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Interview

"Gerade wird Medizingeschichte geschrieben"

Lassen sich bakterielle Meningitiden durch Impfen eliminieren? Mit Impfstoffen gegen H. influenzae b, Pneumokokken und Meningokokken C ist der Anfang bereits gemacht. Impfstoffe gegen weitere Meningokokken-Typen könnten bald die letzte große Lücke schließen, so Professor Heinz-Josef Schmitt, Global Head of Medical Affairs bei Novartis Vaccines, zur "Ärzte Zeitung".

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"Ärzte Zeitung": Ein Schwerpunkt von Novartis Vaccines sind Meningokokken-Impfstoffe. Warum wird ein Impfschutz gegen diese Erreger so dringend gebraucht?

Professor Heinz-Josef Schmitt: Mit knapp 500 Erkrankungen jährlich ist Meningokokken-Meningitis in Deutschland zwar relativ selten, aber gefürchtet: Rund zehn Prozent der Patienten sterben und weitere zehn Prozent behalten schwere Schäden. Nicht selten sind Verläufe, in denen ein Kind oder ein Jugendlicher binnen 24 Stunden tot ist. In diesen Fällen helfen keine Antibiotika mehr, der Patient stirbt einem unter den Fingern weg.

Ich erinnere mich noch an meine Nachtdienste in der Kinderklinik. Da kommt ein Kleinkind mit hohem Fieber und man findet nichts. Eine Meningokokken-Meningitis steht dann immer im Raum. Ein Kind mit einer solchen Krankheit nach Hause zu schicken, kann in einer Katastrophe enden. Zur Abklärung ist dann eine Lumbalpunktion nötig - mit bis zu zwei Tagen Wartezeit auf das Kulturergebnis.

"Ärzte Zeitung": Novartis Vaccines hat jetzt mit Menveo® den ersten konjugierten viervalenten Meningokokken-Impfstoff in Deutschland gegen die Serotypen ACWY auf den Markt gebracht. Bisher gab es Polysaccharid-Impfstoffe dagegen. Was sind die Vorteile des konjugierten Impfstoffs?

Schmitt: Die Polysaccharid-Impfstoffe sind nicht optimal, weil sie Säuglinge und Kleinkinder bis wenigstens zwei Jahre nicht effektiv schützen, weil die Schutzwirkung nur drei bis fünf Jahre reicht, weil das Immungedächtnis mit diesen Impfstoffen kaum aktiviert wird und weil daher der Impfschutz immer wieder erneuert werden muss. Aber genau das funktioniert nur schlecht, wegen der sogenannten "Hyporesponsiveness", das heißt, bei einer wiederholten Impfung steigen die Antikörpertiter kaum noch an. Alle genannten Eigenschaften der Polysaccharid-Impfstoffe gelten natürlich auch bei Erwachsenen.

Mit Konjugatimpfstoffen lassen sich hingegen auch Kinder im Alter unter zwei Jahren schützen, die Altersgruppe, die am stärksten durch Meningokokken bedroht ist. Das Immungedächtnis wird aktiviert, was zu einer deutlich längeren Schutzwirkung führt. Der Impfschutz lässt sich gut auffrischen auch bei weiteren Dosen, da es nicht zu einer Hypores- ponsiveness kommt. Schließlich wird in der Bevölkerung die Trägerrate von Meningokokken reduziert. Dies führt bei hohen Impfraten zu einer Herdenimmunität. Kurz, Konjugatimpfstoffe bieten so viele Vorteile, dass es kaum noch vertretbar ist, Polysaccharid-Impfstoffe zu verwenden.

"Ärzte Zeitung": Der neue Impfstoff schützt gegen die Serogruppen ACWY. Davon kommt in Deutschland nur die Serogruppe C häufig vor, gegen die bereits mit konjugierten Impfstoffen geimpft wird. Für welche Zielgruppen ist der neue viervalente Impfstoff gedacht?

