Vernichtendes Urteil

Fischölkapseln nützen einfach nichts!

Millionen von Menschen nehmen Omega-3-Fettsäuren als Tabletten zur Herzerkrankungsprävention ein. Doch das können sie sich sparen, wie nun eine große randomisierte Studie ergeben hat.

Von Veronika Schlimpert Veröffentlicht: 28.08.2018, 12:39 Uhr
Fischölkapseln nützen einfach nichts!

„Fischölkapseln sind kein Fisch“: Auch wenn die Omega-3-Fettsäuren-Supplementierung in der Studie keine Wirkung zeigte, sollte Fisch Bestandteil einer gesunden Ernährung bleiben, so die Autorin der ASCEND-Studie.

© morganka / Fotolia

MÜNCHEN. Das Geschäft mit Nahrungsergänzungsmitteln boomt. Omega-Fettsäuren-haltige Fischöl-Kapseln beispielsweise gibt es fast überall zu kaufen, ob im Supermarkt oder in einer der großen Drogeriemarktketten. Viele Menschen sind von der gesundheitlichen Wirkung dieses Nahrungsergänzungsmittels überzeugt – zu Recht?

"Es gibt keine einzige Rechtfertigung für die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren", lautet das vernichtende Urteil von Dr. Louise Bowman, die die Ergebnisse der bisher größten randomisierten Studie zur kardiovaskulären Wirkung von Omega-3-Fettsäuren beim ESC-Kongress in München präsentiert hat.

Die ASCEND-Studie könnte nun endgültig das Ende der Omega-3-Fettsäuren-Supplementierung einleiten. Bereits in einer erst kürzlich publizierten Metaanalyse hat sich die Supplementierung von solchen mehrfach ungesättigten Fettsäuren als vollkommen nutzlos erwiesen.

Über 15.000 Teilnehmer

In der ASCEND-Studie haben 15.480 Patienten mit Diabetes randomisiert entweder Fischöl-Kapseln (1 g) oder olivenölhaltige Kapsel (1 g) als Placebo erhalten. Die Studie wurde in einem 2×2 faktoriellem Design konzipiert und hat neben dieser Fragestellung auch die Wirkung von ASS in der kardiovaskulären Primärprävention untersucht.

Nach im Mittel 7,4 Jahren hatte die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren-Kapseln keinerlei Wirkung gezeigt, das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle, TIA oder für kardiovaskulär verursachte Todesfälle war dasselbe wie in der Placebo-Gruppe (8,9 versus 9,2 Prozent Hazard Ratio: 0,97).

Keine Wirkung gefunden

Nun könnte man argumentieren, dass die Supplementierung vielleicht anderweitige Effekte abseits des kardiovaskulären Risikos entfaltet hat. "Wir haben versucht, irgendeine Wirkung zu finden, aber nichts gefunden", sagt Bowman dazu. So wurde das Krebsrisiko nicht gesenkt, ebenso wenig wie die Häufigkeit von respiratorischen Komplikationen.

Auch der Versuch, Subgruppen zu finden, die profitieren könnten, scheiterte.

Die Epidemiologin von der Universität in Oxford fordert, "die Leitlinienempfehlungen zu überdenken." Aktuell werden in den amerikanischen Leitlinien eine Supplementierung mit Omega-3-Fettsäuren und ein vermehrter Fischkonsum in der kardiovaskulären Sekundärprävention noch empfohlen. Die Studien belegten aber sehr übereinstimmend, dass diese Supplementierung keinen Sinn mache, so Bowman.

Sie betont aber, dass eine "Fischöl-Kapsel kein Fisch ist." Man sollte deshalb jetzt nicht Fisch als einen Bestandteil einer gesunden Ernährung verbannen.

Mehr vom ESC-Kongress

  • Primärprävention: In der kardiovaskulären Primärprävention hatte ASS in Studien nur einen marginalen Effekt.
  • Angina pectoris: Patienten mit stabiler Angina pectoris profitieren von einer frühen Koronar-CT offenbar mehr als von einer Abklärung mit Belastungs-EKG.
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Kommentare
Christian Bitzer

Bitte lesen Sie den Artikel genau!

