Vegane Kost als Ersatzreligion

Radikalisierung der Ernährung schreitet munter voran

Nur noch Sojawürste und Superfood? Wer seine Ernährung mit religiösem Eifer betreibt, leidet möglicherweise an einer Essstörung. Und die kann Folgen für die ganze Familie haben.

Von Thomas Müller Veröffentlicht: 08.01.2018, 05:01 Uhr
Radikalisierung der Ernährung schreitet munter voran

Nur einfach konsequent oder schon fanatisch? In Ernährungsfragen gibt es einen deutlichen Trend zur Ideologisierung.

© MangoStar_Studio / Getty Images / iStock

Früher haben die Menschen gefastet, um in den Himmel zu kommen, heute fasten sie, um gesund in den Himmel zu kommen", ätzte Dr. Manfred Lütz bei einer Veranstaltung in Berlin. Die Ernährung, so der Kölner Psychiater, Theologe und Kabarettist, ist zur neuen Religion geworden.

Der Trend zur Ideologisierung wenn nicht gar Radikalisierung schreitet munter voran, können auch andere Psychiater bestätigen. "Es ist schon erstaunlich, welche Leute zu unseren Infoveranstaltungen kommen", berichtet Professor Hans Hauner, Direktor am Zentrum für Ernährungsmedizin der TU München. Er erlebt immer wieder, wie schwer es Veganern und Vegetariern fällt, auf eine gute Versorgung mit B-Vitaminen zu achten, vor allem auch in der Schwangerschaft. Gerne nennt er dann Studien, in denen Föten unter Vitaminmangel zu klein wurden. Vitamin B12 zu supplementieren sei aber ein Vorschlag, der häufig nicht gut ankomme. "Dann sind die Kinder eben klein, mir geht es ums Prinzip", bekam er schon zu hören. "Hier steht oft eine Ideologie im Vordergrund, die man nicht mit rationalen Argumenten beseitigen kann", sagte Hauner.

Gesunde Ernährung oder Gesundheitswahn?

Wo genau die Grenzlinie zwischen gesunder Ernährung und Gesundheitswahn verläuft, ist mitunter schwer zu erkennen. Einig sind sich Ernährungsmediziner und Psychiater aber in einem Punkt: Die Bedeutung der Nahrungszufuhr hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in den wohlstandsgesättigten Industrienationen einen enormen Wandel erfahren. "Ernährung dient immer mehr dazu, sich darzustellen und sozial abzugrenzen. Deshalb steigt das Interesse am Thema Essen sowie an extremen bis absurden Ernährungsformen", erläuterte der Experte.

Die Medien befeuerten zudem immer wieder neue Ernährungstrends, oft von Starköchen oder Schauspielern propagiert, garniert mit blumigen Versprechen und angeblich hohem Gesundheitswert, aber meist völlig frei von wissenschaftlichen Fakten. "Hier sehen wir oft eine gnadenlose Ausbeutung von Emotionen", sagte Hauner und sprach von häufig unseriöser Geschäftemacherei. Galt billiger Analogkäse auf der Pizza vor Kurzem noch als Skandal, so werde er heute als teures Edelprodukt an Veganer verkauft, oft mit deutlich mehr Zusatzstoffen als richtiger Käse. Ähnliches gelte auch für Ersatzwurst; solche Lebensmittel müssten mit vielen Additiva versehen werden, um sich in Geschmack und Konsistenz den traditionellen Lebensmitteln zu nähern.

Kein gutes Haar ließ der Ernährungswissenschaftler auch an sogenannten "Superfoods" wie Chiasamen, die in ihrer mittelamerikanischen Heimat keiner ohne Not essen würde, die hier aber teuer verkauft werden. Vom Nährstoffgehalt könne es Chia nicht einmal mit dem heimischen Leinsamen aufnehmen. " Ein gesundheitlicher Mehrwert von Superfoods im Vergleich zu heimischem Obst und Gemüse ist nicht erkennbar", so Hauner.

