Masern-Ausrottung

Jetzt müssen endlich Taten folgen

Der Masern-Ausbruch in Berlin verdeutlicht erneut die bundesweiten Defizite beim Impfschutz. Nun soll es einen Nationalen Aktionsplan geben, um die Erkrankung bis 2018 zu eliminieren. Doch Skepsis ist weiter angebracht.

Von Wolfgang GeisselWolfgang Geissel Veröffentlicht: 17.02.2015, 05:01 Uhr
Für viele nicht mehr selbstverständlich: Die Impfung gegen Masern.

Für viele nicht mehr selbstverständlich: Die Impfung gegen Masern.

© Marcus Roczen/fotolia.com

NEU-ISENBURG. Mit 347 Masernfällen in diesem Jahr wurden bis Anfang Februar in Berlin mehr Erkrankungen gemeldet als im gesamten Bundesgebiet im Jahr 2014. Das mit der WHO vereinbarte Ziel, Masern (und Röteln) bis 2015 in Deutschland zu eliminieren, ist damit erneut in weite Ferne gerückt.

Der neue Ausbruch birgt keine Überraschungen. Zwar waren zu Beginn in Berlin vor allem Asylbewerber aus Bosnien Herzegowina und Serbien erkrankt. Doch schnell griff die Masernwelle auch auf die ansässige Bevölkerung über, wobei die meisten Betroffenen dort nicht Kinder, sondern 18- bis 43-Jährige sind.

Das war zu erwarten: Große Impflücken bei Masern gibt es in Deutschland vor allem bei den nach 1970 geborenen Erwachsenen.

Immer wieder waren in den vergangenen Jahren bundes- oder landesweite Impfaktionen für ungenügend geschützte Bevölkerungsgruppen (Supplemental immunization activities, SIA) gefordert worden.

Die Umsetzung scheiterte aber immer wieder am Streit zwischen den verantwortlichen Akteuren aus Bund, Ländern und öffentlichem Gesundheitsdienst.

Vor sechs Jahren wurde ein Impfplan angeregt

Aktionismus gab es genug: Als sich 2009 das Scheitern der mit der WHO vereinbarten Masern- und Röteln-Elimination bis 2010 abgezeichnet hatte, wurde auf der 82. Gesundheitsministerkonferenz einstimmig die Erarbeitung eines Nationalen Impfplans beschlossen.

 Dieser Plan wurde Ende 2011 mit einer Verzögerung von zweieinhalb Jahren publiziert. Konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Impfsituation waren allerdings nicht ausgearbeitet worden, das Papier enthält vor allem unverbindliche Absichtserklärungen.

Zur Konkretisierung und Umsetzung der Maßnahmen sollten eine Geschäftsstelle mit zwei Mitarbeitern und eine zuarbeitende Lenkungsgruppe eingerichtet werden. Im Jahr 2013 erhielt dann Bayern den Zuschlag als Standort dieser Geschäftsstelle.

Die Einrichtung ist bisher aber am Streit um die Finanzierung zwischen Bund und Ländern gescheitert. Die Elimination von Masern und Röteln in Deutschland wurde inzwischen auf 2018 bis 2020 verschoben.

Um den Eliminationsprozess zu begleiten und unter Berücksichtigung der WHO-Zielkriterien und Indikatoren zu bewerten, hatte das Bundesgesundheitsministerium 2013 parallel eine Nationale Verifizierungskommission Masern/Röteln (NAVKO) installiert.

Diese Kommission unter Vorsitz von Professor Oliver Razum von der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld hat den verantwortlichen Gesundheitsdiensten inzwischen ein verheerendes Zeugnis ausgestellt.

"Aufgrund der vorliegenden Daten ließ sich nicht feststellen, dass das bestehende nationale gesundheitspolitische Bekenntnis zur Elimination der Masern und Röteln allgemein zu konzertierten Maßnahmen geführt hätte, die nachweislich auf Bundesebene zu einer Verbesserung der epidemiologischen Lage führen", schreibt die NAVKO in ihrem aktuellen Bericht an die WHO zur Situation in Deutschland (www.rki.de).

Erstmals Konzept mit konkreten Maßnahmen

Das Robert Koch-Institut und das LGL Bayern als künftiger Träger der Geschäftsstelle haben nun Mitte Dezember einen Entwurf für einen Nationalen Aktionsplan 2015-2020 zur Elimination von Masern und Röteln in Deutschland vorgelegt, berichtet der "Impfbrief online". Geplant sind darin bis 2018:

  • Maßnahmen zur Steigerung des Anteils der Bevölkerung, der einer MMR-Impfung grundsätzlich positiv gegenüber steht,
  • bei Kindern im Alter von spätestens 15 Monaten Erreichen und Aufrechterhaltung einer 1-Dosis-MMR-Impfquote von über 95 Prozent,
  • bei Kindern in den Schuleingangsuntersuchungen Erreichen und Aufrechterhaltung einer 2-Dosen-MMR-Impfquote von über 95 Prozent,
  • in allen Altersgruppen Erreichen und Aufrechterhaltung einer Bevölkerungsimmunität, die die Transmission von Masern- bzw. Rötelnviren verhindert,
  • Steigerung des Anteils der laborbestätigten übermittelten Masern- und Rötelnfälle auf mindestens 80 Prozent aller klinisch diagnostizierten Masern- oder Rötelnfälle,
  • Stärkung des Ausbruchsmanagements auf kommunaler Ebene und Darstellung von 80 Prozent der jährlich gemeldeten Masern- und Rötelnausbrüche.

