Direkt zum Inhaltsbereich

Allergien im Blick

Kreuzreaktionen - harmlos oder riskant?

Bei welchen Patienten ist die Sensibilisierung gegen Allergene, etwa in Nahrungsmitteln, harmlos und bei welchen riskant? Das wird ein großes Thema beim diesjährigen Allergiekongress sein.

Von Thomas Werfel Veröffentlicht:
Birkenpollen-Allergiker haben über Kreuzreaktionen oft auch allergische Symptome beim Verzehr bestimmter Nahrungsmittel.

Birkenpollen-Allergiker haben über Kreuzreaktionen oft auch allergische Symptome beim Verzehr bestimmter Nahrungsmittel.

© luna / fotolia.com

Selten führen molekulare Erkenntnisse zu unmittelbaren praktischen Fortschritten in der klinischen Diagnostik. Mit der Aufdeckung von spezifischen Sensibilisierungen bei Allergien ist dieses jedoch in den letzten Jahren gelungen. So ist es nun viel besser als früher möglich, zum Beispiel bei Verdacht auf Nahrungsmittelallergien spezifische IgE-Antikörper gegen einzelne Proteine von Nahrungsmitteln zu bestimmen und abzuschätzen, ob bei einem Patienten eine eher stumme Sensibilisierung oder nur "milde" Reaktion zu erwarten ist oder ob das Risiko für systemische, potentiell lebensgefährliche Reaktionen deutlich erhöht ist.

Dieses ist zum Beispiel bei Sensibilisierungen gegenüber Baumnüssen oder Erdnüssen von großer praktischer Bedeutung. Beide Nahrungsmittel gelten in den westlichen Ländern als häufigste Ursache lebensgefährlicher oder gar tödlicher allergischer Reaktionen. Meist kommt es dabei nicht zu einer klassischen Anaphylaxie mit Kreislaufversagen, sondern zu einem Status asthmaticus. Betroffen sind vermehrt Jugendliche und junge Erwachsene. Daher ist die Verunsicherung groß, wenn bei Atopikern Pricktestreaktionen auf Erdnussextrakt oder Haselnuss positiv sind.

Birkenpollen-assoziierte Sensibilisierungen führen häufiger zu "milden" Reaktionen auf Nahrungsmittel über Kreuzreaktionen. Dieses ist allgemein bekannt, zum Beispiel im Rahmen der Birkenpollen-assoziierten Apfelallergie. Was viele nicht realisieren: Es können auch entsprechende Kreuzreaktionen zwischen Birkenpollen und Erdnüssen auftreten, zum Beispiel über das Birkenpollenhauptallergen Bet v  1 zum Erdnussallergen Ara h 8. Ist dies der Fall, ist das Risiko für gefährliche Systemreaktionen deutlich geringer als etwa bei einer Sensibilisierung gegenüber dem Erdnussallergen Ara h 2. Die Möglichkeit, nun spezifische IgE-Antikörper gegen Einzelkomponenten der Erdnuss zu bestimmen, ermöglicht hier also eine klinische Risikoabschätzung.

Ein anderes Beispiel ist die wahrscheinlich häufiger als vermutete Anstrengungs-assoziierte Anaphylaxie nach dem Genuss von weizenhaltigen Speisen. Hier haben molekulare Erkenntnisse der letzten Jahre dazu beigetragen, dass ein simpler Bluttest, nämlich die Bestimmung spezifischer IgE-Antikörper gegen Omega 5 Gliadin, diejenigen Patienten herausfiltert, die unter diesem ansonsten relativ schwer fassbaren Beschwerdebild leiden.

Kreuzreaktionen - harmlos oder riskant?

© Christian Jung / fotolia.com

Neue Inhalationsallergene wurden identifiziert

Das Gebiet der molekularen Allergologie ist komplex, jedoch praxisrelevant. Und der Wissenszuwachs in den vergangenen Jahren ist enorm. Eine praktische Fortbildung für alle Ärzte, die häufig mit Allergie-Patienten konfrontiert sind, findet vom 8. bis 11. September in Hannover statt. Natürlich wird es hier nicht nur um die Diagnostik von Nahrungsmittelallergien gehen.