Schmitt: Der neue Impfstoff sollte in Deutschland auch bei Aufenthalten in Endemiegebieten verwendet werden, etwa in Afrika. Für Hadsch- und Umra-Pilger ist eine Meningokokken-Impfung bei der Einreise nach Saudi-Arabien sogar vorgeschrieben. Außerdem profitieren Austauschschüler und -Studenten zum Beispiel in die USA von dem Impfstoff. Dort hat sich der Anteil der Serogruppe Y an den Infektionen zwischen 1990 und 2006 von 9 auf 39 Prozent erhöht.

Hier sieht man, dass sich die Serogruppenverteilung recht schnell ändern kann - und das war nicht nur in den USA der Fall. So hat sich auch in Kolumbien die Epidemiologie verändert: Während in den 1990er Jahren vor allem die Serogruppe B vorherrschte (89 Prozent), wurde zwischen 2003 und 2006 ein deutlicher Anstieg der Serogruppen C (von 5 auf 13 Prozent) und Y (von 2 auf 29 Prozent) nachgewiesen.

Bisher ist der Vierfachimpfstoff erst ab einem Alter von elf Jahren zugelassen. Eine Zulassung ab zwei Monate wird angestrebt. Wir würden uns natürlich darüber freuen, wenn der viervalente Impfstoff anstelle des C-Impfstoffs in Deutschland für alle Kinder ab zwei Jahre angewandt würde. Außer den jährlich etwa 100 Erkrankungen mit Meningokokken C ließen sich dann bei uns 26 bis 36 weitere Fälle durch AWY verhindern.

"Ärzte Zeitung": Etwa 70 Prozent der Erkrankungen an Meningokokken-Meningitis werden in Deutschland durch die Gruppe B verursacht. Ihrem Unternehmen ist es jetzt mit einem neuen Verfahren gelungen, erstmals einen Impfstoff bis in Phase III der klinischen Prüfung zu bringen. Was ist das für ein Verfahren und was bringt der Impfstoff?

Schmitt: Sehr verkürzt dargestellt wurden alle Proteine auf dem Genom von B-Meningokokken identifiziert - rund 500. Davon waren etwa 50 im Tiermodell besonders immunogen, induzierten neutralisierende Antikörper und fanden sich außen am Bakterium. Drei der Proteine und ein sogenanntes "outer membrane vesicle" (OMV) wurden schließlich für den Kandidat-Impfstoff ausgewählt. Erste Ergebnisse der Phase-III-Prüfung sind vielversprechend, und wir hoffen, die Daten bis Ende des Jahres zur Zulassung einreichen zu können.

"Ärzte Zeitung": Ihr Kollege, der Forscher Dr. Dino Rappuoli hatte 2001 angekündigt, dass man binnen zehn Jahren bakterielle Meningitiden mit Impfungen eliminieren könnte. Ist das realistisch?

Schmitt: Ziemlich. Es gibt drei Bakterien, die das Leben von Säuglingen und Kleinkindern besonders bedrohen: die bekapselten Bakterien Haemophilus influenzae Typ b (Hib), Pneumokokken und Meningokokken. Die Hib-Impfung haben wir in den 1990er Jahren in Deutschland eingeführt und seither Hib-Meningitiden bis auf wenige Einzelfälle zurückgedrängt. Konjugierte Pneumokokken- und Meningokokken-C-Impfstoffe sind auf dem besten Weg, die schweren invasiven Erkrankungen durch diese Keime bei uns stark zu reduzieren. Unser Impfstoff gegen Meningokokken ACWY wurde jetzt ab elf Jahre zugelassen. Ein hochwirksamer Meningokokken-B-Impfstoff wird die letzte große Lücke schließen. Hier wurde und wird ein Stück Medizingeschichte geschrieben. In dem Moment, wo es Hib, Pneumokokken und Meningokokken nicht mehr gibt, wird die Pädiatrie anders aussehen. Gut für die Kinder!  Das Gespräch führte Wolfgang Geissel

Info: Am Samstag ist Welt-Meningitis-Tag!

"Macht den Check ab 6 - Prüft bei Schulkindern und Jugendlichen den Impfschutz gegen Meningokokken C!" ruft zudem das Internetportal www.impfkontrolle.de auf. Vielen Kindern und Jugendlichen fehlt nämlich der Schutz vor Meningokokken C. Die Impfung sollte bis zum 18. Lebensjahr nachgeholt werden, rät die Ständige Impfkommission.

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