"Damit liegt erstmals ein Konzept für fassbare Handlungsschritte zur Masern-Röteln-Eliminierung bis 2018 vor", so der "Impfbrief".

Skepsis ist angebracht: Es wären noch viele Hürden in unserem föderalen Gesundheitssystem zu nehmen, bis aus diesem Entwurf ein verbindlicher Plan werden könnte.

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Der mit der WHO vereinbarte Plan einer erfolgreichen Masern- (historisch "Morbilli"="kleine Pest") und Röteln- bzw. Mumps-Elimination in Deutschland nimmt immer groteskere Züge an. Vergleichbar mit dem Flughafen Berlin Brandenburg (BER), dessen Fertigstellung erneut zum St. Nimmerleinstag hinausgeschoben werden musste, waren die hochfliegenden Pläne von Infektions-Epidemiologen bereits 2010 vorausschauend für gescheitert erklärt worden. Die Jahre 2014 und 2015 lassen sich angesichts dramatischer Masern-Neuerkrankungs- und Ausbreitungszahlen ebenfalls nicht halten.

Jetzt liegt der Entwurf für einen Nationalen Aktionsplan 2015-2020 vor. Ein Zeitraum, in dem der BER-Flughafen oder auch Stuttgart 21 so langsam mal eröffnungsreif wären. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) als Träger der Geschäftsstelle und das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin haben dazu einen 6-Punkte-Plan vorgelegt, um den "größten-anzunehmenden-Unfall" (GAU) einer Masern-Epidemie einzudämmen.

Dass parallel dazu das Bundesgesundheitsministerium (BGM) bereits 2013 eine Nationale Verifizierungskommission Masern/Röteln (NAVKO) installiert hat, verheißt nichts Gutes: Föderales Kompetenzgerangel, Zuständigkeits-Wirrwarr, Konzeptions-und Kopflosigkeit bestimmen das Geschehen. Unter dem NAVKO-Vorsitzenden Professor Oliver Razum von der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld wird den verantwortlichen Gesundheitsdiensten zwar ein verheerendes Zeugnis ausgestellt. Aber diese vernichtende Kritik fällt auf die NAVKO selbst zurück.

Der "Bericht der Nationalen Verifizierungskommission Masern/Röteln zum Stand der Eliminierung der Masern und Röteln in Deutschland 2013" ... "an die Weltgesundheitsorganisation (Regionalbüro für Europa) mit Stand Juni 2014" liest sich wie "Fragen an Radio Eriwan". Ein sybillinischer Satz lautet: "Eine andauernde endemische Transmission von Masernviren in Deutschland kann aus diesen Gründen weder bestätigt noch widerlegt werden. Sie ist jedoch, unter besonderer Berücksichtigung der hohen Inzidenzen, sehr wahrscheinlich". Der geübte Radio-Eriwan-Sprecher transkribiert: "Im Prinzip Nein, aber eher doch, Ja"! Was Wunder, wenn ein endemisch vorhandenes Masernvirus-Reservoir n i c h t auch in der Lage wäre, bei hohen Masern-Inzidenzen dieselben zu befördern. Das Strategie-Dilemma wird deutlicher. "R ö t e l n: Die epidemiologische Situation der Röteln im Jahr 2013 kann weiterhin noch nicht bewertet werden, da nach Einführung der bundesweiten Meldepflicht im März 2013 noch nicht alle Gesundheitsämter über eine geeignete Software zur vollständigen Übermittlung verfügten..." heißt es.

Der LGL- und RKI-6-Punkte-Plan ignoriert völlig, dass z. B. in Berlin die meisten Masern-Patienten dort n i c h t Kinder, sondern 18- bis 43-Jährige sind. Dies lässt auf mangelhaften Impfschutz s e l b s t schließen und entlarvt die von der Impfstoff-Industrie und Lehrbüchern behauptete lebenslange Antikörper-Protektion durch 2-malige MMR-Impfungen im Kleinkindesalter als eine Chimäre. Hinzu kommt, dass u n geimpfte Migranten bzw. Asylbewerber aus Armuts- und Schwellenländern dieser Infektion schutzlos ausgeliefert sind.

Selbst die vom Robert-Koch-Institut (RKI) und der STIKO reflexartig empfohlene, möglichst frühe Erstimpfung entlarvt sich als Pseudo-Strategie: Defay, F. et al. stellten dies mit dem Titel: "Measles in Children Vaccinated With 2 Doses of MMR. Pediatrics 2013; online 21. Oktober 2013; DOI: 10.1542/peds.2012-3975 heraus. Die frühe Masernimpfung bei Kindern im Alter von zwölf Monaten ist eher ungünstig. Nach den Daten dieser kanadischen Studie ist die Gefahr, dass der Impfstoff dann versagt, fünfmal höher. Besser sei es, mit einer Erstimpfung erst im 15. Lebensmonat zu beginnen. http://www.springermedizin.de/fruehe-masernimpfung--schlechte-schutzwirkung/4765318.html

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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