Seit Jahrtausenden umstritten

Ist die Beschneidung hygienischer?

In vielen Kulturen gehört die Beschneidung des Mannes seit Jahrtausenden dazu. Umstritten ist seit Langem, ob dies vielleicht sogar aus medizinischer Sicht sinnvoll ist. Ein Dermatologe aus Frankfurt am Main hat dazu recherchiert.

Von Dr. Thomas MeißnerDr. Thomas Meißner Veröffentlicht: 29.10.2015, 07:07 Uhr

FRANKFURT AM MAIN. Seit mindestens 4300 Jahren werden Beschneidungen des männlichen Genitales vorgenommen, die Motive dafür sind unbekannt. Im Judentum und Islam ist diese Praxis übernommen worden.

Und obwohl fast alle Beschneidungen bei Säuglingen sowie zumindest sehr viele bei Jungen ausschließlich aus religiösen oder traditionellen Gründen vorgenommen werden, wurden im Zusammenhang mit dem viel diskutierten Kölner Gerichtsurteil vom Mai 2012, wonach die Beschneidung von Minderjährigen aus religiösen Gründen eine rechtswidrige Körperverletzung sei, immer wieder auch hygienische Gründe für die Zirkumzision angeführt.

Professor Helmut Schöfer von der Klinik für Dermatologie an der Universität Frankfurt am Main hat diese Argumente mit einer Literaturrecherche auf ihre Stichhaltigkeit geprüft (Hautarzt 2015; 66: 30-37).

"Schmierung" des Penis ist wichtig

Zunächst räumt Schöfer mit der Mär vom unhygienischen Smegma des Mannes auf: "Smegma ist ein physiologisches, präputiales Sebumgemisch, das aus diversen genitalen Drüsen des Penis und der Harnröhre sezerniert wird." Seine Funktionen sind die Befeuchtung und "Schmierung" der Glans penis, verbunden mit einer antibakteriellen und antiviralen Wirkung.

Erst bei mangelhafter Hygiene findet eine bakterielle Besiedlung statt, verbunden mit Fötor und Balanoposthitis. Zudem besteht bei 96 Prozent aller Jungen im Säuglingsalter eine physiologische Verklebung des Präputiums mit der Glans penis, die sich während der Kindheit fastimmer spontan löst.

Allerdings gibt es dennoch infektiologische Argumente für die Zirkumzision. So haben beschnittene Jungen im späteren Leben deutlich seltener Harnwegsinfektionen und ein um 50 bis 60 Prozent verringertes Risiko, sich mit viralen und sexuell übertragbaren Erregern wie HIV, HPV und HSV zu infizieren. Für die Übertragung von Treponema pallidum, Haemophilus ducrey und weiteren bakteriellen Keimen sei dieser Vorteil der Zirkumzision nicht ausreichend gesichert, so Schöfer.

Die Frage ist, inwiefern dies für mitteleuropäische und speziell deutsche Verhältnisse relevant ist. Weil Harnwegsinfektionen im Kindesalter selten sind, wären 400 Zirkumzisionen erforderlich, um einen Harnwegsinfekt zu verhindern, rechnet Schöfer vor. Zwar bietet das innere Präputialblatt für virale Erreger diverse Angriffsflächen und Rezeptoren.

Weniger HIV durch Beschneidung?

In den USA jedoch, wo 50 bis 60 Prozent der sexuell aktiven Männer beschnitten sind, sei die HIV-Inzidenz dennoch höher als in Deutschland. In Südafrika mit bekanntermaßen sehr hoher HIV-Inzidenz und -Prävalenz war die HIV-Serokonversionsrate unbeschnittener Männer in entsprechenden Untersuchungen doppelt so hoch wie bei beschnittenen Männern.

Bestätigt wird dies durch Untersuchungen in Kenia und Uganda. In einer Cochrane-Analyse bei mehr als 11.000 heterosexuellen Männern in Afrika wurde eine Halbierung des HIV-Übertragungsrisikos mit der Zirkumzision ermittelt.

Gegen die Zirkumzision im Säuglingsalter spricht die hohe Rate an folgenden Wundinfektionen, die nach Schöfers Angaben bei jedem zehnten beschnittenen Säugling auftreten. Hinzu kommen Harnwegsinfekte bei zwei Prozent der Säuglinge sowie bei acht bis 20 Prozent Entzündungen des Meatus urethrae mit der Gefahr späterer Meatusstenosen.

Das Risiko für Sepsis oder Blutungen ist mit 1:20.000 gering, aber gegeben. Das Komplikationsrisiko ist abhängig von der Ausbildung des Beschneiders sowie von den Narkose- und Hygieneumständen. Laut derzeitiger Gesetzgebung dürfen in Deutschland bis zu einem Alter von sechs Monaten Beschneidungen auch weiterhin von nichtärztlichen Beschneidern der Religionsgemeinschaften ausgeführt werden.

Zirkumzisionen bei Jugendlichen und Erwachsenen bieten nach Auffassung Schöfers individuelle und epidemiologische Vorteile in Bezug auf das Übertragungsrisiko vor allem viral bedingter, sexuell übertragbarer Krankheiten.

Zu bedenken sei dabei allerdings, dass weitere wichtige Faktoren das Übertragungsrisiko beeinflussen: sexuelles Risikoverhalten, ungeschützter Verkehr oder Promiskuität zum Beispiel. Daher bleibt die tatsächliche Bedeutung der Zirkumzision zur Vermeidung sexuell übertragbarer Krankheiten weiter umstritten.

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