.

Damit hat das neue Virus in zwei Monaten etwa so viele Menschen infiziert wie H5N1 innerhalb von zwei Jahren (insgesamt knapp 630 seit 2003).

Inzwischen scheinen die Infektionszahlen aber deutlich zurückzugehen, nicht zuletzt durch drastische Maßnahmen wie die Schließung von Geflügelmärkten in China.

Allerdings wollen Experten noch keine Entwarnung geben: Das Virus kursiert noch immer in der Vogelpopulation, und möglicherweise genügen schon wenige genetische Veränderungen, um eine leichte Mensch-zu-Mensch-Übertragung zu ermöglichen.

Eine solche Übertragung konnte bisher noch nicht nachgewiesen werden, wird aber bei zwei Clustern vermutet. Hier haben sich möglicherweise Familienmitglieder durch engen Kontakt untereinander angesteckt.

Bei etwa 2000 untersuchten Personen mit Kontakt zu Erkrankten ließ sich das Virus jedoch nur in wenigen Fällen nachweisen, und auch hier geht man eher davon aus, dass sich diese Personen über Geflügel infiziert haben.

"Beunruhigende Merkmale"

Eine der offenen Fragen ist nach wie vor, ob H7N9 auch zu leichten Infektionen bei Menschen führt und das Virus mitunter schon weiter verbreitet ist, als es die 130 erfassten Erkrankungen nahelegen.

Der Infektiologe Andrew Pavia von der Universität in Salt Lake City geht davon aus, dass es sich bei den Infektionen nur um die Spitze des Eisbergs handeln könnte (Ann Intern Med. 2013; online 14 Mai).

Das können allerdings Tests bei über 20.000 Menschen mit Influenzasymptomen in China nicht bestätigen: Nur bei sechs der Patienten wurde das neue Virus nachgewiesen, was dafür spricht, dass Infektionen mit H7N9 tatsächlich extrem selten sind, dann aber sehr schwer verlaufen.

Pavia weist auch auf eine Reihe von "beunruhigenden Merkmalen" des Virus hin. Zum einen verfügt es über ein verlängertes PB1-Polymerase-Protein (PB1-F2), wie es auch beim Pandemievirus von 1918 sowie bei H5N1 nachweisbar ist.

PB1-F2 gilt als eine Ursache für die hohe Letalität dieser Influenzaviren. Zudem hat H7N9 seine Rezeptorspezifität bereits leicht verändert. Das Hämagglutinin-Protein hat bereits eine gewisse Affinität zu den 2,6-Sialinsäuremolekülen der oberen Atemwege bei Säugern.

Würde sich diese Bindung verstärken, könnte sich das Virus über Husten und Niesen besser verbreiten. Auch verfügt H7N9 über eine Mutation im PB2-Gen, die eine effizientere Replikation bei Menschen ermöglicht.

Legt man Experimente mit H5N1 zugrunde, die vier Veränderungen im Hämagglutinin sowie mindestens eine in Polymerase-Genen erfordern, damit sich Vogelgrippeviren ähnlich gut wie saisonale Influenzaviren verbreiten, dann zeigt H7N9 bereits drei solcher Veränderungen: Einen Ersatz von Glutamin durch Leucin an Position 226 im Hämagglutinin-Protein sowie eine Veränderung des Polymerase-Proteins PB2 an Position 627 (Glutamat zu Lysin).

Diese sorgt bekanntermaßen für eine gute Replikation bei den niedrigeren Temperaturen im Säugerkörper.Auf eine weitere Veränderung im Neuraminidase-Gen weist Timothy Uyeki von den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta hin (NEJM 2013; 368: 1862).

Diese Mutation vermittelt eine Resistenz gegen Neuraminidase-Hemmer, wurde bislang aber nur selten bei H7N9 beobachtet, sodass man davon ausgehen kann, dass auch weiterhin die meisten Patienten damit erfolgreich behandelt werden können.

Fulminante Pneumonie und Sepsis

Ob nun allerdings tatsächlich nur noch ein oder zwei Genveränderungen nötig sind, damit H7N9 eine Pandemie auslösen kann, wird bezweifelt. Pavia geht davon aus, dass man die Schlussfolgerungen aus den Experimenten mit H5N1 von Ron Fouchier und Yoshihiro Kawaoka nicht so ohne Weiteres auf H7N9 übertragen kann.

Fouchier und Kawaoka war es gelungen, durch gezielte Mutation und Selektion das H5N1-Virus zwischen Frettchen übertragbar zu machen. Was passiert, wenn es H7N9 gelingt, Menschen zu infizieren, beschreiben chinesische Ärzte um Rongbao Gao in einem aktuellen Bericht (NEJM 2013; 368: 1888).

Sie stellen den Verlauf der Krankheit bei den ersten drei Menschen dar, bei denen das neue Virus nachgewiesen wurde - alle drei starben. Zunächst kam es zu einer fulminanten Pneumonie mit Lungenversagen, schließlich zu septischem Schock, Rhabdomyolyse, Multiorganversagen und einer Enzephalopathie.

In einem Kommentar zur Arbeit von Gao wird zu einer möglichst frühen Therapie mit Neuraminidase-Hemmern bei Verdacht auf H7N9 geraten sowie zu einer antibiotischen Therapie, um opportunistische bakterielle Infekte zu vermeiden.

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