Nun ist es natürlich noch lange kein Fall für den Psychiater, wenn Menschen haltlosen Versprechen auf den Leim gehen und viel Geld für billigen Analogkäse und Ersatzwürste ausgeben. Für Ärzte wird es aber interessant, wenn solche Menschen dabei Schäden für sich oder anderen in Kauf nehmen – wie die Schwangere, die B-Vitamine für Teufelszeug hält. In solchen Fällen sei damit zu rechnen, dass die Betroffenen an einer Essstörung litten oder eine solche entwickelten, erläuterte Dr. Martin Greetfeld, Oberarzt an der Schön Klinik Roseneck in Prien.

Erste Station auf dem Weg zur Anorexie

Der Facharzt für Psychiatrie und psychosomatische Medizin nannte als Beispiel eine 21-jährige Veganerin aus seiner Klinik. Die Frau hatte ein Jahr vor der Aufnahme einen starken Fokus auf gesunde Ernährung gelegt und dies sowohl mit einem positiven Lebensgefühl als auch ethischen Aspekten begründet. Ihr selbst verhalf die Ernährung zu mehr Anerkennung und einer Selbstwertstabilisierung.

Irgendwann, so Greetfeld, verfiel sie aber in ein stark orthorektisches Ernährungsverhalten. Dieses diente dann als Vorwand für die Nahrungsrestriktion. Schließlich war sie nach eigenen Angaben nicht mehr in der Lage, ihr Verhalten kritisch zu hinterfragen und entwickelte eine ausgeprägte Anorexie – bei der Klinikaufnahme hatte sie einen BMI von knapp über 13.

Offenbar ist ein solcher Verlauf bei Anorexie- und Bulimiepatienten nicht selten. Greetfeld verwies auf eine Untersuchung bei 437 Patienten an der eigenen Klinik; die meisten kamen aufgrund einer Anorexie oder Depression. Rund 18 Prozent der Patienten mit Anorexie oder Bulimie waren Vegetarier, aber nur 4 Prozent der Depressiven – bei ihnen lag die Rate auf dem Niveau der Allgemeinbevölkerung. Bei 38 Prozent der Patienten mit Anorexie und 25 Prozent mit Bulimie konnten die Ärzte auch eine Orthorexie feststellen – also ein pathologische Fixierung auf eine vermeintlich gesunde Ernährung. Unter den Depressiven waren es nur 2 Prozent und damit nicht mehr als in der übrigen Bevölkerung.

Besonders kritisch bei der Ernährung seien ideologische Einengungen und das Gefühl einer moralischen Überlegenheit sowie eine soziale Isolation mit eingeschränkter Lebensqualität: Wer nur noch bestimmte Lebensmittel essen kann, wird irgendwann keine Einladungen zum Ausgehen oder zu Partys mehr annehmen. Um solche Menschen wird es dann sehr schnell einsam.

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Kommentare
Stefanie Schuler

Kurze Stellungnahme

Sehr geehrte Damen und Herren,

Zu einigen der im Artikel genannten Punkte möchte ich gerne Stellung beziehen.

1. Der Verfasser des Artikels spricht lediglich von Veganismus als Ideologie, lässt dabei aber außer Acht, dass es sich bei Karnismus (an dieser Stelle ein Verweis auf die Harvard-Psychologin Dr. Melanie Joy) ebenfalls um eine Ideologie handelt.

2."Der Trend zur Ideologisierung wenn nicht gar Radikalisierung schreitet munter voran, können auch andere Psychiater bestätigen. "Es ist schon erstaunlich, welche Leute zu unseren Infoveranstaltungen kommen", berichtet Professor Hans Hauner, Direktor am Zentrum für Ernährungsmedizin der TU München."

