ADHS

Fast jeder Dritte auch noch als Erwachsener betroffen

Fast jeder Dritte, der als Kind oder Jugendlicher an ADHS erkrankt war, hat die Krankheit auch noch als Erwachsener, meist noch gemeinsam mit einer weiteren psychiatrischen Störung. Manche Betroffenen sind zudem suizidgefährdet, wie aus einer prospektiven US-Studie hervorgeht.

Von Peter LeinerPeter Leiner Veröffentlicht: 16.01.2014, 05:40 Uhr
ADHS im Kindesalter wächst sich häufig nicht aus.

ADHS im Kindesalter wächst sich häufig nicht aus.

© Kobold-Knopf 81 / fotolia.com

Die Schätzungen, wie groß der Anteil der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) im Kindesalter ist, die auch noch im Erwachsenenalter anhalten, gehen weit auseinander und reichen von sechs Prozent bis 66 Prozent.

Frühere Studien hierzu weisen außerdem einige Mängel auf. So mussten sich die erwachsenen Studienteilnehmer an ADHS in der Kindheit erinnern. Und manche Untersuchungen waren auf Jungen beschränkt oder hatten kleine Fallzahlen.

Die Daten aus früheren prospektiven Studien stammen von Patienten, die an speziellen Therapieprogrammen teilgenommen hatten, und sind daher möglicherweise nicht repräsentativ für die gesamte ADHS-Population.

US-amerikanische Pädiater haben jetzt für ihre Studie zu diesem Zusammenhang auf das Geburtsregister in Rochester zurückgegriffen, und zwar auf die Daten von mehr als 5.700 Kindern, die zwischen Januar 1976 und Dezember 1982 im Einzugsgebiet der Mayo-Klinik zur Welt gekommen waren (Pediatrics 2013; 131: 1-8).

232 ADHS-Kinder untersucht

Bei insgesamt 379 Kindern wurde die Diagnose Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung im Durchschnitt im Alter von 10,4 Jahren gestellt.

Von 367 für die Untersuchung geeigneten Kindern nahmen 232 an der prospektiven Studie bis zum mittleren Alter von 27 Jahren teil. 335 Kinder ohne ADHS dienten als Kontrollgruppe.

Im Erwachsenenalter stellte sich die Lage der ehemaligen ADHS-Kinder wie folgt dar: Insgesamt 55 der dann erwachsenen Patienten (23,7 Prozent) hatten weiterhin ADHS und darüber hinaus mindestens eine weitere psychiatrische Erkrankung.

Mit 26,3 Prozent war Alkoholabhängigkeit dabei am häufigsten. Andere Störungen waren beispielsweise hypomanische Episoden (15,1 Prozent), generalisierte Angststörungen (14,2 Prozent) sowie auch schwere Depressionen (12,9 Prozent).

Immerhin 13 Patienten (5,6 Prozent) aus der Gruppe der Studienteilnehmer mit einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung in der Kindheit hatten der aktuellen US-amerikanischen Studie zufolge auch noch als Erwachsene diese Störung, und zwar ohne andere psychiatrische Erkrankungen.

Und schließlich hatte ein weiteres Drittel der Patienten (77 Patienten) zwar keine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung mehr, stattdessen allerdings andere psychiatrische Erkrankungen.

Suizid nach ADHS häufiger

Bei der Analyse der ursachenspezifischen Mortalität bei den Kindern mit Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung errechneten die Pädiater nur beim Suizid einen statistisch signifikanten Unterschied zur Gruppe der Kinder ohne ADHS.

Der SMR-Wert (standardisierte Mortalitätsrate), bei dessen Berechnung das Lebensalter und das Geschlecht berücksichtigt werden, betrug 4,83 (95%-Konfidenzintervall zwischen 1,14 und 20,46; p = 0,032). Dieses Resultat bestätigt die Ergebnisse früherer Studien.

Für die US-amerikanischen Pädiater ist es beunruhigend, dass nur eine Minderheit der Kinder mit Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung das Erwachsenenalter ohne weitere Krankheitsfolgen erreicht.

Das bedeute, dass diese Kinder von einer optimalen medizinischen Versorgung derzeit noch weit entfernt seien.

Ärzte und andere Beteiligte des Gesundheitswesens - aber auch des Versicherungswesens - müssten sich stärker auf diese Situation einstellen, um eine angemessene Versorgung der Erwachsenen mit Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung zu gewährleisten.

Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dipl.-Psych. Jörg Dreher

ADHS bei Erwachsenen kann erfolgreich behandelt werden, wenn es denn erkannt wird.

Es bleibt eine offene Frage, warum wir in Deutschland ADHS bei Erwachsenen nicht erkennen und deshalb auch nicht behandeln ? Die Forscherin Dr. Esther Sobanbski hat diese im unteren Link auch noch einmal nachdrücklich gefordert. Wir wissen wie man diese x-tausende Betroffenen behandlen kann, die Behandlung ist häufig erfolgreich. Trotzdem weigern sich immer noch komplette psychiatrische Krankenhäuser dieses Störungsbild zu diagnostizieren und zu behandeln, stattdessen werden die komorbiden Störungen behandelt. Psychotherapeuten lehnen die medikamentöse Behandlung häufig grundsätzlich ab und sehen eine Psychogenese, deshalb nur Psychotherapie. Die Behandlung des ADHS-E führt auch zu eine deutlichen Zunahme der Zufriedenheit im Beruf, da die Therapie eben häufig auch funktioniert.

http://www.sciencedaily.com/releases/2013/10/131007094008.htm


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