Intensive Forschung: Wie lässt sich der Anstieg von Typ-1-Diabetes bei Kindern verzögern?

Veröffentlicht:
Auch wenn’s dem Baby schmeckt - es besteht der Verdacht, dass frühe Beikost von Brot durch das Gluten Diabetes begünstigt.

Auch wenn’s dem Baby schmeckt - es besteht der Verdacht, dass frühe Beikost von Brot durch das Gluten Diabetes begünstigt.

© Foto: AGphotographer@ www.fotolia.de

Von Helga Brettschneider

In europäischen Ländern erkranken immer mehr Kinder an Typ-1-Diabetes. Setzt sich der Trend fort, wird es im Jahr 2020 über 24 000 Neuerkrankungen geben. Nach Möglichkeiten zur Prävention wird intensiv gesucht.

Nach einer Hochrechnung wird die Zahl der Kinder unter 15 Jahren mit Typ-1-Diabetes in Europa von rund 94 000 im Jahr 2005 auf 160 000 im Jahr 2020 steigen. Für die Studie wurden Registerdaten aus 17 europäischen Ländern - von Österreich über Rumänien und Slowenien bis Finnland und Spanien - analysiert. Daten von 29 311 Kindern mit Erstdiagnose aus den Jahren 1989 bis 2003 standen zur Verfügung. 4284 Kinder stammten aus Zentren in Baden-Württemberg und Düsseldorf.

Im Mittel stieg die Inzidenz pro Jahr um 3,9 Prozent. Die Zunahme war in Polen am höchsten (9,3 Prozent) und in Spanien am niedrigsten (0,6 Prozent). In Baden-Württemberg sind es 3,7 Prozent, in Nordrhein-Westfalen 4,7 Prozent. Je jünger die Kinder waren, desto stärker stieg bei ihnen die Rate der Neuerkrankungen: bei Kindern bis 4 Jahre um 5,4 Prozent pro Jahr, bei 5- bis 9-Jährigen um 4,3 und bei 10- bis 14-Jährigen um 2,9 Prozent. Setzt sich der Trend fort, wird die Zahl der Neuerkrankungen in Europa von 15 000 im Jahr 2005 auf über 24 000 im Jahr 2020 um zwei Drittel steigen, so Dr. Christopher Patterson aus Belfast (Lancet 373, 2009, 2027). Zudem ändert sich die Altersverteilung der Patienten.

Dass die Typ-1-Inzidenzen so rasch steigen und sich in den europäischen Ländern auch einander anzunähern scheinen, spricht für Umwelteinflüsse: Der Lebensstil und damit assoziierte Risikofaktoren werden einheitlicher. Solche Einflüsse werden in der Studie TEDDY* erfasst, wie Dr. Christiane Winkler vom Münchener Institut für Diabetesforschung berichtet. Darin werden Kinder mit Diabetes-Risikogenen bis zum Alter von 15 Jahren betreut. Weltweit wurden seit 2004 über 5000 Kinder in die Studie aufgenommen. Regelmäßige Checks umfassen Diabetes-typische Antikörper (die ein hohes Erkrankungsrisiko anzeigen) und äußere Faktoren wie Infektionen und Ernährung. 38 Kinder sind bereits an Typ-1-Diabetes erkrankt.

Hinweise zu Einflüssen der Ernährung auf das Diabetesrisiko liegen unter anderem zu Gluten vor. Die BABYDIAB-Studie betreut Säuglinge von Eltern mit Typ-1-Diabetes. Sie ergab ein vierfaches Risiko für die Entwicklung von Autoantikörpern gegen Inselzellen im Pankreas und Typ-1-Diabetes, wenn schon in den ersten vier Lebensmonaten zusätzlich Beikost gegeben wurde. Die enthielt oft Getreide, also Gluten. In der Studie werden deshalb 150 Säuglinge mit hohem Diabetesrisiko (Risikogene plus ein erstgradiger Angehöriger mit Typ-1-Diabetes) sechs oder zwölf Monate lang glutenfrei ernährt.

