Brechdurchfall

Mit Zitronensaft gegen Noroviren?

Forscher aus Heidelberg haben offenbar eine so simple wie wirksame Methode gefunden, die hochansteckenden Noroviren unschädlich zu machen: Zitronensäure als Desinfektionsmittel.

Veröffentlicht: 26.08.2015, 07:06 Uhr

HEIDELBERG. Zitronensäure bindet an hochansteckende Noroviren und hindert sie möglicherweise daran, menschliche Zellen zu infizieren, haben Forscher aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg herausgefunden (Virology 2015, 485: 199-204).

Zitronensaft könnte sich daher als sicheres, gesundheitlich unbedenkliches Desinfektionsmittel gegen die verbreiteten Erreger eignen, heißt es in einer Mitteilung des DKFZ zur Veröffentlichung der Studie.

Noroviren werden ja fäkal-oral übertragen, also über kontaminierte Hände oder verunreinigte Lebensmittel. "Daher ist es wichtig, ein sicheres und gesundheitlich unbedenkliches Desinfektionsmittel zur Verfügung zu haben", erklärt Grant Hansman, der Leiter der C.H.S.-Nachwuchsgruppe Noroviren am DKFZ und der Universität Heidelberg.

Auch Orangenextrakt reduziert Infektionsfähigkeit

Die Gruppe wird von der C.H.S.-Stiftung gefördert. Von früheren Beobachtungen wissen Forscher, dass Fruchtextrakte, etwa Orangen- oder Granatapfelsaft, die Infektionsfähigkeit von Noroviren reduzieren können.

Bereits als Grant Hansman noch in den USA an den National Institutes of Health forschte, hatte er durch Zufall entdeckt, dass das Citrat aus dem Chemikalienhandel an die Kapselproteine von Noroviren binden kann.

Diesen Zufallsbefund verfolgte der Virologe in Heidelberg weiter.Weil sich Noroviren nicht in Zellen in der Kulturschale oder in Tieren vermehren lassen, verwendeten die Forscher für ihre Versuche keine intakten Erreger, sondern so genannte "virus-like particles". Diese leeren Virus-Proteinkapseln haben die gleichen Oberflächeneigenschaften wie echte Viren.

In ihrer aktuellen Arbeit zeigen Hansmann und seine Mitarbeiter, dass Viruspartikel nach Citrat-Bindung ihre Gestalt verändern. Eine Röntgenstrukturanalyse ergab, dass das Citrat - aus Zitronensaft oder aus citrathaltigen Desinfektionsmitteln - genau an die Stelle bindet, mit der das Virus beim Infektionsvorgang mit den Körperzellen in Kontakt tritt.

Die Ergebnisse erklären, warum Citrat die Infektionsfähigkeit von Noroviren reduziert."Vielleicht sind ja die paar Tropfen Zitronensaft, die man üblicherweise auf eine Auster träufelt, eine guter Infektionsschutz", wird Grant Hansman in der Mitteilung des DKFZ zitiert.

Der Virologe schätzt, dass die Citratmenge im Saft einer Zitrone ausreichen könnte, um beispielsweise die Hände zu dekontaminieren. Mit seinen Mitarbeitern will er nun untersuchen, ob Zitronensäure auch bei bereits erfolgter Norovirus-Infektion die Symptome lindern kann. (eb)

Kommentare
Dr. Thomas Georg Schätzler

Vorsicht: Keine voreiligen Schlussfolgerungen! 3.0

Neben der bereits beschriebenen Schwachstelle, dass das RKI von aerogenen Übertragungsmöglichkeiten der Noro-Viren berichtet, gibt es ein weiteres Manko in der Berichterstattung über die Virology-Studie von Grant Hansman et al.

Denn es handelte sich mitnichten um vielleicht sogar frisch gepressten Zitronensaft aus unbehandelten Bio-Zitronen, wie auch die ELSEVIER-Medizin-Redaktion ebenso spekulativ ["Citrate from lemon juice binds to the norovirus capsid"] wie irreführend glauben machen möchte. In der Virology-Publikation selbst wurde dagegen ausschließlich über standardisierten Zitrat-Puffer publiziert ["...norovirus virus-like particles (VLPs) treated with citrate buffer..."]. Zitronensäure-Monohydrat ["Citric acid monohydrate, C6H8O7 • H2O"] wird als "Citrate Buffer" z. B. von der Firma Merck-Millipore für den Laborbedarf produziert und angeboten.

Ein Zitrat-Puffer-/Zitronensaft-Raumspray wurde n i c h t gegen Noroviren getestet. Die hier zitierte Virology-Untersuchung erlaubt allenfalls Rückschlüsse auf Kontaminations-, Scheuer-Wisch- oder Flächendesinfektion, vernachlässigt aber völlig die aerogenen Übertragungsmöglichkeiten von Noro-Viren.

Die C. H. S.-Nachwuchsgruppe Noroviren am DKFZ und der Universität Heidelberg ["CHS Foundation, University of Heidelberg, and DKFZ. Norovirus Study Group, Im Neuenheimer Feld 242, Heidelberg 69120, Germany"] weist methodologische Lücken auf.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Rudolf Hege

Laienmeinung?

Sehr geehrter Herr Dr. Schätzler,

Sie meinen, der Chefarzt war ein Laie? Ansonsten kann ich ehrlich gesagt keinen Zusammenhang zwischen der Desinfektion von Operationswunden, sowie medizinisch nicht notwendigen Eingriffen und der Empfehlung von Zitronensäure für die Handdesinfektion als Vorbeugung vor Norovirus-Infektionen erkennen.

Eigentlich sollte man doch über jede positive Erweiterung der medizinischen Möglichkeiten erfreut sein.

Dr. Thomas Georg Schätzler

Unbedarfte Laien-Meinungen!?

Hier sollten sich Kommentatoren besser zurückhalten!
Erinnern wir uns doch bitte an die Ärzte Zeitung vom 2.4.2012:

"Zitronensaft-Skandal: Ex-Chefarzt bleibt in Haft

Er hat Operationswunden mit Zitronensaft gereinigt und medizinisch nicht notwendige Eingriffe vorgenommen. Vier Jahre Haft lautete das Urteil für den ehemaligen Chefarzt der Sankt Antonius Klinik - nun ist auch die Bewährung abgelehnt worden."

Quelle: http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/klinikmanagement/article/809661/zitronensaft-skandal-ex-chefarzt-bleibt-haft.html?sh=12&h=1345539262

Rudolf Hege

Harmlose Alternative

Zitronensäure ist - vergleichsweise - harmlos bei äußerlicher Anwendung. Nebenbei auch noch sehr billig herzustellen. Insofern ist es begrüßenswert, dass hier eine zusätzliche Option gefunden wurde. Deshalb verlieren andere Mittel ja nicht ihren Wert.

Es wäre in der Tat interessant, ob ein Citrat-Raumspray z.B. in Krankenzimmern oder auf Toiletten die Infektionsrate senken kann. Der Beweis steht aus.

Dr. Wolfgang P. Bayerl

kein Grund zur Aufregung, es ist ja wirklich nicht so, dass es keine viruziden Desinfektionsmittel gäbe

und für beruflichen Einsatz in Deutschland (Krankenhaus, Altersheim Arztpraxis) müssen sie alle bitte VAH-gelistet sein (Routine) oder im Infektionsfall RKI-gelistet sein,
... und das dauert :-)

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