-> Genau das ist der Punkt, er erlebt immer nur einen (Teil-) Ausschnitt aus der Gesamtgruppe all derer, die sich vegan ernähren. Und in Kliniken kann er immer nur Erfahrungen mit denen machen, die noch nicht wissen, wie sie sich individuell passend vegan ernähren können - was übrigens viel leichter herauszufinden wäre, würden Ärzte im Studium auch ein Modul zur Ernährung durchlaufen (im "neuen" Modellstudiengang Medizin an der Universität zu Köln ist Ernährung nur ein Wahlmodul. Im schlimmsten Fall sitzt man als Patient also später einem Arzt gegenüber, der auch nicht viel mehr über Ernährung weiß, als man selbst, jedenfalls nicht aus dem Studium...).
Die, die sich gesund und verantwortungsvoll vegan ernähren, erlebt er als Arzt gar nicht, weil sie nie in die Klinik kommen. Dadurch entsteht im Ergebnis ein verzerrtes Bild.

3. Ich kenne keinen einzigen Veganer/Veganerin, der/die eine Vitamin B12-Supplementierung unterlässt, geschweige denn gezielt verweigert. Beim Großteil der mir bekannten VeganerInnen handelt es sich um Akademiker und keineswegs um ignorante Minderbemittelte.

4. "[...] frei von wissenschaftlichen Fakten".
Im deutschsprachigen Raum haben sich Prof. Andreas Michalsen und Prof. Claus Leitzmann für eine vegane Ernährung ausgesprochen. Im englischsprachigen Raum Prof. Colin Campbell, um nur 3 Professoren zu nennen. Wissenschaftliche Studien, die die Vorteile einer rein pflanzlichen Ernährung darlegen, existieren mittlerweile zu genüge. Von den Arbeiten der hier genannten einmal abgesehen: Selbst, wer der englischen Sprache nicht mächtig ist, hat inzwischen auch auf Deutsch Zugriff auf die wissenschaftliche Literatur hierzu (beispielsweise wurde im letzten Jahr auch das neueste Buch von Dr. Michael Greger auf Deutsch publiziert).

5. Niemand empfiehlt die Ersatzprodukte und die Gründe hierfür liegen auf der Hand. Ich persönliche kenne keine VeganerInnen, deren Ernährung auf Ersatzprodukten basiert. Ebenfalls würde keiner der Erwähnten auf Augenwischereien mit Chiasamen hereinfallen, sondern das im Artikel genannte regionale Äquivalent bevorzugen.

6. Bei den in der Klinik behandelten an Anorexie und Depression erkrankten PatientInnen wird auf einmal von Vegetariern gesprochen und nicht mehr von Veganern. Wer den Artikel nicht aufmerksam, sondern nur auf die Schnelle liest, dem fällt der inhaltliche Wechsel vielleicht nicht auf.
Eine rasche Auffassungsgabe kann man aber von den Lesern dieses Artikels (Ärzte und med. Fachpersonal) aus meiner Sicht schon erwarten. Die mangelnde Differenzierung an dieser Stelle sehe ich als Qualitätsmangel.

7. Ich persönlich kenne niemanden, der sich als VeganerIn moralisch überlegen fühlt und halte dies für ein Vorurteil. Nicht ohne Grund heißt es unter Veganern "Ich fühle mich nicht überlegen, weil ich mich vegan ernähre, sondern ich ernähre mich vegan, weil ich mich nicht überlegen fühle" (den Tieren gegenüber).

8. Wieso der Verfasser auf die Idee kommt, Veganer würden soziale Einladungen ausschlagen und zuhause vereinsamen, ist mir ein Rätsel. Es gibt in jeder Großstadt genügend vegane Restaurants, Cafés usw. Solange man nicht komplett bettlägerig und immobil ist, dürfte das Soziale alles andere als ein Problem sein. Deutschland hat eine Vorreiterstellung inne, was die vegane Ernähr

Iris Flöhrmann

Veganismus als Beispiel für Radikalisierung des Essens- eindeutig Kritik am Veganismus??!!