Eine Therapie mit Ciclosporin A brachte bereits vor Jahren bei Patienten mit neu manifestiertem Typ-1-Diabetes Erfolge; so stieg unter anderem die Insulinproduktion. Es traten aber schwere Nebenwirkungen wie Nierenschäden auf. Für orales Insulin gab es Hinweise auf eine verzögerte Diabetesentwicklung; dies wird jetzt in einer Pilotstudie untersucht.

Ein Hoffnungsträger ist das Medikament Anakinra, ein Hemmstoff von Interleukin 1 (IL-1). IL-1 kann die Betazellen schädigen, Anakinra hemmt dagegen Entzündungen. In einer Studie erhalten erwachsene Typ-1-Patienten nach der Diagnose außer der Insulintherapie den Wirkstoff mehrere Monate lang täglich subkutan, so Privatdozentin Nanette Schloot vom Deutschen Diabeteszentrum Düsseldorf.

Das Präparat RH-GAD65 neutralisiert zirkulierende Antikörper, die sonst den Diabetes vorantreiben, so Privatdozent Andreas Neu aus Tübingen. Es wird bei 10- bis 20-Jährigen mit neu diagnostiziertem Typ-1-Diabetes geprüft. Sie erhalten die Substanz 2,5 Jahre lang mehrmals subkutan injiziert. Das soll die restliche Insulin-Produktion erhalten oder verbessern und eine stabile Diabeteseinstellung erleichtern.

* TEDDY steht für "The Environmental Determinants of Diabetes in the Young"

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Künstliche Intelligenz

Algorithmen-gestützte Telemedizin bei Typ-1-Diabetes

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Das könnte Sie auch interessieren
Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

© Aleksandr | colourbox.de

Fatal verkannt

Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

© polkadot - stock.adobe.com

Vitamin-B12-Mangel

Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
B12-Mangel durch PPI & Metformin

© Pixel-Shot - stock.adobe.com

Achtung Vitamin-Falle

B12-Mangel durch PPI & Metformin

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Welche Rolle spielt Zink?

© Tondone | AdobeStock

Immunsystem unterstützen:

Welche Rolle spielt Zink?

Anzeige | Wörwag Pharma GmbH & Co. KG
Impf- und Zinkstatus im Blick

© Wörwag Pharma | KI-generiert

Bei Risikogruppen:

Impf- und Zinkstatus im Blick

Anzeige | Wörwag Pharma GmbH & Co. KG
Wann die Zinkversorgung knapp werden könnte

© artemidovna | AdobeStock

Ernährungsfallen:

Wann die Zinkversorgung knapp werden könnte

Anzeige | Wörwag Pharma GmbH & Co. KG
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Abb. 1: FIB-4 1,3: numerische 26%ige Risikoreduktion der 3-Punkt-MACE durch Semaglutid 2,4mg

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [17]

Kardiovaskuläre, renale und hepatische Komorbiditäten

Therapie der Adipositas – mehr als Gewichtsabnahme

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma GmbH, Mainz
SCD-PROTECT-Studie-- Frühe Phase nach Diagnose einer Herzinsuffizienz – deutlich höheres Risiko für den plötzlichen Herztod als in der chronischen Phase.

© Zoll CMS

SCD-Schutz in früher HF-Phase

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: ZOLL CMS GmbH, Köln
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Robert Koch-Institut

Impfkalender für 2026: Die Neuerungen im Überblick

Stiftung Lebensblicke

Darmkrebs bei jungen Menschen: Entwarnung für Deutschland

Wechselwirkungen

Diese Medikamente sind bei Herzinsuffizienz riskant

Lesetipps
Eine kalorienarme, pflanzenbasierte Kost für mehrere Tage am Stück pro Monat kann Patienten und Patientinnen mit Morbus Crohn bei der Remission helfen.

© rh2010 / stock.adobe.com

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Morbus Crohn: In nur fünf Tagen per Diät zur Remission?

Diabetespatientin spritzt sich Insulin mit Insulinpen

© Goffkein / stock.adobe.com

Wenig bekannte Insulinkomplikation

Vorsicht bei Insulininjektionen: Nicht immer dieselbe Stelle nehmen