Folgenreiche Fake News

HPV-Impfung in Japan verteufelt

Die Behandlung von Patienten auf Basis einer evidenzbasierten Medizin sollte die Richtschnur ärztlichen Handelns sein. Doch was passiert, wenn seriöse Medizininfos übertönt werden von zweifelhaften Erkenntnissen? In Japan ist das am Beispiel der HPV-Impfung zu sehen.

Von Jonas Tauber und Matthias WallenfelsMatthias Wallenfels Veröffentlicht:
Nur noch wenige junge Mädchen in Japan lassen sich gegen HPV impfen.

Nur noch wenige junge Mädchen in Japan lassen sich gegen HPV impfen.

© arcyto / stock.adobe.com

BERLIN. In Deutschland rühren verschiedene Ärzteverbände die Werbetrommel, um die Impfraten bei jungen Mädchen gegen Humane Papillomviren (HPV) zu steigern. Nur knapp die Hälfte der Zielgruppe genießt diesen Impfschutz bereits, obwohl die Evidenzlage klar ist.

Japan hingegen verzeichnete 2013 bereits eine Quote von 70 Prozent. Diese Rate ist aber schlagartig auf das niedrige Niveau von rund einem Prozent gefallen. Warum?

Für die japanische Ärztin Riko Muranaka ist die plötzliche Ablehnung der HPV-Impfung im Land der aufgehenden Sonne vor allem auf eines zurückzuführen: Fake Science und Fake News.

Die ehemalige Dozentin an der Medizinfakultät der renommierten staatlichen University of Kyoto muss es wissen – sie ist schließlich Teil einer großen Schlammschlacht um die Deutungshoheit evidenzbasierter Medizin. Dieser brachte ihr 2017 den John Maddox Prize des Wissenschaftsmagazins "Nature" ein – für den Kampf gegen Desinformation im Zusammenhang mit der HPV-Impfung in Japan.

Vor Kurzem erläuterte die inzwischen wegen der Anfeindungen nach Deutschland gekommene Ärztin vor Journalisten in Berlin, welche Kreise Fake News und Fake Science ziehen können – zum Beispiel in ihrem Heimatland.

Nachdem die HPV-Impfung unter japanischen jungen Mädchen rasant zur Erfolgsstory geworden war, enterten plötzlich Schlagzeilen die Medien, die den Impfgegnern das Wort redeten – untermauert mit Videos von Mädchen, die behaupteten, geschädigt worden zu sein.

Ursache für das plötzliche Medieninteresse waren wissenschaftlich nicht haltbare Studien – allerdings interessierte sich offenbar niemand für deren Evidenz. Hier sah sich Muranaka dann 2015 wiederum berufen, journalistisch aufklärend tätig zu werden – sie hoffte, die Aufmerksamkeit der Medien zu erlangen und so der Wissenschaft wieder eine Lanze brechen zu können.

Eine Maus sorgt für viel Aufregung

2016 gelang ihr dann der vermeintliche Coup: Sie fand heraus, dass Dr. Shuichi Ikeda, der auf allen Fernsehkanälen mit seiner Maus-Studie präsent war, die vor der HPV-Impfung warnen sollte, massive wissenschaftliche Defizite aufwies.

Unter anderem habe Ikeda für seine Studie nur eine einzige Maus benutzt, deren Gehirn durch den Impfstoff geschädigt worden sei. Die Studie sei zudem nie am Menschen repliziert worden, wie Muranaka weiter herausfand.

Während Muranaka mit dem John-Maddox-Prize geehrt wurde, verklagte Ikeda sie wegen Verleumdung. In der Folge wendeten sich die Zeitungen, in denen sie vorher als Kolumnistin tätig war, von der Medizinerin ab – auch Verlage verwehrten ihr zugesagte Buchkooperationen. Wie sie in Berlin betonte, habe sie auch Drohungen gegen sich und ihre Familie erhalten.

Wie sie weiter ausführte, sehe sich die japanische Regierung aktuell einer Sammelklage im Namen von über 200 Frauen ausgesetzt, deren Anwälte sie als Opfer der HPV-Impfung darstellen. Sie erwartet eine Prozessdauer von rund zehn Jahren und rechnet in dieser Zeit mit mehreren tausend Toten wegen unterlassener HPV-Impfung.

Regierung unter Feuer

Die Regierung stehe unter Feuer, weil es ursprünglich eine staatliche Empfehlung für die Impfung gab, die sie inzwischen abgeschwächt hat. Es wird lange dauern, bis sich die HPV-Impfrate unter jungen japanischen Mädchen wieder erholen kann, prophezeite die Ärztin.

Aus ihrer Sicht liegt ein erheblicher Teil der Verantwortung bei den Medien. "Die Medien berichten immer noch eher auf Basis von Emotionen als von wissenschaftlichen Fakten." Sie moniert, dass ihre kritische Berichterstattung immer noch kaum Anklang in der Presse fand.

"Ich habe den Eindruck, dass die japanische Medienlandschaft nicht so vielfältig ist wie in anderen Ländern", erläuterte sie.

Der Erfolg der Impfung war nach ihrer Einschätzung mit verantwortlich, dass die Botschaften der Impfkritiker auf fruchtbaren Boden fallen konnten. In der Folge seien die entsprechenden Infektionen kaum noch sichtbar gewesen, das Problembewusstsein sei entsprechend gesunken.

Fragwürdige Veröffentlichungen

In Deutschland hat die Thematik Fake Science Mitte 2018 die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) auf den Plan gerufen. Im Juli hat die Gemeinschaft vor einer sich ausbreitenden wissenschaftlichen Scheinwelt gewarnt und Unterstützung für dagegen gerichtete Initiativen angekündigt.

"Die medizinische Wissenschaft muss sich verstärkt für die Prävention, Identifikation und Kennzeichnung von wertloser, eindeutig interessengeleiteter oder pseudowissenschaftlicher Forschung einsetzen, um nachteilige Folgen für die medizinische Versorgung und für individuelle Patienten zu verhindern", forderte AWMF-Präsident Professor Rolf Kreienberg.

Der Trend zur kostenlosen Verfügbarkeit wissenschaftlicher Publikationen im Zuge des sogenannten Open Access-Modells spielt aus Sicht der Gemeinschaft eine Rolle für die wachsende Bedeutung fragwürdiger Veröffentlichungen. Denn in dem Modell sei es üblich, dass die Autoren für die Veröffentlichung eine Gebühr entrichten.

Für die Verlage bedeute das einen Anreiz, möglichst viele Publikationen zu akzeptieren. Das rufe pseudowissenschaftliche Anbieter auf den Plan, die an der Qualitätskontrolle sparen.

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