AIDS-Aufklärung (vlnr): Dr. Ulrich Heide (AIDS-Stifung), Sylvia Urban (Dt. AIDS-Hilfe), Gesundheitsminister Philipp Rösler, Elisabeth Pott (BZgA).

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© Foto: Hinkelbein

HIV-Patienten werden nicht nur immer älter, sie altern offenbar auch schneller. Daher muss die Therapie von HIV-Infizierten über die reine Virusunterdrückung hinausgehen und zunehmend Komorbiditäten berücksichtigen.

Von Adela Žatecky

Bei einem 35-Jährigen, der sich heute mit HIV infiziert, entspricht die Lebenserwartung bei Leitlinien-konformer Therapie etwa 37 Jahre. Damit liege sie bereits sehr nahe an der Lebenserwartung in der übrigen Bevölkerung, betonte Professor Jürgen Rockstroh aus Bonn bei der 12. Europäischen Aids-Konferenz. Bereits in den vergangenen zehn Jahren ist das Durchschnittsalter der HIV-Infizierten stetig gestiegen - wenn sich dieser Trend fortsetze, dann werde 2015 in Deutschland bereits jeder zweite HIV-Infizierte über 50 Jahre alt sein, so Rockstroh auf einem gemeinsamen Satellitensymposium von Bristol-Myers Squibb und Gilead.

Hinzu kommt, dass die HIV-Infektion per se offenbar den Alterungsprozess beschleunigt und altersassoziierte Komorbiditäten begünstigt. Nach Ausführungen von Dr. Peter Reiss aus Amsterdam entsprechen 55-jährige Männer, die seit etwa vier Jahren HIV-infiziert sind, bezüglich ihrer Gebrechlichkeit nicht infizierten Männern im Alter von 65 Jahren - die Alterung wird also um etwa zehn Jahre beschleunigt.

Deutlich erhöhtes Risiko für Infarkt und Osteoporose

Mögliche Gründe für diese vorzeitige Alterung sind außer direkten viralen Faktoren zum Beispiel auch die chronische systemische Entzündung und Aktivierung des Immunsystems sowie therapiebedingte Faktoren. Die Folge ist ein deutlich erhöhtes Risiko für altersassoziierte Komorbiditäten - so haben HIV-Infizierte verglichen mit Nichtinfizierten ein doppelt so hohes Herzinfarkt-Risiko, eine signifikant höhere Osteoporose-bedingte Frakturrate bei beiden Geschlechtern sowie vermehrte neurokognitive Störungen.

Die tatsächliche wie auch beschleunigte biologische Alterung werden das klinische Bild der HIV-Infektion verändern, wie Reiss betonte: In Zukunft werde es also nicht nur auf die Unterdrückung der HIV-Replikation, sondern auch auf die Kontrolle der assoziierten Risikofaktoren und Komorbiditäten sowie auf eine anhand des individuellen Risikoprofils optimierte antiretrovirale Therapie ankommen. Hier sind vor allem auch Hausärzte gefordert.

Die Komorbiditäten werden zusätzlich zur antiretroviralen Therapie hohe Anforderungen an die Compliance der Patienten stellen, wie Dr. Birger Kuhlmann aus Hannover bei einem Pressegespräch ergänzte. Eine wesentliche Erleichterung seien daher einfache HAART*-Therapieregime und die Auswahl an Substanzen mit einem günstigen Profil unerwünschter Wirkungen.

Fixe Arzneimittelkombinationen, wie sie etwa in der seit zwei Jahren verfügbaren Kombination aus Tenofovir, Emtricitabin und Efavirenz (Atripla®) enthalten sind, bringen hier nach Angaben von Kuhlmann eine deutliche Erleichterung für die Patienten. Mit diesem Präparat könne ein vollständiges HAART-Regime mit einmal täglich einer Tablette eingenommen werden.

Ein gutes Management von HIV-Infizierten könnte sich dabei auch an etablierten Modellen zum Diabetes-Management orientieren. Die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Erkrankungen machte Dr. Martin Fisher aus Brighton in Großbritannien deutlich: Bei beiden Erkrankungen hat nach heutiger Erkenntnis die chronische Entzündung eine wichtige Bedeutung in der Pathogenese, und selbst die Komorbiditäten weisen Ähnlichkeiten auf.

Es ist auch bei beiden Krankheiten eine langfristige, mit großer Wahrscheinlichkeit sogar lebenslange Therapie mit komplizierten Regimen notwendig. Frühstadien sind bei beiden Erkrankungen asymptomatisch, was die Therapiemotivation und -adhärenz erschweren kann. Eine aktive Beteiligung der Patienten ist bei beiden Erkrankungen sehr hilfreich. Doch es gibt auch Unterschiede: So ist bei der Behandlung gegen Komorbiditäten einer HIV-Infektion besonders auf die umfangreichen Interaktionen mit der antiretroviralen Therapie zu achten.

Hausärzte könnten stark zur Verbesserung beitragen

Nach den bisherigen Erfahrungen werden bisher viele HIV-Infizierte mit Komorbiditäten nicht ausreichend therapiert. Die Situation ließe sich verbessern - ebenfalls in gewisser Analogie zum Diabetes -, wenn betroffene HIV-Infizierte verstärkt interdisziplinär behandelt würden. Besonders Hausärzte seien gefragt, um Betroffene mit Komorbiditäten optimal zu versorgen, betonte Fischer.

*HAART: hochaktive antiretrovirale Therapie

Lesen Sie dazu auch: Rösler mahnt Solidarität mit HIV-Infizierten an Meist geben Ahnungslose das HIV weiter MFA - ein Job nicht nur für Frauen

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Verschiedene Wege, gleiches Ziel

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