Hartnäckige Depression - Ist eine Infektion die Ursache?

Von Susanne Donner Veröffentlicht:

Die 31-jährige Patientin war schon in vielen Arztpraxen gewesen: Müdigkeit, Depressionen und Selbstmordgedanken peinigten sie in rascher Folge. Keines der verschriebenen Medikamente half. Selbst durch den Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik besserte sich ihr Zustand kaum. Ein Arzt diagnostizierte schließlich eine "therapieresistente Depression". Doch zum Glück konnte der jungen Frau mit einer Antibiotika-Therapie doch noch geholfen werden. Inzwischen ist sie gesund und arbeitet seit vier Jahren wieder.

Die entscheidende Antibiotika-Therapie hat Professor Karl Bechter eingeleitet. Der Chefarzt der Abteilung Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik vom Bezirkskrankenhaus Günzburg bemerkte im Blut der Patientin Antikörper gegen Streptokokken und Anzeichen einer chronischen Infektion. Er vermutet, dass die Patientin zwei Jahre lang an einer wellenartig wiederkehrenden Erkrankung durch die Bakterien litt. Das habe zur Depression geführt.

Bakterien und Viren als Ursache von Depressionen vermutet

"Psychische Erkrankungen sind in einigen Fällen eine Folge von Abwehrkämpfen des Immunsystems", ist Bechter überzeugt. Eine ungewöhnliche These, die er anhand der Krankheitsgeschichte der 31-jährigen Patientin bestätigen konnte. Depressiv und Schizophrenie-krank durch Bakterien und Viren? Früher suchte man die Ursache psychischer Leiden in erster Linie im sozialen Umfeld, in Kindheit und Erziehung. Doch dieser Einfluss ist möglicherweise geringer als gedacht. Mitmenschen beeinflussen zwar den Verlauf der Erkrankung, sind aber nicht die Ursache.

Die Ursachen sind nach Angaben von Professor Bernhard Bogerts, Psychiater an der Otto-von-Guericke- Universität in Magdeburg, etwa Gene und vorgeburtliche Hirnstörungen. Auch ein insuffizientes Immunsystem sei dabei von besonderer Bedeutung. Gerade schleichende und chronische Entzündungen könnten zu einem insuffizienten Immunsystem führen.

Streptokokken und Borrelien werden als Auslöser diskutiert

"Wir haben für mindestens 13 Erreger Hinweise, dass sie mit psychischen Erkrankungen in Verbindung stehen", ist die Erfahrung von Bechter. Außer Streptokokken gehören Borrelien dazu, die von Zecken auf den Menschen übertragen werden. Jahre nach dem Zeckenstich habe bei einigen Patienten die Infektion in Form einer Depression begonnen, berichtet Bechter. Auch bei den sexuell übertragbaren Herpes- sowie HI-Viren und Chlamydien wird vermutet, dass sie zu Depressionen führen können. "Es sind sogar Erreger dabei, die als nicht besonders gefährlich gelten, die sich aber im Nervensystem einnisten", so Bechter. Von dort aus entfalten sie dann ihre pathogene Wirkung. Welche Pathomechanismen zu den psychischen Erkrankungen führen, ist allerdings bislang nicht geklärt. Bei Aids-Patienten, die an einer Depression litten, fand man nach ihrem Tod, dass der Tryptophan-Metabolit Kynureninsäure in ihrem Gehirn verändert war. Dadurch wird der Informationsaustausch zwischen den Neuronen gestört. "Bei HIV-Patienten sind bestimmte Zellen des Gehirns mit Viren infiziert", betont Bechter.

Auch andere Erreger hinterlassen Spuren im Gehirn: Das Borna-Virus schädigt Nervenzellen und Zellgewebe im Gehirn, wie bei Depressiven und Patienten mit Schizophrenie nachgewiesen wurde. Auch die Nervenzellfortsätze werden von diesem Virus befallen. Bechter konnte einigen Patienten helfen, indem er einen Teil der Bakterien und Viren aus ihrem Liquor filterte.

Doch die Psychoneuroimmunologen kommen nur langsam voran bei der Suche nach weiteren Indizien. Sie müssen darauf hoffen, dass Angehörige in die Obduktion psychisch Kranker einwilligen, um die Gehirne auf mögliche Virusrelikte oder Zeichen einer Entzündung zu untersuchen. Im neuropathologischen Labor von Bogerts werden derzeit Gehirne von manisch Depressiven, Patienten mit Schizophrenie und Selbstmordopfern analysiert. "Der Nachweis ist sehr schwierig", sagt Bogerts. Denn längst nicht jede Infektion führt dauerhaft zu Depressionen. Nur ein sehr kleiner Teil der Menschen hat die Erkrankung über einen langen Zeitraum und bekommt schließlich ein psychisches Leiden.

"Erreger sind bei etlichen Patienten mit psychischen Erkrankungen von Bedeutung. Aber das Bakterium "Schizokokkus", das von heut' auf morgen wahnsinnig macht, gibt es nicht", betont Bogerts. (ddp)



Weiterführende Informationen


(ddp)

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Umbrella-Review

Welcher Sport bei Depression und Angststörung am besten hilft

Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

© Matt LaVigne | iStock

Neue in-vitro-Daten

DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

© Irina Esau | Getty Images/iStockphoto

Fokus: Integrität der Haut

Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

© Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Tietz

Pilzinfektion Kopfhaut

Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

Anzeige | Bayer Vital GmbH
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Mittlere Veränderung des DAS28-CRP bis Woche 52 gegenüber Ausgangswert (primärer Wirksamkeitsendpunkt)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Anti-TNF-Therapie

Erstes Golimumab-Biosimilar erweitert Therapiespielräume bei RA, PsA, axSpA und pJIA

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Advanz Pharma GmbH, München
Abb. 1: Wirksamkeit in der klinischen Praxis von Brivaracetam über 12 Monate (alle Formen fokaler Anfälle)d

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Zusatzbehandlung fokaler Epilepsien

Effektivere Anfallskontrolle in der Kombinationstherapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: UCB Pharma GmbH, Monheim
Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

© Oleh / stock.adobe.com

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Lilly Deutschland GmbH, Bad Homburg v.d.H.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Vergleich der Kreise

Wo sich besonders wenige Senioren gegen Pneumokokken impfen lassen

„Sprechende Medizin“ beim Bayerischen Rundfunk

Hausarzt Schelling klärt im Radio über wichtige Gesundheitsthemen auf

Cochrane Review zu Ginkgo biloba

Ginkgo biloba: Kein Nutzen bei MCI, geringe Effekte auf Demenz

Lesetipps
Menschen im Park machen Qigong-Übungen

© zinkevych / Stock.adobe.com

Nutzen durch randomisierte Studie belegt

Qigong-Übungen senken erhöhten Blutdruck

Tablette, auf der GLP-1 steht

© THIBNH / Generated with AI / Stock.adobe.com

Neuer GLP-1-Rezeptoragonist

Orforglipron: Bekommt Semaglutid jetzt Konkurrenz?