Direkt zum Inhaltsbereich

Tropenkrankheiten

London Declaration entfaltet ihre Wirkung

Arzneispenden und Hilfsprogramme – in der "London Declaration" verpflichteten sich Pharmafirmen und Hilfsorganisationen vor fünf Jahren der Ausrottung und Eindämmung von zehn vernachlässigten Tropenkrankheiten. Erfolge sind sichtbar.

Matthias WallenfelsVon Matthias Wallenfels Veröffentlicht:
Saugwürmer bedrohen Millionen Menschen als Bilharzioseerreger.

Saugwürmer bedrohen Millionen Menschen als Bilharzioseerreger.

© Science Photo Library / Agentur Focus

Der Wirkstoff L-Praziquantel, kindgerecht formuliert, steht exemplarisch für den Kampf gegen zehn vernachlässigte Tropenkrankheiten (Neglected Tropical Diseases /NTD). Am 30. Januar 2012 hat sich ein Bündnis aus forschenden Pharmaunternehmen, Hilfsorganisationen, mehreren Staatsregierungen sowie der Weltbank unter dem Dach der Uniting to Combat Neglected Tropical Diseases Coalition mit der Verabschiedung der "London Declaration" bis 2020 der Ausrottung oder Eindämmung von zehn NTD verpflichtet.

Konkret sind dies die afrikanische Trypanosomiasis (Schlafkrankheit), die Chagas-Krankheit (südamerikanische Trypanosomiasis), die viszerale Leishmaniose, Lepra, die Bilharziose (Schistosomiasis), die chronische Infektion mit bodenübertragenen Helminthen, das Trachom, die Onchozerkose, die lymphatische Filariose und Onchozerkose (Guineawurmbefall) sowie die Elefantiasis. Der Clou: Die Pharmafirmen versprachen, unter anderem Arzneimittel für rund 14 Milliarden Behandlungen zu spenden. Zudem solle die Arzneiforschung in puncto NTD intensiviert werden.

L-Praziquantel, das sich momentan in der klinischen Phase II befindet, soll bei Kindern zur Behandlung von Bilharziose angewendet werden. Entwickelt wird es von Merck und Astellas in Kooperation mit dem Pediatric Praziquantel Consortium – und damit in einer in der London Declaration verankerten Produktentwicklungspartnerschaft (Product Development Partnership, PDP). Für dieses Jahr ist eine klinische Studie der Phase III vorgesehen, 2018 soll es in das Zulassungsverfahren gehen.

Entwicklungspartnerschaften als Vehikel

Beispiele für große PDP sind das Medicines for Malaria Venture (MMV), die TB Alliance, die Drugs for Neglected Diseases Initiative (DNDi), die PATH – Malaria Vaccine Initiative (PATH-MVI) und die Tuberculosis Vaccine Initiative (TBVI). Wie der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) hinweist, werde im Zuge einer PDP der finanzielle Aufwand für die Entwicklung auf mehrere Partner verteilt; im Gegenzug müssen sich beteiligte Unternehmen verpflichten, jedes aus der gemeinsamen Arbeit hervorgehende Medikament an betroffene ärmere Länder später zu Sonderkonditionen zu liefern.

Der internationale Pharmaverband IFPMA hat 142 Projekte für Medikamente gegen die genannten Krankheiten in größeren PDP oder kleineren akademisch-industriellen Kooperationen identifiziert, an denen Pharmafirmen mitwirken. Generikafirmen zeichneten sich nicht gerade im Kampf gegen NTD aus, wie der vfa betont.

Wie aus dem 2016 veröffentlichten "4th Progress Report on the London Declaration on Neglected Tropical Diseases" hervorgeht, den aktuellsten Zahlen, die vorliegen, haben forschende Pharma-Unternehmen 2015 zum Kampf gegen NTD Medikamente für 1,5 Milliarden Behandlungen gespendet – ein neuer Rekord (wir berichteten). Die Erfolge dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die London Declaration nicht die allein selig machende Lösung im Kampf gegen die NTD darstellt.

"Die London Declaration ist der wichtigste Motor für Fortschritte in der weltweiten NTD-Bekämpfung", erläutert Dr. Rolf Hömke, beim vfa NTD-Spezialist, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Gleichzeitig weist er aber daraufhin, dass defizitäre Strukturen – auch im Gesundheits- und Bildungswesen – in vielen besonders von NTD betroffenen Staaten eine hohe Hürde in der Zielerreichung der London Declaration darstellen.

