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Präventionsprojekt

"Nicht jeder Arzt erkennt eine Gehirnerschütterung"

Der Unfallchirurg Dr. Axel Gänsslen will mit seiner Initiative "Schütz Deinen Kopf" ein frühes Erkennen einer Commotio fördern.

Christoph BarkewitzVon Christoph Barkewitz Veröffentlicht:
Unfallchirurg Dr. Axel Gänsslen mit Modellen eines Gehirns und eines Schädels.

Unfallchirurg Dr. Axel Gänsslen mit Modellen eines Gehirns und eines Schädels.

© Christoph Barkewitz

FRANKFURT/MAIN. Die Zielgruppe von Dr. Axel Gänsslen ist groß: Schüler, Sportler, Trainer, Durchgangsärzte – alle versucht er im Zuge der von ihm ins Leben gerufenen Initiative "Schütz Deinen Kopf!" für Gehirnerschütterungen im Sport zu sensibilisieren.

Denn: "Nicht jeder Arzt erkennt eine Gehirnerschütterung, Ärzte müssen genauso geschult werden", sagt der Unfallchirurg vom Klinikum Wolfsburg und Mannschaftsarzt des Eishockey-Klubs Grizzlys Wolfsburg.

Am Dienstag referierte er vor einer weitaus jüngeren Klientel, den Schülern des Wahlfachs "Schulsanitätsdienst" der Schillerschule in Frankfurt.

Den jungen Helfern misst Gänsslen eine besondere Bedeutung zu, denn Gehirnerschütterungen seien einerseits an Schulen und im Schulsport eine besonders häufige Verletzung, andererseits bräuchten Kinder und Jugendliche länger zur Erholung von einer Commotio als Erwachsene.

In mehreren Arbeitsgruppen brachte Gänsslen den jungen Leuten den Aufbau des Gehirns mittels eines Modells nahe, ließ sie Zahlenreihen lesen und Gleichgewichtstests machen und zeigte ihnen Videos von betroffenen Sportlen.

Wie den Nationalspieler Christoph Kramer, der im Finale der Fußball-WM 2014 am Kopf getroffen erkennbar angeschlagen über den Platz taumelte.

Verdacht auf Gehirnerschütterung bei jährlich mehr als 200.000 Menschen

Die Initiative

Bei der Initiative „Schütz Deinen Kopf! Gehirnerschütterungen im Sport“ arbeitet die ZNS – Hannelore Kohl Stiftung mit Organisationen, Medizinern und Sportverbänden zusammen, um Sportler, ihre Familien, Trainer, Lehrer und Ärzte für das Thema Gehirnerschütterung und ihre Folgen zu erkennen.

Informationen, den Link zur App und Kontaktadressen von Unfallkliniken und Neuropsychologen auf www.schuetzdeinenkopf.de

Seine Botschaft an die künftigen Schulsanitäter: Einen angeschlagenen Schüler nicht weiter am Sport teilnehmen lassen, nicht alleine lassen, zum Hausarzt bringen. Dann könne der Schüler idealtypisch in fünf Tagen zurück in die Schule, in zehn Tagen wieder am Sport teilnehmen.

Zum Erkennen soll unter anderem die kostenlose App "GET – Gehirn Erschüttert? TestAPP!" dienen. Mittels Reaktionstests könne damit eine Gehirnerschütterung erkannt werden.

"Schütz Deinen Kopf" ist eine Initiative der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung" für Verletzte mit Schäden des Zentralen Nervensystems. Deren Mithilfe hatten Gänsslen und ein befreundeter Neurologe gesucht, als sie vor sieben Jahren die Initiative gründeten.

Die ebenfalls anwesende frühere Bundesfamilienministerin und ehemalige Stiftungs-Präsidentin Dr. Kristina Schröder sagte, Gehirnerschütterungen seien lange bagatellisiert worden: "40.000 diagnostizierte leichte Schädelhirnverletzungen und eine um ein Vielfaches höhere Dunkelziffer drängen uns zum Handeln."

In der Tat berichtet Gänsslen von mehr als 200.000 Patienten jährlich, die mit Verdacht auf eine Gehirnerschütterung ins Krankenhaus kämen.

Auch Ärzte sollten geschult werden

Zwischen sechs und acht Vorträge hält Gänsslen jährlich – und schielt dabei auch immer in Richtung Politik.

So würde er sich beispielsweise wünschen, dass Schüler nach einer überstandenen Commotio zunächst mal nur vier Stunden in die Schule gingen. Im Sinne einer "Schulbelastungsprobe". Da habe er den Wunsch an die Kultusministerkonferenz, "dieses Thema mal aufzugreifen".

Hessens Kultusminister Professor Alexander Lorz (CDU) sagte im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung", läge der Schule ein derart ausgestelltes Attest vor, würde dies auch heute schon berücksichtigt.

Es bedürfe natürlich zuvor zunächst eines Arztes, der ein solches ausstelle. Deshalb begrüße er Gänsslens Vorstoß, auch Ärzte zu schulen.

In der kommenden Legislaturperiode wolle sein Haus auch Konzepte erarbeiten, mehr Erste-Hilfe-Angebote in die Schulen zu bringen.

Denn ein Wahlfach "Schulsanitätsdienst" wie an der Schillerschule ist keineswegs der Regelfall in Hessen. An dem Frankfurter Gymnasium gibt es diese Option seit 2008 in Zusammenarbeit mit dem Arbeiter-Samariter-Bund und der Unfallkasse Hessen.

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