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HINTERGRUND

Körperkult verführt immer mehr Jugendliche zum Doping

Von Pete Smith Veröffentlicht:

Doping im Spitzensport sorgt immer wieder für Skandale. Doping im Breitensport dagegen wird weitgehend tot geschwiegen. Die Tatsache, daß es keine Kontrollen im Breitensport gibt, macht die Diskussion schwierig. Experten sind jedoch alarmiert, weil inzwischen auch viele Jugendliche für einen muskulösen Körper zu Anabolika greifen.

"Es gibt immer mehr Jugendliche, die schon mit 14, manchmal sogar mit zwölf Jahren Pillen schlucken und sich Spritzen setzen, um dickere Arme zu bekommen", sagt der Ex-Bodybuilder und Gründer einer Anti-Doping-Initiative, Jörg Börjesson. Genaue Zahlen über die jungen Anabolika-Konsumenten gibt es nicht. Doch Fachleute schätzen, daß jeder zehnte jugendliche Kraftsportler zu Pillen und Spritzen greift - und sich kaum um die Risiken schert.

Kardiomyopathien bei jungen Bodybuildern

Erst kürzlich hatte der Heidelberger Molekularbiologe Professor Werner Franke vor den gesundheitlichen Folgen des wachsenden Anabolika-Konsums im Breitensport gewarnt (die "Ärzte Zeitung" berichtete). Bei jungen Bodybuildern würden zunehmend Kardiomyopathien, Leberschäden und schwere Persönlichkeitsveränderungen beobachtet. Auch Franke kritisiert, daß das Phänomen weitgehend verschwiegen werde.

Über den auffallend schnell wachsenden Bizeps ihrer Söhne machen sich offenbar auch viele Eltern keine Gedanken, sagt der Kölner Psychologe und Psychotherapeut Werner Hübner. "Die sind froh, daß ihr Junge nicht auf der Straße herumhängt und auch noch etwas für seine Gesundheit tut", lautet Hübners Erfahrung.

200 000 Breitensportler dopen sich, schätzen Experten

Der Mediziner Carsten Boos von der Universität Lübeck hat in Deutschland die bislang einzige wissenschaftliche Studie über Doping im Freizeitsport vorgenommen (wir berichteten). Sein Fazit: "Bei vorsichtiger Schätzung gibt es bundesweit rund 200 000 Breitensportler, die mit Anabolika oder anderen Substanzen Mißbrauch betreiben." Boos beklagt ein "mangelndes öffentliches Interesse", das Thema anzugehen. "Die Empfindlichkeiten sind immens." Suchtverhalten und Körperbildstörungen würden als Probleme unterschätzt.

"Die Jugendlichen suchen den Kick über ihren eigenen Körper und erleben dabei buchstäblich Entwicklungen, die sie ansonsten im Leben vermissen", erläutert Psychologe Hübner. Ihre Motive seien die gleichen wie bei anderen Jungen: den Mädchen und der eigenen Clique imponieren. Allein in Köln mit knapp einer Million Einwohnern, schätzt Hübner, gibt es "einige Hundert dopende Jugendliche - mit steigender Tendenz seit etwa drei Jahren".

Viele Anabolika-Konsumenten sind depressiv oder aggressiv

Der Toxikologe Hans Sachs vom rechtsmedizinischen Institut der Universität München erläutert die möglichen Folgen: "Gerade in der Wachstumsphase ist die Einnahme von Substanzen wie Clenbuterol, Nandrolon oder Wachstumshormonen besonders gefährlich." Ebenso könnten Testosteron-Präparate den Hormonhaushalt durcheinander bringen. "Auch Gemütsschwankungen mit depressiven und aggressiven Phasen treten häufig auf", so Sachs. Die Beschaffung der Substanzen ist ein Kinderspiel. "Vom Internet über einschlägige Bodybuilding-Studios bis hin zum Dealen auf dem Schulhof reicht das", sagt Börjesson.

Die Preise schwanken: Eine Am-phetamin-Tablette ist für einen Euro zu bekommen, Wachstumshormonpillen kosten bis zu 30 Euro. Der illegale Handel ist ein Riesengeschäft: "100 Millionen Euro werden auf dem Schwarzmarkt in Deutschland damit jährlich umgesetzt", schätzt Börjesson. "Es gibt Händler, die einfach in die Türkei oder nach Griechenland fliegen, sich dort in Apotheken billig eindecken und wieder zurückfliegen", ergänzt der Toxikologe Sachs. Aber auch aus Spanien, der Schweiz, Osteuropa oder Thailand würden die verbotenen Substanzen eingeschmuggelt.

Mitunter werden gefälschte Bescheinigungen vorgelegt, zum Teil sollen auch Ärzte die erforderlichen Rezepte ausstellen. Erst kürzlich wurde in Berlin ein Allgemeinmediziner angeklagt, der Anabolika ohne medizinische Indikation unter anderen auch an Minderjährige abgegeben haben soll (wir berichteten).

Bei der Nationalen Anti Doping Agentur (Nada) sieht man vor allem gesellschaftliche Ursachen: "Der Körperkult ist aus den Medien in den Breitensport hinübergeschwappt", sagt Geschäftsführer Roland Augustin. Es werde "ein Körperbild transportiert, das realitätsfern ist und dem einzelnen nahe legt, daß man an sich etwas ändern muß - ähnlich wie bei Schönheitsoperationen". Zudem hätten Breitensportler keine ausgebildeten Trainer: "So erkennen viele ihre Leistungsgrenze nicht, oder sie ignorieren sie."

Weitere Informationen im Internet unter

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