Das Problem ist alles andere als unbekannt, rückte aber nach der Verabschiedung der "2030 Agenda für nachhaltige Entwicklung" Ende September 2015 im Zuge des UN-Nachhaltigkeitsgipfels in New York wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Insgesamt 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) sollen im Zeitraum von 2016 bis 2030 erreicht werden, unter anderem eine optimierte Gesundheitsversorgung. Unter Ziel Nummer drei – "Health" – sind Bestrebungen subsumiert.

So soll dafür Sorge getragen werden, dass niemand zurückbleibt und auch epidemische Krankheiten wie Aids, Tuberkulose, Malaria oder Ebola ausgerottet werden. Aber auch hier gibt es – wie bei den NTD – bei der angestrebten Realisierung Imponderabilien wie korrupte, kleptokratisch-nepotistische Staatsstrukturen.

Wird die WHO zunehmend zum Bremsklotz?

Sicher werden sich die Pharmafirmen als weiterer Treiber im Kampf gegen die NTD erfolgreich positionieren können. Fraglich ist indes, ob die WHO, die im vergangenen Jahr das Myzetom als 18. Krankheit in ihren Katalog der zu priorisierenden NTD aufgenommen hat, noch genug Strahlkraft entfalten kann. Denn die hat sich erst einmal eigene Reformen verordnetn – nachdem Generaldirektorin Margaret Chan im Mai 2016 zur 69. Weltgesundheitsversammlung in Genf explizit Versorgungsversäumnisse im Zuge der Ebola-Krise in Westafrika eingeräumt hatte –, die fast alle Arbeitsbereiche affektieren dürfte. Gerade in komplexen Strukturen wie der WHO kosten Reformen Kraft, die den Betrieb erlahmen lassen.

Mehr zum Thema

Impflücken

So lassen sich Impfquoten steigern

Immunseneszenz

Einnahme von Spermidin wohl mit verbesserter Impfantwort verbunden

Das könnte Sie auch interessieren
Neue Empfehlung zu HWI und Zystitis

© EAU

Ergänzung EAU-Leitlinie 2026

Neue Empfehlung zu HWI und Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Therapie bei unkomplizierter Zystitis

© Dr_Microbe | Adobe Stock

Evidenz, Resistenz & Wirksamkeit

Therapie bei unkomplizierter Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Vaginalmykosen neu denken: Pathogenese, Zyklus und Therapie

© piyato | iStock

Vaginalmykose im Fokus

Vaginalmykosen neu denken: Pathogenese, Zyklus und Therapie

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Intimhygiene: Was die vaginale Schleimhaut wirklich braucht

© iStock / okskukuruza

Vaginale Gesundheit

Intimhygiene: Was die vaginale Schleimhaut wirklich braucht

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Logo vom ÄrzteTag extra der Ärzte Zeitung mit dem Porträt des Podcast-Gesprächspartners Reinhard Pfingsten von der apoBank

© apoBank

„ÄrzteTag extra“-Podcast

Wie können Ärztinnen und Ärzte das neue Altersvorsorgedepot für den Ruhestand nutzen, Herr Pfingsten?

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Deutscher Apotheker- und Ärztebank (apoBank)
Abb. 1: Impfstoffeffektivität gegen Post COVID-Beschwerden

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [14]

Jährliche COVID-19-Impfung

Empfohlen für ein breites Risikokollektiv

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: BioNTech Europe GmbH, Mainz
Wissenschaft in Medizin übertragen

© Regeneron

Forschung und Entwicklung

Wissenschaft in Medizin übertragen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Regeneron GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Fünf Säulen der Behandlung

COPD: Das empfiehlt die aktualisierte Leitlinie

Lesetipps
Eine ältere Dame erhält eine Impfung in den Oberarm.

© Anchiy / Getty Images / iStock

Übersicht

Impfungen gegen Atemwegserreger: Das sind die aktuellen Empfehlungen

Euro Geldscheine mit Münzen und Stethosko

© PhotographyByMK / stock.adobe.com

Update

Honorarverhandlungen: Haus- und Fachärzte reagieren sauer

Ärzte und Krankenkassen einigen sich auf das Honorar 2027