Tinnitus

Kann Magnetstimulation langfristig helfen?

Patienten mit chronischem Tinnitus profitieren offenbar von einer mehrmals wiederholten repetitiven transkraniellen Magnetstimulation, wie jetzt eine placebokontrollierte Studie bestätigt. Die Beschwerden lassen sich demnach auch langfristig lindern.

Peter LeinerVon Peter Leiner Veröffentlicht:
Patienten mit chronischem Tinnitus profitieren offenbar von einer mehrmals wiederholten repetitiven transkraniellen Magnetstimulation.

Patienten mit chronischem Tinnitus profitieren offenbar von einer mehrmals wiederholten repetitiven transkraniellen Magnetstimulation.

© Axel Kock / fotolia.com

PORTLAND. Bisherige Studien zum Potenzial der transkraniellen Magnetstimulation (TMS) bei Patienten mit chronischem Tinnitus waren unter anderem zu klein für aussagekräftige Ergebnisse, hatten keine Placebogruppe zum Vergleich oder keine optimale Positionierung der TMS-Spule.

In einer aktuellen placebokontrollierten US-Studie wurde nun die Hypothese überprüft, dass sich mit einer repetitiven TMS, die einmal täglich an zehn aufeinanderfolgenden Werktagen vorgenommen wird, die Tinnitusbeschwerden signifikant stärker lindern lassen als durch eine Schein-TMS (JAMA Otolaryngol Head Neck Surg 2015; online 16. Juli).

An der Studie nahmen insgesamt 64 Patienten teil, von denen in der Verumgruppe 17 Patienten schon seit mindestens elf Jahren unter den Phantomgeräuschen litten.

In der Vergleichsgruppe waren es 24 Patienten, von denen 20 schon seit mehr als 20 Jahren Tinnitus hatten. Um an der Studie teilnehmen zu können, mussten die Patienten seit mindestens einem Jahr Beschwerden haben.

2000 Impulse pro Sitzung

Für die Stimulation verwendeten die Ärzte um Dr. Robert L. Folmer vom US Veterans Hospital in Portland das Rapid2-Gerät des britischen Unternehmens Magstim mit einer Impulsfrequenz von einem Hertz sowie ein entsprechendes Gerät von dem Unternehmen für die Placebo-TMS.

Pro Sitzung erhielten die Patienten, die nicht alle ehemalige Soldaten waren, 2000 Impulse über die auf dem Hörkortex links- oder rechtsseitig platzierte Spule. Der Erfolg der Therapie wurde sofort nach der letzten Behandlung sowie 1, 2, 4, 13 und 26 Wochen später beurteilt.

Primärer Endpunkt der Studie waren die TFI-Werte, ermittelt anhand des Fragebogens "Tinnitus Functional Index" (0-100 Punkte, mehr Punkte sind schlechter). Als Ansprechen galt, wenn die Zahl der TFI-Punkte zwischen Beginn und Ende der Behandlung um mindestens sieben gestiegen war.

Ergänzung zu etablierten Verfahren

Zu Beginn der Studie betrug der TFI-Wert in der Gruppe mit geplanter TMS durchschnittlich 44,8, in der Placebogruppe 40,6.

Wie Folmer und seine Kollegen berichten, wurden die Beschwerden in der Verumgruppe nach einem Follow-up von 26 Wochen im Vergleich zum Zeitpunkt der Aufnahme in die Studie um 30,8 Prozent reduziert, unter der Schein-TMS dagegen nur um 7,1 Prozent. 18 von 32 Patienten (56 Prozent) in der Verumgruppe sowie 7 von 32 Patienten (22 Prozent) der Vergleichsgruppe sprachen auf die TMS an, ein signifikanter Unterschied.

Dass in der Placebogruppe überhaupt Patienten ansprachen, könnte daran liegen, dass die vom entsprechenden Gerät ausgesendeten Impulse nicht schwach genug waren.

Die Ärzte sind sich im Klaren, dass es sich bei ihrer Untersuchung nur um eine kleine Studie handelt, deren Ergebnisse in größeren Studien zu überprüfen sind. Unter den noch zu klärenden Fragen sei zum Beispiel, ob der anhand der TFI-Werte ermittelte Erfolg der TMS-Therapie nicht nur ein halbes, sondern sogar ein ganzes Jahr anhalten könnte und auf welcher Seite des Kopfes die Spule zu platzieren sei, um den größten Therapieerfolg zu erzielen.

Unklar sei zudem, ob Patienten besser ansprechen, wenn sie bereits länger Beschwerden haben.

Schließlich weisen die Autoren darauf hin, dass die TMS in den aktuellen Leitlinien der American Academy of Otolaryngology von 2014 bei Tinnitus nicht empfohlen werde.

Allerdings beruhe diese Empfehlung auf zwei Studien, in denen der Erfolg der Behandlung nicht anhand des TFI wie in der aktuellen Studie beurteilt worden sei. Die Ärzte gehen davon aus, dass die TMS künftig etablierte Strategien gegen Tinnitus nicht ersetzen, sondern eher ergänzen könnte.

Schlagworte:
Mehr zum Thema

Antibiotic Stewardship

So lassen sich Antibiotika-Verordnungen im Praxisalltag reduzieren

Das könnte Sie auch interessieren
Praxisfall im Podcast: Atemwegsinfekt

© Bionorica SE

Phytoneering-Akademie

Praxisfall im Podcast: Atemwegsinfekt

Anzeige | Bionorica SE
Antibiotika – Fluch und Segen

© Bionorica SE

Podcast

Antibiotika – Fluch und Segen

Anzeige | Bionorica SE
Brauchen wir noch Antibiotika?

© deepblue4you | iStock

Content Hub

Brauchen wir noch Antibiotika?

Anzeige | Bionorica SE
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Prozentualer Anteil der Patientinnen und Patienten pro Gruppe mit den genannten Symptomen zum Zeitpunkt der Visite 1 (Erstvorstellung) und Visite 2 (24–72h nach Erstvorstellung).

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [13]

Akute Otitis media – Behandlungsoptionen in der Praxis

Leitlinienbasierte Therapie für schnelle Symptomverbesserung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Homöopathisches Laboratorium Alexander Pflüger GmbH & Co. KG, Rheda-Wiedenbrück
RSV-Schutz für alle Säuglinge

© Springer Medizin Verlag GmbH

RSV-Schutz für alle Säuglinge

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, Frankfurt
Abb. 1: Ein-Stärken-Aufdosierungsschema*

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [7]

Allergen-Immuntherapie (AIT) bei Hausstaubmilben-Allergie

Ein-Stärken-Präparat für den Praxisalltag zugelassen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Allergopharma GmbH & Co. KG, Reinbek
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Lesetipps
Ein Würfel springt von 5 auf 6 um. Dies symbolisiert den Jahreswechsel von 2025 auf 2026; dahinter Feuerwerk.

© Romolo Tavani / stock.adobe.com

Zum Jahresstart

Das ändert sich 2026 für Praxen

Eine ältere Frau ist gestürzt und liegt auf dem Boden.

© Rawpixel.com / stock.adobe.com

Gebrechliche Patienten

Hüft-Operation bei Herzpatienten: Wie sich Risiken minimieren lassen