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"Leberwerte in den Check-up 35 aufnehmen!"

Zum 10. Deutschen Lebertag machen die Deutsche Leberstiftung, die Deutsche Leberhilfe und die GastroLiga auf die große Zahl unerkannter Lebererkrankungen in Deutschland aufmerksam. Der Gastroenterologe und Vorstandsvorsitzende der Deutschen Leberhilfe, Professor Claus Niederau aus Oberhausen, fordert: Leberwerte müssen Teil des Check-up 35 werden.

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Ärzte Zeitung: Herr Professor Niederau, etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland sollen an Lebererkrankungen leiden, viele davon ohne es zu ahnen. Welche Erkrankungen sind das in erster Linie?

Professor Claus Niederau: An erster Stelle sind die Fettlebererkrankungen zu nennen, oft vergesellschaftet mit Übergewicht, Typ 2-Diabetes und übermäßigem Alkoholkonsum. Zur zweiten großen Gruppe gehören die chronische Virushepatitis B und C, die zusammen mehr als eine Million Menschen in Deutschland betreffen. Nur 20 bis 25 Prozent der Infizierten wissen etwas von ihrer Virusinfektion. Bei den Fettlebererkrankungen ist die Dunkelziffer mindestens ebenso hoch. Hinzu kommen seltenere Lebererkrankungen wie Eisen- und Kupferstoffwechselkrankheit, Autoimmunhepatitis, primär biliäre Zirrhose oder medikamentös bedingte Leberschäden.

Ärzte Zeitung: Was bedeutet die große Dunkelziffer an Leberkrankheiten für den Hausarzt?

Niederau: Die niedergelassenen Kollegen sollten häufiger als bislang an Lebererkrankungen denken und bei uncharakteristischen Beschwerden wie Müdigkeit und Oberbauchbeschwerden die Leberwerte messen. Ist die GPT erhöht, sollten Tests auf HBs-Antigen und Antikörper gegen HCV folgen sowie die Standardbluttests zur Diagnostik von Fettstoffwechsel- und Glukosestoffwechselstörungen ergänzt um eine Sonographie des Abdomens. Wenn man mit der Routinediagnostik nicht weiterkommt, ist es Zeit, den Staffelstab an einen Gastroenterologen weiter zu reichen, der sich dann auf die Suche nach selteneren Lebererkrankungen begibt.

Ganz unabhängig von Leberwerterhöhungen empfehle ich, bei Menschen, die zu bestimmten Risikogruppen gehören, nach einer Virushepatitis zu schauen. Das sind zum Beispiel Migranten aus Ländern, in denen die Virushepatitis B und C sehr häufig sind, also etwa Asien, Afrika oder Süd- und Osteuropa. Weitere Risikogruppen sind Menschen, die illegale Drogen benutzt oder vor 1992 eine Bluttransfusion bekommen haben.

Ärzte Zeitung: Welche Ziele verfolgt die Deutsche Leberhilfe, um die Situation zu verbessern?

Niederau: Die Deutsche Leberhilfe setzt sich als Patientenorganisation in Kooperation mit der Deutschen Leberstiftung dafür ein, dass die Leberwerte Teil des Check-up 35 werden, eine der wenigen Gelegenheiten, vorsorglich auch nach der Leber zu schauen. Versicherer verlangen diese Werte übrigens immer, weil sie deren Bedeutung kennen. Es wäre wünschenswert, wenn die Gesundheitspolitik dieser Erkenntnis folgen würde. Wenn es uns gelingt, die Hausärzte verstärkt für Lebererkrankungen zu sensibilisieren, sind wir überzeugt, die Zahl unerkannter Leberkrankheiten reduzieren zu können.

Ärzte Zeitung: Man kann immer wieder von der zunehmenden Zahl von Patienten mit nicht-alkoholischer Fettleberhepatitis (NASH) lesen, deren Diagnostik oft verzögert ist. Wie gelingt die Abgrenzung zur einfachen Fettleber und zur alkoholbedingten Hepatitis?

Niederau: Um die Diagnose Fettleberhepatitis sichern zu können, kommt man letztlich ohne Leberbiopsie nicht aus. Es bleibt eine Interpretationsfrage, wen von den vielen Fettleber-Patienten ich punktieren muss und wen nicht. Da helfen Hinweise auf NASH wie die Risikofaktoren Diabetes mellitus, Adipositas und Hyperlipidämie. Aber auch wenn man merkt, dass doch Alkohol im Spiel ist und der Patient das Trinken nicht aufgeben wird, wenn er nicht harte Gründe dafür geliefert bekommt, kann nach meiner Erfahrung diese diagnostische Maßnahme hilfreich sein. Sinnvoll ist die Leberbiopsie natürlich immer nur dann, wenn sie voraussichtlich auch Konsequenzen für den Lebensstil oder die Therapie haben wird.

Ärzte Zeitung: Selbst bei Kindern und Jugendlichen findet man bereits erhöhte Leberwerte, manche entwickeln bereits eine NASH ...