Das "Placebo" mit dem die Fischölkapslen verglichen wurden waren Olivenölkapseln. Es wird also die Wirkung von Omega 3 Fettsäuren aus Olivenöl mit der von Omega 3 Fettsäuren aus Fischöl verglichen. Natürlich gibt es da keinen Unterschied.
Das ist als würde man einen Studie zur Wirkung Wodka machen und die Placebogruppe Korn trinken lassen. Auch da gäbe es keine unterschiedliche Wirkung. Die Schlussfolgerung dürfte aber kaum lauten dass Wodka keine Auswirkungen hat.

Dr. Thomas Georg Schätzler

Fischölkapseln immer noch nicht mausetot - irreführender Fischölkapsel-Hype?

Nach ungezählten, für pharmazeutische Fischöl-Präparate vernichtenden Beobachtungs-, Fall-Kontroll-, RCT-Studien, Metaanalysen und Publikationen in führenden medizinischen Fachzeitschriften bleibt nur noch die Frage, wieso sich dieser irreführende Fischölkapsel-Hype so lange aufrecht gehalten hat?

Der Konsum von Seefischen mit ihrem Gehalt an Jod, Eiweiß, Spurenelementen und langkettigen mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren (n-3 LCPUFA=n-3 long chain polyunsaturated fatty acid) wird in industrialisierten Ländern mit hohem Risiko von Adipositas, Hyperlipidämie, Hypertonie und metabolischem Syndrom nach wie vor kardioprotektiv eingeschätzt.

Atlantischer Lachs hat 1,8 %, Sardellen 1,7 %, pazifische Sardinen 1,4 %, atlantischer Hering 1,2 % und die Makrele einen Gehalt von 1 % O-3-FS = n-3 LCPUFA. 300 g Lachs als Großportion hätte dann etwa 5400 mg und 300 g Makrele 3000 mg Omega-3-Fettsäuren gebracht. Extraportionen Leinöl (Linum usitatissimum) mit 56–71 % O-3-FS-Gehalt oder Walnussöl mit 13 %, könnten diese Nahrungszufuhr steigern.

Zum Vergleich: In einer omega3-loges® Kapsel sind 504 mg O-3-FS angegeben, davon 420 mg an Eicosapentaen- + Docosahexaensäure. Omacor®/Zodin® enthalten je Kapsel 840 mg veresterte O-3-FS. Wobei niemand die Frage beantwortet, ob eine Veresterung in diesen Präparaten nicht auch deren Wirkungslosigkeit auslösen könnte?

Bei solchem eher "kindlichen" Wunderglauben tröste ich mich immer damit, dass die gesamte gesellschaftliche und politische Führungselite der Europäischen Union offenkundig seit Jahrzehnten fest daran geglaubt hat, mit der Einführung von Sommer- bzw. Winterzeit doch tatsächlich die reale Sonnenschein-Dauer beeinflussen zu können. Ganz davon abgesehen, dass 500 Millionen EU-Einwohner zusätzlich auch an einen Energiespareffekt glauben sollten, wenn im Sommer nachts allein jahreszeitlich bedingt künstliche Beleuchtungen wesentlich kürzer eingeschaltet bleiben, um sie im Winter wieder wesentlich länger anlassen zu müssen.

Und die Züge beim nächtlichen Zurückstellen von 3 Uhr auf 2 Uhr eine ganze Stunde stehen bleiben müssen, damit sie nicht früher als geplant ankommen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Peter Linder

Unbrauchbares Studiendesign führt zu falschen Schlußfolgerungen

Bei diesen Massenerhebungen wird die jeweilige Dosierung praktisch nicht erfasst. Viele Patienten nehmen 1 oder 2 Kapseln am Tag anstatt mindestens 10 - denn diese Menge wäre bei den meisten Marktangeboten nötig um eine ausreichende DHA / EPA - Versorgung ( 5 ml) zu erreichen. Die Artikel Überschrift ist unangemessen .


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