Es ist mal wieder sehr erhellend, wie schnell ein Artikel, der sich auch mit Veganismus befasst, eine fast schon reflexartige Verteidigung dieser Ernährungsform gegen die vermeintliche Ablehnung ebendieser hervorruft. Wer auch nur ein Fünkchen Kritik übt ist grundsätzlich dagegen ?! Immer wieder läuft die Diskussion dann darauf hinaus, dass alle die nicht vegan essen, Kritikpunkte und Risiken erwähnen den Veganismus absichtlich falsch darstellen und parteiisch sind etc...
Nennen Sie mir doch bitte eine Stelle in dem Artikel, die Veganismus ablehnt und als grundsätzlich falsch für die Menschen darstellt. Ist das wirklich die Kernaussage des Artikels?
Warum muss man betonen, dass man selbst kein Veganer ist, wenn man zum Artikel Stellung bezieht ?
Die Radikalisierung des Essens und dessen Bedeutung als Ersatzreligion wird ja nun schon länger diskutiert. Im Buch von Kai M. Funkschmidt: Erlösung durch Ernährung. Veganismus als Ersatzreligion ebenso wie in diversen Beiträgen in Fach-und Laienmedien. Veganismus ist dabei nun mal aktuell die am intensivsten verbreitete Ernährungsform, die als Trend gilt. Damit ist doch überhaupt kein kausaler Zusammenhang hergestellt, dass alle die diese Ernährungsform für sich entdeckt haben diese auch mit missionarischem Eifer umsetzen, genauso wenig dass ethische Beweggründe zu Essstörungen führen.
Für mich waren die Kernaussagen des Artikels, dass ein zunehmender Trend von Radikalisierung bezüglich des Essens festgestellt wird und diese teilweise Züge annimmt, die auf eine Essstörung hinweisen können, aber nicht müssen. Da Essstörungen ernstzunehmende Erkrankungen sind sollten Ärzte, Psychologen und Ernährungstherapeuten natürlich für entsprechende mögliche Risiken sensibilisiert werden. Störungen werden gemeinhin als Abweichen von der Norm eingestuft. Beispiele die von dieser Norm abweichen helfen es zu erkennen.
Wenn eine schwangere Veganerin in die Beratung kommt und sich herausstellt, dass ihre vegane Ernährung den Mehrbedarf an bestimmten Vitaminen nicht deckt, eine Blutuntersuchung einen Mangel anzeigt, dann wird es aus meiner Sicht pathologisch und meine Aufgabe ist es über Risiken und Maßnahmen aufzuklären. Lässt sich dieser Mangel, der auch eine Gefahr für das Kind ist, nicht durch eine optimiertere Kombination abstellen und lehnt die Frau die notwendige grundsätzliche Substitution von B12 ab, dann ist das eine schwierige Situation, die gelöst werden muss, aber ganz sicher nicht fehlender verständlicher Zusammenarbeitend Wertschätzung geschuldet ist! Für Ernährungstherapeuten gehören diese Punkte zum Standard der Berufsethik. Es wird also sicherlich nicht versucht hier jemand zu werten, umzukrempeln oder die Holzhammerkommunikation durchgeführt.Leider kommen gerade die Menschen, die ihre Ernährungsform als Religion empfinden genauso , wie viele Veganer, nicht zu den Ernährungsfachleuten sondern bereichern sich gegenseitig mit ihrem Halbwissen.
Erfahrungen aus der Praxis vieler Ernährungstherapeuten zeigen, dass zwischen der Aussage : eine gut geplante vegane Ernährung kann den Anforderungen an eine gesunde Ernährung gerecht werden und der Realität wie Veganer tatsächlich essen große Lücken bestehen.
Gerade in Bezug auf Schwangere, Stillende, Säuglinge und Kinder kommen Diätassistenten dabei oft an den Punkt, wo sie aufgrund von akuten Mangelzuständen und daraus resultierenden Gesundheitsschäden eine vegane Ernährungsform nicht mehr verantworten können. Es zeigt sich , dass vegane Ernährung in der Ernährungstherapie meist erst zum Thema wird wenn bereits Probleme aufgetreten sind und seltener mit Beginn der Umstellung.