Niederau: Ja, das ist ein zunehmendes Problem, da immer mehr Kinder und Jugendliche stark übergewichtig sind. Und es gibt zunehmend Typ-2-Diabetiker bereits in dieser Altersgruppe - ein großes Problem für die Zukunft. Denn wer im Alter von 15 Jahren eine NASH hat, hat in den folgenden Jahrzehnten ein erhebliches Risiko für schwere Leberfolgeerkrankungen. Hier muss auf gesellschaftlicher Ebene etwas geschehen, um gesunde Ernährung und sportliche Aktivität verstärkt zu propagieren. Diese Epidemie des Übergewichts ist eine gesundheitspolitische Aufgabe. Bewältigen wir sie nicht, werden wir in zehn Jahren die Probleme haben, die wir heute bereits in Nordamerika besichtigen können.

Ärzte Zeitung: 40 Prozent aller Lebererkrankungen in Deutschland sollen einen alkoholbedingten Hintergrund haben. Wie kann man das ändern?

Niederau: Ich glaube, dass es nicht mehr so viele sind. Inzwischen spielen Übergewicht und Diabetes mellitus eine ähnlich große Rolle für die Entwicklung von Leberkrankheiten wie der Alkohol. Häufig kann man all dies aber gar nicht voneinander trennen: Übergewichtige trinken ja oft auch Alkohol, und viele Alkoholkranke haben vom Lebensstil her Risikofaktoren für eine Virushepatitis. Wir haben keine andere Wahl, die Menschen immer wieder darüber zu informieren, was passiert, wenn sie ihr Risikoverhalten fortsetzen. Besonders leberschädlich ist das Komasaufen, wie wir es bei Jugendlichen und teilweise sogar bei Kindern gehäuft erleben. Da hilft nur Aufklärung auf allen Ebenen.

Das Interview führte Thomas Meißner.

Prof. Claus Niederau

Ausbildung: Medizinstudium an der Uni Düsseldorf, 1979 Approbation, 1987 Facharzt für Innere, 1989 Teilgebiet Gastroenterologie, 1992 Ernennung zum Professor auf Lebenszeit

Werdegang: Fellow im Department of Medicine der University of California, Oberarzt der Abteilung Gastroenterologie der Uni Düsseldorf, seit 1998 Direktor der Klinik für Innere Medizin am St. Josef-Hospital in Oberhausen

Mitgliedschaften: Vorstandsvorsitzender der Deutschen Leberhilfe, Vorstandsmitglied des Kompetenznetzwerks Hepatitis

Infos im Web

www.lebertag.org hat alle Infos rund um den Deutschen Lebertag am 20. November und eine Übersicht über alle Veranstaltungen, die um diesen Tag herum stattfinden

www.leberhilfe.org ist das Onlineangebot der Deutschen Leberhilfe, es wurde zum heutigen Deutschen Lebertag komplett überarbeitet und deutlich erweitert

www.kompetenznetz-hepatitis.de hat unter anderen auch die aktuelle Leitlinie zum Herunterladen (im Bereich "Download-Center"); zudem bietet die Seite die Möglichkeit, Patienten in Studien aufnehmen zu lassen (unter "Hep-Net Study House")

www.deutsche-leberstiftung.de ist die Website der Deutschen Leberstiftung; hier gibt es etwa einen Algorithmus zur Diagnose und zum Management bei erhöhten Leberwerten (unter "Check-up für die Leber")

www.rki.de - hier gibt's Merkblätter zu Hepatitiden für Ärzte (unter "Infektionskrankheiten A-Z")

www.hepatitis-c.de bietet die Infos des Hepatitis-C-Forums

www.lebertest.de - hier können User einen Online-Test zur Lebergesundheit machen; auch auf türkisch

www.HepB.de ist die Website einer Aufklärungskampagne zur Hepatitis B

Daten

350 Millionen Menschen weltweit sind chronische Träger des Hepatitis-B-Virus (HBV). In Ost- und Süd-Europa wird die HBV-Prävalenz auf bis zu acht Prozent geschätzt (Epid Bull 46, 2008).

Fünf bis sieben Prozent der Weltbevölkerung sind demnach chronisch mit HBV infiziert.

400 000 bis 500 000 Menschen sind in Deutschland nach Schätzungen mit dem Hepatitis-B-Virus infiziert (Hepatitis B, RKI-Merkbl für Ärzte 2004).

30 Prozent aller Leberzirrhosen und jedes zweite hepatozelluläre Karzinom werden auf Hepatitis B zurückgeführt (Epid Bull 46, 2008).

5300 Neuerkrankungen durch Leberkrebs gibt es in Deutschland jedes Jahr

100 Mal ansteckender als HIV ist das Hepatitis-B-Virus (HBV). HBV kann bis zu sieben Tage außerhalb des Körpers intakt und damit infektiös bleiben (Epid Bull 46, 2008).

Proteasehemmer haben sich in der Therapie bei Hepatitis C in Phase-III-Studien bewährt - in Kombination mit Ribavirin und peg-Interferon. Die Markteinführung wird 2011 erwartet.

Drei Injektionen müssen für eine Grundimmunisierung gegen Hepatitis B erfolgen. Die Impfung ist für Säuglinge, Kinder und Jugendliche GKV-Leistung.

Lesen Sie dazu auch: Wann auf Hepatitis B und C testen?

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