Ein weiteres Gebiet, das für viele Arztgruppen von großem Interesse ist, ist die Identifikation von neuen Inhalationsallergenen wie zum Beispiel Ambrosia und Arzneimittelallergenen. Eine Vielzahl von Arznei-Neuentwicklungen hat leider auch zu einem gewissen Zuwachs der Vielfalt von Arzneiüberreaktionen geführt.

Große Fortschritte bei spezifischer Immuntherapie

Auch die Therapie bei allergischen Erkrankungen weisen große Fortschritte auf, die auf neuem molekularem Wissen beruhen. Bei der spezifischen Immuntherapie gibt es spannende Neuentwicklungen von Medikamenten, die über die Kopplung mit neuen Adjuvanzien zu einer stärkeren Wirkung führen sollen. Auch gibt es neue Daten zur sublingualen Immuntherapie als Alternative zur klassischen subkutanen Immuntherapie.

Nicht alle Allergiepatienten werden hierzulande optimal versorgt. Wie in der 3. Auflage des Weißbuch Allergie in Deutschland (2010) dargestellt wird, sind die Gründe mannigfaltig. Die zunehmend schlechtere Vergütung ärztlicher Leistungen auf dem Gebiet der Allergologie, aber auch Verschärfungen des Arzneimittelgesetzes, die eine Erschwerung von Einführungen neuer in-vivo-Diagnostika zur Folge haben, sind Aspekte, die in diesem Kontext bedacht werden müssen.

Professor Thomas Werfel ist Leitender Oberarzt der Klinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie sowie Leiter der Abteilung Immundermatologie und experimentelle Allergologie der Medizinischen Hochschule Hannover.

Der 5. Deutsche Allergiekongress findet vom 8. bis 11. September 2010 im Convention Center Messe Hannover statt, und zwar unter dem Motto "Allergologie im Wandel". Kongresspräsident ist Professor Thomas Werfel aus Hannover.

 

Mehr Informationen zum diesjährigen Kongress gibt es auf: www.allergiekongress.de

Lesen Sie dazu auch: Kreuzreaktionen - harmlos oder riskant? Bluttest ermittelt Schockgefahr bei Wespengiftallergie Mehr Ekzeme bei Kindern von Rauchern Feigen kreuzreagieren mit Birkenpollen Mindern Atopien das Risiko für Leukämien?

Mehr zum Thema

Ob allergisch oder nicht

Rhinitis ist signifikant mit Migräne verbunden

Das könnte Sie auch interessieren
50 Jahre Jung-Preis

© Jung-Stiftung für Wissenschaft und Forschung

50 Jahre Jung-Preis

Freiheit als Voraussetzung für medizinischen Fortschritt

Anzeige | Jung-Stiftung für Wissenschaft und Forschung
DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

© Matt LaVigne | iStock

Neue in-vitro-Daten

DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

© Irina Esau | Getty Images/iStockphoto

Fokus: Integrität der Haut

Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

© Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Tietz

Pilzinfektion Kopfhaut

Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema

T2D-Therapie jetzt auch mit Semaglutid 2 mg

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma Gmbh, Mainz
Abb. 1: Empagliflozin reduzierte auch bei niedriger Ausgangs-eGFR die Progression der chronischen Nierenkrankheit (Test für Heterogenität/Trend: a) 12=0,06, p=0.81; b) 12=6,31, p=0,012)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [6]

Chronische Nierenkrankheit

SGLT2-Inhibition: Nephroprotektiv auch bei stark erniedrigter eGFR

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Ko KG, Ingelheim am Rhein
Abb. 2: Sekundärer Endpunkt der BOREAS-Studie: Veränderung der Lungenfunktion unter Dupilumab versus Placebo

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Typ-2-Inflammation bei COPD

Bessere Lungenfunktion und mehr Lebensqualität durch IL-4/-13-Hemmung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, Berlin, und Regeneron GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Erfahrungen eines Hausarztes

40 Prozent Home-Office für Ärzte: Wie das funktionieren kann

Bewusster Verzicht

Was bringt Fasten bei Schmerz?

Lesetipps
Darstellung des Herzpflasters auf einem Herzen.

© Universitätsmedizin Göttingen

Herzinsuffizienz

Erste klinische Studie belegt Wirksamkeit des Herzpflasters

Bus, der in Richtung Rauchfreiheit fährt.

© Thomas Reimer / stock.adobe.com

Zum Weltnichtrauchertag

Wie Sie Ihre Patienten beim Rauchstopp unterstützen können