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass eine objektive Beurteilung von Chancen und Risiken veganer Ernährung nicht erfolgen kann, wenn Veganer und Vegetarier immer in einen Topf geschmissen werden. Das Risiko für Veganer hinsichtlich von Mangelerscheinungen etc

Prof. Dr. Volker Loewenich

Vegane Ernährung

Christian Morgenstern dichtete zu diesem Thema um 1912 herum, da gab es das auch schon:

Ein Hecht, vom heiligen Anton
bekehrt, beschloß samt Frau und Sohn
am vegetarischen Gedanken
moralisch sich empor zu ranken.

Er fraß seit jenem nur noch dies:
Seegras, Seerose und Seegries.
Doch Gries, Gras, Rose floß oh Graus
entsetzlich wieder hinten aus.

Der ganze Teich war angesteckt,
fünfhundert Fische sind verreckt.
Doch Sankt Anton gerufen eilig
sprach nichts als Heilig Heilig Heilig.

Alles schon mal da gewesen, aber so gefährlich sind Vegander dann doch nicht, die schädigen nur sich selber. Tragisch wird es nur für bedauernswerte Föten, da gibt es dann doch eine echte Fremd-Schädigung.

Prof. Dr.med. Volker von Loewenich, Frankfurt a.M.

Dr. Stefan Graf

Hervorragende Darstellung

Besten Dank Herr Müller für diese klaren Worte. Dass Massentierhaltung mit all ihren Konsequenzen, eine Schande ist, steht wohl außer Frage. Ob aber die Totalablehnung alles Tierischen der richtige Weg ist? Meiner Ansicht nach nicht. Es geht nicht um die Frage, "ob" Tierisches, sondern um das Wieviel. Ich halte es für wichtiger,Trends wie "All you can eat", "XXL-Schnitzel" etc. zu stoppen. Mit sinkender Nachfrage machte Massentierhaltung keinen Sinn mehr. Aber niemandem ist geholfen, sich durch dogmatischen Veganismus gesundheitlichen Gefahren auszusetzen. Ein manifetser B12-Mangel führt zu IRREVERSIBLEN Schäden. Mit dem pflanzlichen dreieiwertigen "Nicht-Hämeisen" gibt es oft Probleme (auch bei hoher Vit C-Aufnahme)und um die Versorgung mit allen neun essentiellen AS zu sichern, müssen Veganer recht gut Bescheid wissen, welche Lebensmittel sie kombinieren. Auch dass vegane Ernährung mit höheren Harnsäurewerten einhergeht (Soja, Hülsenfrüchte) wissen viele nicht. Solange Erwachsene sich für diese Ernährungsform entscheiden, ist das in Ordnung. In dem Augenblick, in dem sie Verantwortung für einen kleinen Menschen übernehmen, sieht das anders aus. Vegan und schwanger passt ebenso wenig wie vegan in der Kindheit. Die Entwicklungsstörungen sind später nicht mehr aufzuholen.
Die ethische Motivation kann ich zumindest nachvollziehn. Aber die Behauptung, vegan sei aus gesundheitlicher Sicht der uns "anevolutionierten" omnivoren Ernährung überlegen, das ist durch keine Evidenz belegbar. Und die "pseudoreligiöse" Ernährungsgläubigkeit (dabei geht es nicht nur um vegan), die immer groteskere Blüten treibt (der neueste Schrei ist "veggan" = vegan mit egg)lässt die Essstörungsrate (Anorexie, Orthorexie und auch Adipositas) explodieren.

Cornelia Dölling

Felicitas Kitali

Leserkommentar zum Artikel „Vegane Kost als Ersatzreligion - Radikalisierung der Ernährung schreitet munter voran“

Sehr geehrte Damen und Herren,
im Namen von PETA Deutschland e.V., der mit über einer Million Unterstützern größten Tierrechtsorganisation Deutschlands, schreibe ich Ihnen als Reaktion auf den am 8.1.2018 auf www.aerztezeitung.de erschienenen Beitrag „Vegane Kost als Ersatzreligion – Radikalisierung der Ernährung schreitet munter voran “ von Thomas Müller.
Im Oktober 2017 veröffentlichte das Bundesinstitut für Risikobewertung die Ergebnisse eines Forschungsprojektes zur Einstellungen von Veganerinnen und Veganern. Laut der Befragung des BfR haben Veganer ein fundiertes Ernährungswissen, es gibt aber Informationsbedarf. Aber „wer die vegane Ernährung“, so das BfR weiter, „als gefährlich oder abnormal darstellt, findet wenig Gehör bei der Zielgruppe“. Die Kernaussage des Projektes war deswegen, dass eine effektive Risikokommunikation an bestehende Überzeugungen anknüpfen sollte.
Leider berücksichtigt dies der oben genannte Artikel nicht – wenig zielführend werden hier Einzelfälle verallgemeinert und Vorurteile geschürt. Gegenseitige Wertschätzung sowie korrekte Darstellung der Fakten sind bei der Kommunikation zwischen und über Veganern und Personen des Gesundheitswesens jedoch unumgänglich und sicherlich auch im Sinne der ÄrzteZeitung.
Sie kritisieren selbst und sicherlich auch zu einem Teil zurecht, dass Berichte über Ernährungstrends „meist völlig frei von wissenschaftlichen Fakten“ sind. Leider versäumen aber auch Sie es, die Zusammensetzung von Wurstalternativen mit dem tierischen Pendant zu vergleichen. Dies hätte nämlich gezeigt, dass „Ersatzwurst“ nicht per se über mehr Additiva verfügt als tierische Wurst – so auch das Ergebnis einer Arbeit von Dr. Markus Keller.

Am meisten verwundert mich jedoch der Bezug zwischen Veganismus/Vegetarismus und Essstörung, der schon durch die Überschrift hergestellt wird. Zahlreiche Umfragen verschiedener Institutionen kommen immer wieder zu dem Ergebnis, dass vor allem Ethik, gefolgt von Umweltschutz, das Hauptmotiv für eine vegane oder vegetarische Ernährung ist. Die Arbeit von Kerschke-Risch[1] sei hier als Beispiel genannt.
Andere Untersuchungen, als Beispiel sei hier Timko et al.[2] genannt, deuten sogar darauf hin, dass junge Selten-Fleischesser („Semi-Vegetarier“) häufiger Essstörungen und restriktives Essverhalten entwickeln als wirkliche Vegetarier und Veganer. Letztgenannte weisen sogar die gesündeste Einstellung gegenüber Essen und Nahrungsaufnahme auf.
Mir ist bewusst, dass einige Studien ergeben, dass vegetarische Kostformen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Essstörungen häufiger als in der Gesamtpopulation dieser Altersgruppe zu finden sind. Die vegetarische Ernährung wird in diesen Fällen doch vermutlich eher als gesellschaftlich akzeptierte Möglichkeit gesehen, bestimmte Lebensmittel zu meiden und so eine Essstörung zu kaschieren.
Dass jedoch ein kausaler Zusammenhang zwischen einer ethisch motivierten veganen Ernährung und Essstörungen besteht, war mir bisher nicht bekannt und scheint auch nicht in der von Ihnen erwähnten Untersuchung nachgewiesen worden zu sein. Es wäre schön gewesen, wenn Sie dies deutlicher herausgearbeitet hätten.

Auch in Deutschland gibt es im Bereich der veganen Ernährung erfahrene Wissenschaftler, die beispielsweise im Themengebiet der veganen Ernährung von Kindern beratend tätig sind oder forschen. Die Ausführungen solcher fachkundigen Interviewpartner würden helfen, dass Veganer sich gerne von Ihrem Arzt beraten lassen.
Es würde mich freuen, wenn Sie die oben genannten Aspekte bei künftigen Beiträgen zum Thema vegane Ernährung berücksichtigen würden. Bei Rückfragen, u.a. wie die ethischen Beweggründe einer veganen Ernährung aussehen, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen

--
Felicitas Kitali
Diplom Ernährungswissenschaftlerin
Fachberaterin für vegane Vollwert

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